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Eggersriet
10.03.2021
10.03.2021 21:26 Uhr

16-Jähriger setzt sogar Grossmeister Matt

«Das Spiel fasziniert mich. Ich liebe die Herausforderung und es wird nie langweilig», sagt der Kantischüler. Bild: Miryam Koc
Noah Fecker aus Eggersriet hat schon unzählige Schach-Erfolge auf der ganzen Welt gefeiert. Erst kürzlich hat er sich gegen den Youtube-Schach-Star «The Big Greek» durchgesetzt. stgallen24 hat den 16-Jährigen auf eine Partie getroffen.

Spätestens seit der Netflix-Erfolgsserie «Damengambit» erlebt das Schachspielen einen regelrechten Hype. In manchen Ländern waren sogar Schachbretter ausverkauft. Noah Fecker aus Eggersriet hat keine Netflix-Serie gebraucht, um die Liebe zum Schach zu entdecken: Er spielt schon, seit er ein kleiner Knirps ist. Mit gerade mal fünf Jahren hat er begonnen, Schachfiguren auf dem Brett hin und her zu schieben. Beigebracht hat es ihm sein Grossvater, ein begnadeter Schachspieler. 

Ein Wunderkind?

Schnell merkte der Grossvater, dass der kleine Noah das Spiel aussergewöhnlich gut im Griff hat, und so trat er schon bald dem Schachklub St.Gallen bei. Auch hier blieb das Potenzial von Noah nicht unentdeckt, kurze Zeit später nahm er bereits an Turnieren teil – und gewann sie. Als «Wunderkind» wird der heute 16-Jährige aber nicht gerne bezeichnet: «Hinter meiner Leistung steckt sehr viel Training. Etwa zwanzig Stunden pro Woche. Ein bisschen Talent braucht es aber auch, ja.» 

Zwar hat Noah auch andere Hobbys wie etwa Geigenspielen ausprobiert, aber nichts hat ihn so sehr gefesselt wie Schach. «Mir gefällt die unglaubliche Komplexität des Spiels und der Kampf gegen den Gegner am Brett. Man muss ihn durchschauen und die nächsten Schritte planen können. Es wird einfach nie langweilig!» Am liebsten eröffnet Noah das Spiel sizilianisch. «Ich arbeite aber gerade an meinen Eröffnungsstrategien», sagt er.

Früh übt sich: Noah Fecker mit seinem Grossvater beim Schachspielen. Bild: zVg

Mit dem Brett um die Welt gereist

Der 16-jährige Kantischüler hat bereits eine steile Karriere hinter sich: Er ist unter anderem mehrfacher Langzeit-Schweizermeister, Fide-Meister, Schnellschach-Schweizermeister und Meister mit der St.Gallen Junioren-Mannschaft. Kein Wunder also, dass auch der Schweizerische Schachbund auf Noah aufmerksam wurde und es zu Sponsorings kam. Dabei kam Noah schon um die Welt: «Ich war in Georgien, Türkei, Griechenland, Nordmazdedonien, Slowakei, Italien, Spanien, Deutschland und Frankreich. Besonders stolz bin ich auf WM-Teilnahme 2017 in Uruguay. Dort habe ich den elften Rang belegt», so Noah. 2019 gelang es ihm sogar, einen Grossmeister in Spanien zu schlagen: «Das war schon ein sehr gutes Gefühl, alle haben gestaunt.» 

Erst kürzlich gewann Noah Fecker bei einem Online-Schachturnier: Das DSSP-Fairplay-Rapid-Open war mit 152 Teilnehmern das grösste in der Schweiz angebotene Online-Einzelturnier. Der als Nummer sechs gesetzte Eggersrieter holte als Einziger sechseinhalb Punkte aus sieben Runden. Nach sechs Siegen in Serie remisierte der 17-jährige Junior in der Schlussrunde gegen Georgios Souleidis – in der Schach-Community bekannt von seinem YouTube-Kanal «The Big Greek».

ETH-Studium statt Profi-Karriere

Obwohl Noah alles mitbringt, um ein richtig grosser Schachprofi zu werden, verzichtet der 17-Jährige darauf, sein Hobby zum Beruf zu machen. Zurzeit konzentriert er sich auf seine Maturaprüfungen, die bald anstehen. Sein Schwerpunktfach ist natürlich Mathematik – darin ist er richtig gut: «Wer gut im Schach werden möchte, der braucht Konzentration, Übung, logisches und räumliches Denken», erzählt er.

In der Schule werden Noah sogar einige Freistunden gewährt, um Schach zu trainieren. Anfangs März wurde der 16-Jährige zu einem zehntägigen Turnier in Bad Ragaz eingeladen. «Vor grossen Turnieren bin ich schon etwas angespannt. Die Atmosphäre ist sehr speziell. Manchmal sind da Hunderte von Leuten – und es ist einfach mucksmäuschenstill.»

Nachdem er die Kantonsschule am Burggraben abgeschlossen hat, will er ein Informatik-Studium an der ETH antreten: «Ich werde aber trotzdem nebenbei Schach spielen und so gut es geht an Turnieren teilnehmen.» Ausserdem möchte Noah den Sprung in die Schweizer Nationalmannschaft schaffen.

