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Stadt St. Gallen
24.11.2021
25.11.2021 08:44 Uhr

St.Galler Zeitzeuge: «Hier haben die Nazis gefeiert»

Hans Tobler im ehemaligen «Deutschen Heim» an der Haldenstrasse 1.
Hans Tobler im ehemaligen «Deutschen Heim» an der Haldenstrasse 1. Bild: mik
Mitten in der Stadt St.Gallen steht ein Gebäude, wo früher die Nationalsozialisten während des zweiten Weltkriegs zusammenkamen. Der fast 100-jährige Hans Tobler erzählt aus einer Zeit, die von Krisen geprägt war.

Haldenstrasse 1: An den Fenstern steht noch in geschwungener Schrift «El Miguel», das Logo zeigt eine Frau, die einen Krug auf dem Kopf balanciert, darunter die drei Worte «Restaurant, Café, Bar». Doch weder von Restaurant, Café oder Bar ist nach dem Betreten der Tür etwas übrig geblieben. Es ist staubig, dunkel und kalt. Mitten im Raum steht Hans Tobler, er trägt eine Mütze und stützt sich an seinem Gehstock ab. 

Ein Leben an der Wassergasse

Tobler ist 99, in einem halben Jahr wird er 100. Unweit von der Haldenstrasse 1, wo sich in der Zeit des zweiten Weltkriegs das «Deutsche Heim» befand, wuchs Hans Tobler mit seinen drei Schwestern auf und verbrachte über 40 Jahre dort. Das Elternhaus an der Wassergasse 13 war damals der «Grundstein» und ist heute die «Velo Flicki». Die Wassergasse war früher der Inbegriff einer kleinbürgerlichen Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Auf einer Länge von etwa einem halben Kilometer konnte man alles erhalten.

«Wir lebten in sehr einfach Verhältnissen, das galt für alle Bewohner an der Wassergasse. Kaum eine Wohnung verfügte über ein Badezimmer, wenn es einen Luxus gab, dann stand in der Waschküche eine Blechwanne», erzählt Tobler. Sein Vater betrieb in der dritten Generation die gleichnamige Schlosserei, gegründet im Jahre 1836 im Hause «Schlössli» an der Spisergasse durch Pankraz Tobler. Dieser sei damals eine starke Persönlichkeit gewesen und kaufte mit gerademal 28 die Liegenschaft «zum Schlössli» – das grösste Haus in der Stadt zu dieser Zeit.

Hans Tobler und seine drei Schwestern im Jahr 1929 Bild: zVg

Juden und Nazis in St.Gallen

Am 30. Januar 1933, Hans Tobler war da gerademal 12, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. «Damals verfügte an der Wassergasse kaum eine Familie über ein Radio. Meine Mutter sparte aus dem Haushaltungsgeld 50 Franken in der Woche für einen Volksempfänger namens 'Mende'. Damit wollten wir die Hitler-Reden hören, um zu wissen, was im Deutschen Reich abging», erzählt der St.Galler. In der Gallusstadt gab es zwei Synagogen für Menschen jüdischer Herkunft. Ein im Bleicheli, die heute noch besteht und die andere der damaligen jüdisch-orthodoxen Gemeinde an der Kapellen-Strasse, «Judechile» genannt. Die Leute der jüdisch-orthodoxen Gemeinde standen der Bevölkerung weniger nahe.

«Sie hatten eigene persönliche Verbindungen. Vielmehr als geduldet waren sie bei den St.Gallern nicht. Man muss das schon so sagen und sich nichts vormachen. Die orthodoxen Juden waren nicht geliebt. Weil sie verfolgt wurden, hat man Erbarmen gehabt. Sie wollten sich hier nicht so integrieren wie unsere St.Galler Juden», sagt Tobler. 

  • Die Haldenstrasse 1 damals ... Bild: zVg
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  • ... und heute. Bild: mik
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Am 20. April 1940 wurde im «Deutschen Heim» an der Haldenstrasse 1, also da wo jetzt «El Miguel» ist, der Geburtstag von Adolf Hilter gefeiert. «Die Wände des Raums waren von oben bis unten mit Hakenkreuzfahnen verhängt, und dort seien Deutsche, die nicht der Partei angehörten hart bedrängt und zum Mitmachen genötigt worden», so Tobler. Er habe immer wieder mal einen Blick erspäht. «Die Deutschen waren uns gegenüber aber sehr friedlich. Wir haben Abstand von ihnen gehalten und sie von uns.»

Sorgen und Hoffnung

Geprägt war Toblers Jugend auch durch die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre. St.Gallen spürte diese besonders und zehn Prozent der Bevölkerung waren arbeitslos. Es traf sie eine «Strukturkrise», die viel schlimmer als ein Konjunktureinbruch war. Die Monokultur-Industrie der Stickerei, welche über viele Jahre hartnäckig verteidigt wurde, rächte sich. Eine Folge davon traf auch die Firma Tobler – obwohl sie in einer ganz anderen Sparte tätig war.

«Trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede in Staatsangehörigkeit, Konfession und Denkweise hielten wir, wenn es darauf ankam, wie Pech und Schwefel zusammen.»
Hans Tobler (99), Zeitzeuge aus der Kriegszeit

«Ich erinnere mich wie mein Vater von Oktober 1934 bis Ende März 1935 keinen einzigen Auftrag erhalten hat. Einfach nichts! So traurig es uns anmutet, half der bevorstehende Krieg zur Verbesserung. Die Aufrüstung, wie Luftschutzanlagen, Sprenganlagen an Brücken, Tunnel und Kunstbauten brachten endlich wieder Arbeit und bescheidenen Verdienst. Vor allem aber wieder Zuversicht, trotz der andauernden Angst vor dem bevorstehenden Kriegsausbruch. Ich habe diese Tatsachen geschildert um zu verstehen, was die Menschen damals zu bewältigen und zu ertragen hatten. Ich sage dir woher du kommst und ich sage dir wer du bist.»

Auch wenn es in Toblers Leben viel Armut, Sorgen und Krisen gab, erinnert er sich gerne an seine Jugend und sehnt sich diese sogar ein bisschen zurück: «Die Wassergasse war etwas ganz besonderes. Wo gab es auf so kleinem Raum diese Vielfalt? Trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede in Staatsangehörigkeit, Konfession und Denkweise hielten wir, wenn es darauf ankam, wie Pech und Schwefel zusammen. Leider ist die ganze Struktur völlig aufgelöst. Selbstverständlich müssen wir mit der Zeit gehen und immer wieder neu ausrichten. Damit verlieren wir an Lebensqualität und Geborgenheit. Das stimmt mich traurig!»

An der Haldenstrasse 1 soll übrigens bald ein russisches Restaurant eröffnen. Was die Nazis heute wohl darüber denken würden?

Literaturhinweise:

«Zur Geschichte des Haldenhofs» von Alt-Stadtarchivar Ernst Ziegler, LEADER-Sonderausgabe Haldenhof 2021

«Als der Krieg zu Ende war ... Zur Geschichte der Stadt St.Gallen von 1935 bis 1945» von Alt-Stadtarchivar Ernst Ziegler, St.Gallen 1995

Miryam Koc/stgallen24