Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Stadt St. Gallen
13.03.2021
13.03.2021 15:47 Uhr

«Das Leben als ein vom Tode erhaltenes Darlehn»

Arthur Schopenhauer (1788-1860) auf einem Bild von Ecenur Sabak (ecenursabak.com) Bild: Pinterest
Der ehemalige St.Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler beschäftigt sich nicht erst seit seiner Pensionierung mit dem grossen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Für stgallen24.ch stellt Ziegler in unregelmässigen Abständen Preziosen aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass vor. Heute: Philosophieren mit Schopenhauer, Teil 4.

Fortsetzung, den Teil 3 finden Sie hier

Über den Tod

Man müsse nur hübsch alt werden, dann gebe sich alles, schrieb Schopenhauer 1849 in seinem sechzigsten Jahr. Nun, damit ist es so eine Sache, gehört doch dazu auch das unaufhaltsame Herannahen des Todes. Zwar haben Platon, Cicero, Michel de Montaigne und viele andere sinngemäss gelehrt, Philosophieren heisse, sterben lernen: «tota vita dicendum est mori» (das ganze Leben muss man sterben lernen), lesen wir bei Seneca. Mit diesem ernsten Thema hat sich Schopenhauer immer wieder befasst und seine beiden grossartigen Texte sind mir ein steter Anstoss des Nachdenkens.

Bild: Web

Ein Büchlein mit dem Titel «Schopenhauer, Über den Tod» und auf dem Deckblatt die Bezeichnung «Feldpostausgabe» wurde um 1915 im Hyperion-Verlag Berlin herausgegeben und enthält Kapitel 41 aus Schopenhauers Hauptwerk – eben: «Ueber den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich». Es ist unwahrscheinlich, dass der 1917 aus einem deutschen Gefangenenlager entflohene russische Sergeant Grischa diese «Feldpostausgabe» auf sich trug. Möglich wäre jedoch, dass Arnold Zweig (1887-1968), der den Roman «Der Streit um den Sergeanten Grischa» schrieb, das Büchlein dabei hatte, als er Armierungssoldat in Serbien und Verdun («Erziehung vor Verdun») und seit 1917 Schreiber und Zensor in der Presseabteilung Ober-Ost (Gebiet des Oberbefehlshabers Ost, deutsches Besatzungsgebiet an der Ostfront, 1915 bis 1918) war; wir wissen es nicht. – Sicher ist, dass diese «Feldpostausgabe» ein ergreifendes Zeitdokument ist: ein Text Schopenhauers, der den Soldaten des Ersten Weltkriegs vermutlich hätte Trost und Hilfe sein sollen. (In den Gräben von Stalingrad sollen deutsche Soldaten Jacob Burckhardts «Weltgeschichtliche Betrachtungen» gelesen haben.)

Ausschnitt von «Über den Tod, Gedanken und Einsichten über letzte Dinge», herausgegeben von Ernst Ziegler (ISBN 978-3-406-60567-3) Bild: Beck-Verlag

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch das Kapitel «Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod» in den «Parerga und Paralipomena». Ich habe eine kleine Anthologie «Über den Tod, Gedanken und Einsichten über letzte Dinge» geschrieben.

Für Arthur Schopenhauer ist es «das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leidens und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt». Nach Wilhelm Gwinner schien Schopenhauer die gefährlichste Periode des höheren Alters «die ersten siebziger Jahre zu sein; wenn diese glücklich überschritten wären, würden die nächsten zehn leichter erlebt». Da nun die ersten achtzig Jahre glücklich vorübergegangen sind und der Tod das «eigentliche Resultat und insofern Zweck des Lebens» ist und wir unser Leben ansehen sollten «als ein vom Tode erhaltenes Darlehn», kann es nicht schaden, sich mit ihm eingehender zu befassen. Dabei geht es nicht darum, «über die Zeit, da man nicht mehr seyn wird, zu trauern», weil dies ebenso absurd wäre, wie wenn man über die Zeit klagen würde, «da man noch nicht gewesen» ist. «Wir haben demnach nicht nach der Vergangenheit vor dem Leben, noch nach der Zukunft nach dem Tode zu forschen: vielmehr haben wir [...] die Gegenwart zu erkennen.»

Und da möchte ich daran erinnern, was ich bezüglich «Zukunft nach dem Tode» im Zusammenhang mit Kant geschrieben habe. Es gilt, durch Nach-Denken von Schopenhauers Gedanken über das Sterben und den Tod sowie durch eigenes Nachdenken sich ein Bild zu zeichnen von Sterben und Tod, um so vielleicht dereinst dem Tode ruhiger entgegengehen zu können. Dabei muss man sich bewusst sein, dass eine Beschäftigung mit dem Tod bei der gegenwärtigen Mentalität unserer Gesellschaft selbst im hohen Alter von achtzig Jahren eher ungewöhnlich sein dürfte – obwohl über den Tod noch nie soviel geredet und geschrieben wurde wie heutzutage. (Bezeichnenderweise befasst sich ein grosser Teil dieser «Sterbe- und Todesliteratur» mit dem «Leben» nach dem Tode – worüber auch manches zu sagen wäre!)

Ernst Ziegler, ehemaliger St.Galler Stadtarchivar