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Stadt St. Gallen
15.06.2021
15.06.2021 15:12 Uhr

«Unser Balkon wurde mit Kebabs beworfen»

Die Partys im Bermudadreieck eskalieren.
Die Partys im Bermudadreieck eskalieren. Bild: zVg
Das St.Galler Bermudadreieck gilt zwar als Hotspot für Partygänger, doch was die Anwohner derzeit erleben, sei nicht mehr tragbar. Am Freitag installierte eine Gruppe gar einen DJ mit professioneller Musikanlage.

Nach Monaten mit Social Distancing, geschlossenen Bars, fehlenden Partys und Treffen, scheint mit dem Sommer wieder ein grosses Stück Normalität zurückzukehren. Doch «normal» sind die Szenen, die sich am Wochenende in der Stadt St.Gallen – genauer gesagt im Bereich Unterer Graben – derzeit abspielen, nicht.

Das Bermudadreieck gilt in der St.Galler Partyszene zwar als «Place To Be» und es kam schon vor Corona zu grösseren Menschenansammlungen, aber die Pandemie scheint die Engel- und Augustinergasse für die Partymeute noch attraktiver gemacht zu haben. Ganz zum Leidwesen der Nachbarn. 

Aggressive Stimmung und junges Publikum

Ein Anwohner bestätigt gegenüber stgallen24, dass es sich nicht um den «ganz normalen Wahnsinn» im Dreieck handelt. «Es ist ein anderes Publikum, sehr jung. Viele kommen mit Getränken aus dem Supermarket und Ghettoblastern. Der Lärm ist nicht mehr hinnehmbar. Die Stimmung oft auch aggressiv.»

Am Freitag installierte eine private Gruppe sogar einen DJ mit professioneller Musikanlage (siehe Video). Die Musik sei so laut gewesen, dass die  Anwohner bei geschlossenen Fenstern ihr eigenes Wort im Wohnzimmer nicht mehr verstehen konnten. Daraufhin wurde die Polizei gerufen: «Vom Zeitpunkt der Meldung bis zum Abstellen eines simplem Ghettoblasters kann das 90 Minuten dauern.» An dem Wochenende seien 25 Lärmklagen bei der Stadtpolizei eingegangen.

Balkon mit Kebabs beworfen und Bowling gespielt

Doch damit nicht genug: Um 4 Uhr wurde noch Bowling mit leeren Flaschen gespielt. Manche befeuerten das Partyspektakel in solchen Nächten sogar; wie beispielsweise aus dem obersten Stock des Hauses vom «Schwarzen Engel». Unbekannte stellten für einige Minuten Boxen auf die Fenstersimse (siehe Foto) und drehen die Lautstärke auf – auch mitten in der Nacht. 

«Wer um Ruhe bittet, wird teilweise aggressiv angegangen. Unser Balkon wurde schon mit Kebabs beworfen. Die letzten Krawall-Gäste verlassen das Dreieck gegen 5 Uhr. Um 7 Uhr werden wir dann von der Putzmaschine geweckt, die sich durch den Flaschen- und Abfallberg graben muss», so der Anwohner.

Manche befeuerten die Party noch zusätzlich. Bild: zVg

Restaurants müssen Stühle anketten

Auch die Beizer sind genervt von der Situation und müssen neuerdings ihre Fenster nicht mehr schliesssen, damit die Nachbarn ungestört bleiben – sondern damit die Gäste vom Strassenlärm nicht beim Abendessen gestört werden. Service-Mitarbeiterin Sofi vom Restaurant «LaVigna» erzählt: «Zu Beginn des Abends ist die Lage noch recht ruhig, doch je später es wird, desto schlimmer und lauter wird es. Solange es nicht ausartet, finden es die Gäste schön, dass etwas in der Stadt lauft, aber es kann auch nervig werden.»

Rafael Niederkofler, Mitinhaber vom Restaurant «Sauceria», dass in der Engelgasse liegt, hat das vergangene Wochenende hautnah miterlebt: «Es ist wirklich schlimm. Unsere Mitarbeiter wurden schon öfters angepöbelt, Stühle wurden geklaut und wir mussten uns diese wieder in der Menge zurückholen. Die Stimmung ist ziemlich aggressiv, es werden Drogen konsumiert und nicht jeder Gast empfindet eine Marihuana-Wolke als angenehm. Problematisch finde ich auch, dass es kaum Abfalleimer gibt.»

Angst vor Eskalationen?

Interveniert hatte die Stadtpolizei am letzten Wochenende nicht. Die Begründung: Um eine Menschenansammlung mehreren hundert Personen aufzulösen, sei ein grosses Personalaufgebot nötig und es sei nicht absehbar, was der Einsatz bei den Partygästen auslösen würde. 

«Hier ist die Hölle los und mir scheint, von offizieller Seite wird die Situation noch etwas verkannt. In Winterthur hat die Polizei dasselbe nicht geduldet und eingegriffen. Das muss hier auch möglich sein. Im Quartier spricht man seit Wochen von nichts anderem mehr», sagt der Anwohner.

  • Riesige Abfallberge... Bild: Facebook/Pascal Tschamper
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  • ...am Morgen danach. Bild: zVg
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mik/stgallen24