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Stadt St. Gallen
21.03.2021
21.03.2021 08:09 Uhr

Eine Nachfolge regelt sich nicht über Nacht

Prof. Dr. Thomas Zellweger
Prof. Dr. Thomas Zellweger Bild: FS
Die eigene Firma erfolgreich weiterzugeben, ist vielen Unternehmern eine Herzensangelegenheit. Thomas Zellweger, Direktor des Center for Family Business der HSG, weiss, worauf es bei einer erfolgreichen Firmenübergabe ankommt.

In der Ostschweiz gibt es aktuell 83000 KMU. Davon kommen etwa 15 Prozent in den nächsten fünf Jahren in eine Nachfolge-Situation – pro Jahr sind das rund 2500 KMU. 90 Prozent davon sind Klein- und Kleinstunternehmen mit ein bis zwei Mitarbeitern, also z. B. ein Coiffeur, eine Innenarchitektin oder eine Anwaltskanzlei. «Bei Firmen mit über zehn Mitarbeitern sind es noch circa 250 KMU in der Ostschweiz, bei denen eine sorgfältige Nachfolgeregelung angezeigt ist, da hier viel Geld und Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen», weiss HSG-Professor Zellweger.

Viele Anbieter im Nachfolgemarkt

Wer die Nachfolge in seinem Unternehmen regeln will, hat bei den Anbietern, die ihn dabei professionell unterstützen wollen, die Qual der Wahl. Mittlerweile gibt es einen richtigen «Nachfolge-Markt» mit vielen spezifischen Anbietern. Dazu gehören Wirtschaftsberatungsunternehmen, Banken, Anwaltskanzleien, Steuerberater, Treuhandbüros, Online-Plattformen, aber auch spezialisierte Berater. «Jeder Player hat seine Stärken und Schwächen», sagt Thomas Zellweger. Die Bank löse beispielsweise den Finanzierungsaspekt und Anlagefragen. Der Steuerexperte konzentriere sich eher auf Steuerfragen, und Business Broker seien eher prämien- und abschlussorientiert. Um den geeigneten Berater zu finden, sollte man sich deshalb genau überlegen, wer die Herausforderungen, die sich im spezifischen Fall bei der Nachfolgeregelung stellen, am besten lösen kann. «Der Anbieter sollte den Unternehmer in seinen eigenen Fähigkeiten optimal ergänzen», betont Zellweger. Bei einer Nachfolgeregelung gebe es viele Unsicherheiten und Fragen: So zum Beispiel, was der tatsächliche Wert der Firma ist oder ob der potenzielle Käufer zur bisherigen Firmenphilosophie passt – das bedinge ein gegenseitiges Aufeinanderzubewegen. «Hier braucht es einen Ansprechpartner, der beiden Seiten gerecht werden kann», hält Zellweger fest.

Fit für die Nachfolge werden

Um Unternehmer und Berater fit für das komplexe Thema Nachfolge zu machen, bietet das KMU-HSG Seminare an. «Bei den Unternehmern sind vor allem Familienunternehmen dabei, wo es darum geht, die familieninterne Nachfolge optimal zu regeln», erklärt Zellweger. Im Seminar erhalten die Unternehmer die Werkzeuge, um einen komplexen Nachfolgeprozess, den sie oftmals selber nicht lösen können, so zu strukturieren, dass eine Firmenübergabe erfolgreich über die Bühne gehen kann. «Die Leute laufen mit Zuversicht aus unseren Seminaren raus, sie haben bereits Gespräche über Nachfolgeszenarien geführt und haben eine klare Vorstellung, wie sie den Nachfolgeprozess tatsächlich gestalten wollen», stellt Zellweger fest. Gerade während der aktuellen Corona-Pandemie habe die Nachfrage nach Seminarplätzen punktuell zugenommen. Allerdings seien auch viele Nachfolgedeals derzeit auf Eis gelegt worden, weil die wirtschaftliche Unsicherheit sehr gross ist und aktuell auch die Bewertung der Unternehmen nicht gleich verlässlich vorgenommen werden könne. «Aber ab Herbst werden wohl sehr viele Nachfolgedeals stattfinden», sagt Zellweger.

Trend zu familienexternen Lösungen

Bei der erwarteten «Übergabewelle» ist die demografische Entwicklung aber nur ein Aspekt, der gemäss Thomas Zellweger nicht überbewertet werden darf. «Es gibt aktuell nämlich eine immer grössere Verschiebung von familieninternen zu externen Lösungen – und diese lassen sich auch zeitlich besser abstimmen», erklärt Zellweger. Die Gründe sind vielschichtig: So zum Beispiel abnehmende Familiengrössen, gestiegene Anforderungen an eine Firmenführung und vielfältige Berufsoptionen der Kinder ausserhalb des Familienunternehmens. In Zahlen ausgedrückt erfolgen heute etwa 40 Prozent der Nachfolgeregelungen familienintern, 40 Prozent familienextern (Management-Buy-out, Fremdverkauf …) und 20 Prozent sind Mischformen – hier bleibt beispielsweise der Firmeninhaber weiterhin Eigentümer und vielleicht Verwaltungsratspräsident, die Führung der Firma, der Posten des CEO, wird aber familienextern vergeben.

