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Stadt St. Gallen
06.03.2021
08.03.2021 11:11 Uhr

«Laßt uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen, und arbeiten»

Arthur Schopenhauer (1788-1860) auf einem digitalen Kunstwerk von Fabio Paiva Bild: instagram.com/fabiopaivart
Der ehemalige St.Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler beschäftigt sich nicht erst seit seiner Pensionierung mit dem grossen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Für stgallen24.ch stellt Ziegler in unregelmässigen Abständen Preziosen aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass vor. Heute: Philosophieren mit Schopenhauer, Teil 3.

Fortsetzung, den Teil 2 finden Sie hier.

Hauptwerk und Habilitation

Schopenhauer zog 1814 nach Dresden und verfasste dort 1818 die Vorrede zu seinem Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung: vier Bücher, nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält». An diesem seinem Hauptwerk hatte er «fünf Jahre lang anhaltend gearbeitet», es wurde 1819 in Leipzig gedruckt und war ein totaler geschäftlicher Misserfolg!

«Nach elfjähriger fortgesetzter wissenschaftlicher Tätigkeit», beschloss er, sich in Italien zu erholen; fast vier Monate lang weilte er in Rom. Nachdem er elf Monate auf Reisen zugebracht hatte, kehrte er im August 1819 über den Gotthard und durch die Schweiz nach Dresden zurück.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) Bild: Web

Nach seiner Italienreise beschloss Schopenhauer, sich als Privatdozent in Berlin zu habilitieren; er hielt im März 1820 seine Probevorlesung. War der junge Dozent schon in der Disputation nach der Probevorlesung mit dem berühmten Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) zusammengestossen, hatte er den Mut, seine Vorlesung im Sommersemester 1820 (und auch die späteren) demonstrativ auf die Stunden von Hegels Hauptkollegium anzusetzen. Bis zum Sommer 1822 kündigte er noch vier weitere Vorlesungen an, von denen jedoch wegen Mangels an Zuhören keine zustande kam. Die Studenten sassen alle Hegeln zu Füssen.

Nach einer zweiten Italienreise sowie einem Aufenthalt in München und Dresden kehrte er im April 1825 nach Berlin zurück.

Das Cholerabuch

Im Jahr 1831 überzog die Cholera, von Russland und Polen kommend, Deutschland, wo im August 1831 in Charlottenburg ein Schiffer an der Cholera starb. Bald darauf wurde Berlin durch die Seuche «in Angst und Schrecken versetzt». Vom September 1831 bis Februar 1832 sollen in Berlin etwa 1'400 Menschen an der Cholera gestorben sein.

In der Neujahrsnacht 1830/31 hatte Schopenhauer einen merkwürdigen Traum, der ihn bewog, «beim Eintritt der Cholera 1831 Berlin zu verlassen». Er fasste ihn als eine Warnung auf und schrieb dazu in den Cogitata, er wäre vielleicht, wenn er geblieben wäre, «an der Cholera gestorben». Seinem aus dieser Zeit stammenden nachgelassenen Manuskriptbuch gab er den Titel Cholerabuch, «weil es auf der Flucht vor der Cholera geschrieben» worden war. (Sein Intimfeind Hegel starb 1831 in Berlin angeblich an der Cholera – was vermutlich nicht stimmt.) Auf der letzten Seite 166 des Cholerabuchs notierte Schopenhauer in englischer Sprache, er habe Berlin am 25. August 1831 verlassen und sei am 28. August in Frankfurt mit 220 Thalern angekommen, habe am 1. September seine Wohnung bezogen, sich an der Table d'hôte am 2. September abonniert und am 4. September eine Magd angestellt. Für die Wahl nach Frankfurt zu ziehen, war in erster Linie ausschlaggebend, dass die Stadt als «cholerafest» galt. Im Juli 1832 übersiedelte er nach Mannheim, wo er ein Jahr lang blieb; im Juli 1833 kehrte er für immer nach Frankfurt zurück.

Frankfurt am Main, Mitte des 19. Jahrhunderts Bild: Zeitgenössischer Stich eines unbekannten Künstlers

Geistersehen

Schopenhauer hat sich sein Leben lang intensiv mit Träumen, Nachtwandeln, Somnambulismus, Hellsehen, Magnetismus, Geistern u. dgl. beschäftigt und einen spannenden «Versuch über Geistersehn und was damit zusammenhängt» geschrieben. Diese äusserst anregende Lektüre hat mich seinerzeit dazu bewogen, «Vom Wesen der Träume» und «Traumsymbole des Individuationsprozesses» des Psychologen und Psychiaters Carl Gustav Jung (1875-1961) zu studieren. Jung hat einmal geschrieben, sein «bis dahin grösstes geistiges Abenteuer» sei das Studium der Philosophie Kants und Schopenhauers gewesen. Für Jung war der Traum «ein Stück unwillkürlicher psychischer Tätigkeit», eine «ungemein häufige und normale Äußerung der unbewußten Psyche», ein «Naturereignis». (Im Schopenhauer-Jahrbuch für das Jahr 1971 findet sich ein Beitrag mit dem Titel «Das Rätsel des Hellsehens, Probleme von Kant bis C.G. Jung».)

Träume und Geisterseher sind auch Thema jenes einzigartigen Philosophen, der die Kritik der reinen und der praktischen Vernunft sowie der Urteilskraft geschrieben hat, Immanuel Kant (1724-1804), beispielsweise in seiner Schrift «Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik». Schopenhauer schrieb in seiner herrlichen Invektive «Ueber die Universitäts-Philosophie», die wieder einmal in einer Universitätszeitung abgedruckt werden müsste, die Kantische Philosophie sei «die wichtigste Lehre, welche seit 2000 Jahren aufgestellt worden» sei. Aber wer liest heute noch den Königsberger? Kant waren alle diese Dinge, Träume, Geister, ein Dasein nach dem Tode, kurz «die Geheimnisse der andern Welt» gleichgültig. Den Wissbegierigen, «die sich nach derselben so angelegentlich erkundigen», gibt er den «einfältigen aber sehr natürlichen Bescheid», «daß es wohl am ratsamsten sei, wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen. Da aber unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen mag, wie wir unsern Posten in der gegenwärtigen verwaltet haben, so schließe ich mit demjenigen, was Voltaire seinen ehrlichen Candide, nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten, zum Beschlusse sagen lässt: Laßt uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen, und arbeiten.»

Ernst Ziegler, ehemaliger St.Galler Stadtarchivar