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Stadt St. Gallen
29.06.2021
01.07.2021 11:12 Uhr

«Wo dürfen wir denn noch hin?»

Bild: zVg
Lärmklagen, Lärmklagen und nochmals Lärmklagen: Die Stadt St.Gallen scheint damit derzeit ein Problem zu haben. Jugendliche fühlen sich unwillkommen, unverstanden und vertrieben. Zu Recht?

Kein Ausgang, keine Freunde treffen, keine grossen Partys zum Geburtstag, keine wilden Nächte in den Clubs und keine Festivals: Die Pandemie machte die Jugendlichen zu den unbetroffensten Betroffenen und sorgte für viel Frust.

Kein Wunder also, dass nun riesiger Nachholbedarf herrscht und sich die St.Galler Innenstadt am Wochenende mit jungem Publikum füllt, das zu lauter Musik dicht aneinander tanzt, als gäbe es kein Morgen. Doch trotz gelockerten Massnahmen scheint unbeschwertes Feiern in der Gallusstadt nicht wirklich erwünscht zu sein.

Genervte Anwohner klagen über Lärm, was im Bermudadreieck zu mehr Polizeipräsenz und Gassen-Absperrung, auf den Drei Weieren zu einem kurzweiligen Musikverbot, und in der Tankstell-Bar gar zu einem Tanzverbot führte.

Wie geht es der Generation Y und Z dabei? stgallen24 hat sich einen Abend lang mit Jugendlichen aus der Stadt unterhalten:

«Ich habe das Gefühl, dass die ältere Generation uns alles wegnehmen möchte, was wir noch haben, was wir in unserer Jugend machen können. Es fühlt sich an, als ob wir bald nichts mehr machen dürfen», sagt ein 19-Jähriger zu stgallen24. Als die Pandemie begann, war er 17. 

«Die geschlossenen Clubs und das Musikverbot auf den Drei Weieren führten dazu, dass sich die Party in die Innenstadt verschoben hat. Wir sind jung, wollen neue Leute kennenlernen – und da ist es doch verständlich, dass wir nicht still in einer Ecke für uns sitzen, sondern ins Getümmel wollen. Die Leute tun so, als wären sie nie jung gewesen», sagt sein 20-jähriger Kollege.

«Ich habe das Gefühl, nirgendwo in St.Gallen willkommen zu sein. Es gibt keinen Ort mehr, wo man einfach nur eine gute Zeit haben kann, ohne dass irgendjemand etwas zu motzen hat. Ich frage mich: Wo sollen wir denn noch hin?», sagt eine 16-jährige St.Gallerin.

«Wir haben in der Pandemie den älteren Menschen gegenüber viel Solidarität gezeigt. Jetzt erwarten wir auch etwas Verständnis! Das, was gerade passiert, ist das Gegenteil davon.»
20-Jährige aus Mörschwil über Partys in St.Gallen

Janis aus Eggersriet: «Ich finde es schade, dass viele Bürger direkt die Polizei rufen – ohne vorher den Dialog mit uns gesucht zu haben. In den meisten Fällen nehmen wir Rücksicht und sind leiser oder verlassen den Ort selbstständig.»

«Das St.Galler Nachtleben ist momentan einfach nur Scheisse. Viele von uns sind noch nicht geimpft und können nicht in die Clubs. Ausserdem sieht man an jeder Ecke Polizisten. Das drückt die Stimmung», so der 19-jährige David.

«Man steht nonstop unter Beobachtung»

«Ich bin sehr froh, dass das Stadtleben überhaupt wieder läuft. Es ist aber extrem ruhig und fühlt sich ein wenig an, als ob man auf Nadeln laufen müsse, damit man nicht von der Polizei angemacht oder weggeschickt wird. Ich finde auch, dass es mehr Spannungen unter den einzelnen Gruppen gibt – einfach weil man das Gefühl hat, dass man nonstop unter Beobachtung steht», bedauert eine 20-jährige Mörschwilerin.

Weiter sagt sie: «Ich denke, dass dadurch die Kluft zwischen Jüngeren und Älteren nur noch grösser wird. Wir haben in der Pandemie den älteren Menschen gegenüber viel Solidarität gezeigt. Jetzt erwarten wir auch etwas Verständnis! Das, was gerade passiert, ist das Gegenteil davon.»

«Den Ausgang empfinde ich derzeit als ziemlich anstrengend. Man fühlt sich so beobachtet und so, als würde man etwas Verbotenes tun», findet auch die 16-jährige Keana aus St.Gallen.