Bild: FS

Branchenbereinigung und Spezialisierung

Für Thomas Zellweger ist klar, dass eine Anzahl Firmen als Folge von Branchenbereinigungen ganz verschwinden werden. Dieser Trend sei schon vor der Corona-Pandemie feststellbar gewesen und habe sich nun akzentuiert. Eine eigentliche Konkurswelle erwartet Zellweger nicht, aber gewisse Branchen seien stärker betroffen als andere. Er nennt insbesondere die Gastronomie. «Hier werden einige Restaurants ganz schliessen», so der HSG-Experte. Die IT-Branche wiederum habe stark von der Corona-Krise profitiert. Für Zellweger ergibt sich hier ein Doppeleffekt: Gewisse Betriebe werden verschwinden, dafür aber neue entstehen, gerade im digitalen Bereich. Auch sonst stehen die Unternehmen vermehrt unter Druck, so Zellweger: «Gewisse Geschäftsbereiche laufen aktuell gut, andere weniger. Auch hier werden sich die Firmen vermehrt spezialisieren müssen und gewisse Bereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören, abstossen – diese Entwicklung hat bereits begonnen.» So gesehen gelte das Motto «never miss a good crisis» – also dass man sich als Firma gezwungenermassen auf das Wesentliche konzentrieren müsse aufgrund der aktuellen Corona-Krise – und in der Bereinigung die Chance sehe, in den nächsten Jahren wieder gut aufgestellt zu sein.

Prof. Zellwegers Empfehlungen

Wer als Unternehmen bereits gut aufgestellt ist und sich mit einer Nachfolgeregelung befasst, für den zahlt sich eine sorgfältige Vorbereitung in jedem Fall aus. Für Thomas Zellweger gilt es dabei vor allem diese Punkte zu beachten:
1. Bei einer Nachfolgeregelung sollte man sich verschiedene Optionen offenlassen. Und dann die Vorteile und Nachteile der Lösung systematisch durchdenken.
2. Man sollte als Unternehmer für sich ein verbindliches Vorgehen bestimmen, also sich einen konkreten zeitlichen Fahrplan zurechtlegen, wann die Nachfolge tatsächlich vonstattengeht – und in dieser Zeit die verschiedenen Optionen genau prüfen.
3.Übergeber und Übernehmer sollten möglichst offen über ihre Ängste und Hoffnungen in Bezug auf die Übergabe sprechen. Es bietet sich an, ein Nachfolgeleitbild zu entwerfen, wie die Nachfolgeregelung konkret über die Bühne gehen soll.
4.Sind diese Punkte erfüllt, kann man sich an die konkrete Umsetzung der Nachfolge machen, also rechtliche, steuerliche und finanzielle Aspekte der Nachfolge regeln.

Diese Player mischen im Nachfolge-Markt mit

Nachfolgeregelungen bieten Wirtschaftsberatungsunternehmen, Banken, Treuhänder, Rechtsanwälte, Personalberater und spezialisierte Consultants an. Stehen bei Banken vor allem die finanziellen Aspekte einer Übergabe im Vordergrund, optimieren die Treuhänder die Nachfolge steuerlich. Rechtsanwälte wiederum haben die rechtlichen Rahmenbedingungen im Griff. Online-Plattformen versuchen i. d. R., ein Unternehmen so teuer wie möglich zu verkaufen. Und Personaler haben ein breites Netzwerk an möglichen Nachfolgern. Auf Nachfolgelösungen spezialisierte Beratungsunternehmen hingegen pflegen eher einen ganzheitlichen Ansatz, der auch den Faktor Mensch im Auge behält. Denn oft ist es schwierig, die Ansprüche aller Beteiligten, insbesondere der Familienmitglieder, unter einen Hut zu bringen.

In der Ostschweiz zählt zu diesen Spezialisten etwa die Continuum AG aus St.Gallen. Rolf Brunner und Stefan Schneider, beide Partner der Continuum AG, meinen dazu: «Eine sorgfältige und unabhängige Vorbereitung eines Generationenwechsels umfasst die Berücksichtigung von wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Faktoren sowie die Vermittlung bei schwelenden und/oder akuten Konflikten. Dies hat auch Auswirkungen auf den Unternehmenswert. Denn: Streit in der Unternehmerfamilie ist der grösste Wertvernichter.»

Dieser Text von Tanja Millius ist aus der LEADER Ausgabe Jan/Feb 2021. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch.

 

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