Die Netflix-Serie Damengambit hat er übrigens nicht gesehen: «Viele meiner Schach-Kollegen haben sie aber geschaut und finden, dass sie wirklich gut gelungen ist. Die Turnier-Atmosphäre kommt wohl authentisch rüber. Ich finde es cool, dass Schach beliebter geworden ist.» 

«Im Schach darf man keine Angst zeigen»

Daniel Zink, der seit 1990 im Schachklub St.Gallen Kinder trainiert, kann sich noch gut an Noah erinnern: «In der Zeit von Noah hatten wir einige sehr gute Spieler. Noah war der ruhigste von allen, er hat alles aufgesaugt und umgesetzt. Sein mathematisches Talent war natürlich auch sehr förderlich. Dann hatten wir beispielsweise einen Schüler – Yasin –, der war unkonzentriert in der Schule, aber hatte die Fähigkeit, sich alle Züge in einem Spiel zu merken. Solche Kinder sind schon sehr besonders und man freut sich als Trainer darüber.» Mit Noah, Yasin und weiteren Talenten gewann der St.Galler Schachklub die Juniorenschweizermeisteraft 2018.

Daniel Zink trainiert die Junioren schon seit über zwanzig Jahren. Bild: Miryam Koc

Gegründet wurde der Schachklub St.Gallen 1862. Er ist damit der älteste Schachklub der Schweiz. Seit einigen Jahren wird im Schulhaus Tschudiwies trainiert. Präsident ist Dimitri Kindle. Gemeinsam mit Daniel Zink und dem leitenden Trainer Thomas Schoch gibt er das Schachspielen an Gross und Klein weiter.

«Unsere jüngsten Spieler sind acht, unser ältester ist 90. Bei uns kommen Generationen und Menschen aus allen sozialen Schichten zusammen, das ist toll», freut sich Zink. Laut dem erfahrenen Trainer könne jeder Schach spielen, es brauche einfach Übung und Konzentration. «Und man darf keine Angst zeigen oder sich aus der Ruhe bringen lassen. Es gibt Gegner, die provozieren gerne. Da muss man cool bleiben.»

  • Trainer Thomas Schoch (links) und Daniel Zink (rechts). Bild: Miryam Koc
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  • Im Schachklub St.Gallen kommen Generationen zusammen. Bild: Miryam Koc
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  • Wer ist stärker und hat den besseren Plan? Gewinnen kann nur einer oder keiner. Bild: Miryam Koc
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  • Logisches Denken spielerisch erlernen. Bild: Miryam Koc
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Schach-Hype dank Corona und Serie

Während des Lockdowns musste auch die Schachschule schliessen; physische Spiele waren für mehrere Wochen nicht mehr möglich. Deshalb wurde online gespielt. «Das hat erstauntlich gut geklappt. Besonders bei der jüngeren Generation. Die Kinder waren viel konzentrierter, weil es keinen Trubel gab», so Daniel Zink. Seit dem 1. März darf aber wieder vor Ort gespielt werden. Das wird auch rege genutzt.

Wer Schach nicht so auf dem Radar hatte, der kam spätestens mit der Netflix-Serie Damengambit damit in Berührung. In der Serie wächst die junge Elizabeth «Beth» Harmon in den 1950er-Jahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Dort entdeckt sie ihr Talent zum Schachspiel, möchte in diesem männerdominierten Sport bestehen und Weltmeisterin werden. Dabei steht ihr die im Heim erworbene Medikamenten- und später auch Alkoholabhängigkeit im Weg, verstärkt aber auch ihre Obsession für das Schachspiel. «Ihre Story hat viele Parallelen zur Geschichte von Schachlegende Bobby Fischer», sagt Thomas Schoch.

«Wir haben im letzten halben Jahr einen ziemlichen Boost erhalten. Wir glauben, dass es an Corona und der Serie liegt. Besonders 20- bis 25-Jährige schienen sich plötzlich für Schach zu interessieren. Die Serie hat scheinbar vielen Leuten gezeigt, wie spannend Schach sein kann», so Dimitri Kindle.

Soziale Kompetenzen werden gefördert

In St.Gallen freut man sich über den Hype und möchte den Gedankensport noch mehr fördern. Die Kinder erhalten verschiedene Aufgaben, die sie alleine oder im Team lösen müssen. «Es gibt verschiedene Ansätze, wie mach das Spiel lernen kann. Unsere Trainer haben da auch unterschiedliche Methoden, aber wir ergänzen uns sehr gut», sagt Schoch.

«Wir hatten schon Kinder da, bei denen hat man gemerkt, dass eher die Eltern als die Kinder selbst am Schach interessiert waren. Da hat man dann auch keine grossen Fortschritte gesehen. Der Wille ist ganz wichtig», so Zink.

Im Schachklub St.Gallen will man aber nicht einfach nur den Kindern das Spiel beibringen, sondern auch die sozialen Kompetenzen der Junioren fördern. Schach verlangt von den Spielern Aufmerksamkeit, Fairness, Einfühlungsvermögen, Logik, Sorgfalt, Kreativität, Ausdauer, Verantwortung und Coolness. «Man muss auf jeden Schüler eingehen und ihn verstehen. Erst dann kann man etwas bewirken», sagt Zink.

Schach lockt mit seinen sechs Charakteren in eine faszinierende Welt. Bild: Miryam Koc

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Miryam Koc