Elias Giesinger, Präsident der jungen Grünliberalen St.Gallen Bild: zVg

Dialog zwischen Jugendlichen und Stadt

«Ich habe volles Verständnis für die Unzufriedenheit der Jugendlichen. Der angestaute Corona-Frust gepaart mit den spärlichen Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche in der Stadt führen zu einer undankbaren Situation. Hier gilt es, Möglichkeiten zu suchen, um die Situation für die Jugendlichen in der Stadt St.Gallen künftig zu verbessern. Zentral ist hierbei der gegenseitige Respekt», sagt Elias Giesinger, Präsident der JGLP St.Gallen. 

Viele Jugendliche verbrachten im vergangenen Jahr viel Zeit zuhause und mussten ihre sozialen Kontakte und Aktivitäten drastisch reduzieren. Das Ausleben jugendlicher Freiheit auf dem Weg zum Erwachsenwerden sei bei vielen deutlich zu kurz gekommen. Das Bedürfnis danach sei jedoch gross – und umso mehr wollten sie das Verpasste nun nachholen, so Giesinger.

«Viele andere Städte haben Seepromenaden oder andere Orte, an denen man sich ungestört mit Freunden treffen und feiern kann. In St.Gallen fallen mir hier primär die Drei Weieren als geeigneter Ort ein. Hier muss der Stadtrat ansetzen und sich überlegen, wo er zusätzliche Freiräume für Junge schaffen kann.»
Elias Giesinger, Präsident Junge Grünliberale St.Gallen

Topographisches Problem?

Warum es besonders in der Stadt St.Gallen «knallt» und regelmässig zu Party-Eskalationen kommt, erklärt sich Elias Giesinger so: «Viele andere Städte haben Seepromenaden oder andere Orte, an denen man sich ungestört mit Freunden treffen und feiern kann. In St.Gallen fallen mir primär nur die Drei Weieren als geeigneter Ort ein. Wenigstens können die Jugendlichen hier ihren Bedürfnissen nach Musik und Party wieder nachkommen, nachdem der Stadtrat nach Kritik der Jungen Grünliberalen ein kürzlich verhängtes Musikverbot wieder aufgehoben hat. Ein weiterer möglicher Aufenthaltsort für Jugendliche in St.Gallen wäre das Kreuzbleiche-Areal, wobei sich dieses bisher nicht als Treffpunkt etabliert hat.

Hier muss der Stadtrat ansetzen und sich überlegen, wo er zusätzliche Freiräume für Junge schaffen kann. Daneben haben wohl auch die Funktion von St.Gallen als 'Ostschweizer Zentrumsstadt' sowie der vorhandene Corona-Frust und eine gewisse Portion Zufall dazu geführt, dass es genau in St.Gallen zu massiven Ausschreitungen gekommen ist.»

Bei der Kommunikation der Stadt mit der jungen Generation sieht der Jung-Politiker Nachholbedarf. «Ein direkter Austausch der Stadt mit den Jungen fehlt momentan weitgehend. Um die junge Generation zu verstehen und ihre Anliegen aufzunehmen, ist es essentiell, dass der Stadtrat direkt mit ihr in den Dialog tritt.»

Dies könnte mit einer Online-Plattform, bei der die Jugendlichen unverbindlich ihre Anliegen einbringen können, einfach geändert werden, findet Giesinger. Die kürzlich eingeführte Möglichkeit des Bevölkerungsvorstosses, die auch Jugendliche nutzen können, sei ein Schritt in die richtige Richtung. Eine weitere denkbare Möglichkeit wäre ein regelmässig stattfindender Austausch zwischen Mitgliedern des Stadtrats und Vertretern von St.Galler Jungparteien.

Der Bevölkerungsvorstoss als Lösung?

Seit Anfang Jahr gibt es in der Stadt den Bevölkerungsvorstoss. Damit können Einwohner ab 13 Jahren ein Anliegen auch ohne Stimm- oder Wahlrecht in die Politik einbringen. Der Vorstoss soll es den Menschen leichter machen, Lösungsvorschläge zu Problemen des städtischen Lebens einzubringen.

Den Vorstoss müssen mindestens 15 Menschen, die in der Stadt St.Gallen wohnen und über 13 Jahre alt sind, unterzeichnen. Das Formular ist hier abrufbar.


Matilda Good/stgallen24