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Gesundheit
24.08.2021
26.08.2021 14:09 Uhr

Der Balkan liegt auf der Intensivstation – und jetzt?

Sündenbock gefunden? Ein Kommentar von stgallen24-Redaktorin Miryam Koc.
Sündenbock gefunden? Ein Kommentar von stgallen24-Redaktorin Miryam Koc. Bild: stgallen24/Keystone
Bei einem grossen Teil der Covid-Hospitalisierten handelt es sich um ungeimpfte Reiserückkehrer aus Südosteuropa. Ist der «böse Ausländer» an den steigenden Fallzahlen Schuld?

Lange wurde es vermutet, lange druckste das St.Galler Gesundheitsdepartement unter dem Vorwand, dass «keine Daten diesbezüglich erhoben werden», herum und wand sich wie ein Aal, wenn es nach dem Ausländeranteil auf der Intensivstation befragt wurde (stgallen24 hat berichtet).

Nun ist die Katze aber aus dem Sack

Plötzlich doch vorhandene Daten zeigen jetzt, dass es sich nicht nur bei 40 Prozent aller Hospitalisierten um Personen mit Migrationshintergrund handelt, sondern dass auch zwölf von 13 Patienten auf der Intensivstation keinen Schweizer Pass haben. 80 Prozent davon gaben an, dass sie sich in Balkanländern angesteckt hätten.

Auch in anderen Spitälern rund um den Bratwurstkanton sieht es ähnlich aus. Dies bestätigte Urs Karrer, Vizepräsident der National Covid-19 Science Task Force, an der Pressekonferenz am Dienstag. 

Dass nach knapp zwei Jahren Pandemie das Bedürfnis herrscht, zu vereisen und die Familie zu besuchen – sei es nach Kosovo oder ins Glarnerland – ist keinem zu verübeln. Dass man es in den südlichen Ländern mit Maskenpflicht, Ansammlungsverboten und Abstandsregeln nicht ganz so eng sieht wie hierzulande, dürfte ebenfalls allgemein bekannt sein.

Ist ja nicht unser Problem – oder?

Doch, ist es! Vor allem ist es das Problem der St.Galler Regierung, der scheinbar schon länger bekannt war, dass das Virus zu einem grossen Teil eingeschleppt wird und die Impfbereitschaft bei den Betroffenen geringer ist, als bei anderen.

Statt aber schnell zu agieren, Aktionen zu lancieren, die genau jene Personengruppen ansprechen – sei es mit Informationsanlässen, Flyern in allen Sprachen oder Gutscheinaktionen, um Impfanreize zu schaffen – wurde abgewartet. Im Bewusstsein, dass Tausende in den Sommerferien verreisen und ungetestet wieder zurückkehren. Man appellierte mal wieder an Eigenverantwortung und Solidarität, worauf die Reiselustigen ziemlich pfiffen.

Nun stürzt sich die Regierung aber lieber mit der Ausweitung des Einsatzes des Covid-19-Zertifikates erneut auf die Gastronomie, die sich nach zwei Lockdowns mit grösster Mühe und Kraft aufgerappelt hat. Obwohl die Ansteckungsgefahr in Restaurants kaum nachgewiesen ist, erwägt man einschneidende Entscheidungen zu treffen, die der Branche endgültig das Genick brechen können.

Währenddessen verfehlt man die Chance, daran zu arbeiten, Menschen mit Migrationshintergrund, mit schwierigerem Zugang zu Fakten gezielt anzugehen.


Die 40 Prozent sollen nicht Anlass sein, um mit dem Finger auf den «bösen Ausländer» zu zeigen – auch wenn dies bestimmt manch einer tut und nun glaubt, endlich einen Sündenbock für die steigenden Fallzahlen gefunden zu haben. Vielmehr sollten sie Anlass geben, endlich den Dialog und Zugang zu jenen Populationen zu schaffen.

Als Frau mit Migrationshintergrund weiss ich, wie viel Aufklärungsarbeit es benötigt, um genau jene Kreise von Impfungen, regelmässigen Tests und Risiken zu überzeugen. Viele «Informationen», die in diesen Kreisen kursieren, basieren nämlich auf Fake News, irgendwelchen YouTube-Videos auf Whatsapp oder dubiosen Geschichten aus dem Dorf von der Tante des Cousins.

Hätte man offen kommuniziert, dass Migranten schwieriger zu erreichen sind, hätte es in der Gesellschaft einen bewussteren und gezielteren Umgang mit diesen geben können. Wohl aus «politischer Korrektheit» hat die Politik das heisse Eisen nicht angefasst. Die Suppe, die uns Regierung und Parlament eingebrockt haben, dürfen wir alle nun auslöffeln – mit dem 3G-Löffel.

Miryam Koc/stgallen24