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«Man muß nur hübsch alt werden; da giebt sich Alles»

Arthur Schopenhauer um 1852 (auf einer Fotografie von Jacob Seib) Bild: PD
Der ehemalige St.Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler beschäftigt sich nicht erst seit seiner Pensionierung mit dem grossen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Für stgallen24.ch stellt Ziegler in unregelmässigen Abständen Preziosen aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass vor. Heute: Philosophieren mit Schopenhauer, Teil 1.

Es war ein weiter und langer Weg, den Arthur Schopenhauer zurücklegte von der Freien Hansestadt Danzig an der Weichsel nach der alten Reichsstadt Frankfurt am Main.

«Ich bin den 22. Februar 1788 in Danzig geboren, wo mein Vater einer der angesehensten Kaufleute der Stadt war, meine Mutter aber die später durch ihre Schriften berühmt gewordene Johanna Schopenhauer», schrieb Schopenhauer 1851 in seinen biographischen Notizen. Er verehrte seinen Vater sein ganzes Leben lang und liebte es, «ihn als Muster eines braven Mannes mit feinen Sitten hinzustellen». Es gibt eine herrliche Anekdote über eine Begegnung Friedrichs des Grossen mit dem alten Schopenhauer, der dem König von Preussen spanischen Schnupftabak verkaufen konnte.

Die Eltern: Johanna (1766-1838) und Heinrich Floris (1747-1805) Schopenhauer Bild: PD

In seinen Notizen überging Schopenhauer seine Sprachaufenthalte in Frankreich und England und berichtete, dass er 1809 die Universität Göttingen bezogen habe, wo er Medizin zu studieren begann. Er gab dann aber die Medizin auf und wechselte zur Philosophischen Fakultät. Im Herbst 1811 zog er nach Berlin, wo er an der Friedrich-Wilhelm-Universität philosophische sowie historische, medizinische und naturwissenschaftliche Studien betrieb

Im Mai 1813 vertrieben Kriegsunruhen Schopenhauer aus Berlin; über Dresden, Weimar und Jena ging er nach Rudolstadt an der Saale, wo er den Sommer über blieb und in einem Gasthause die in Berlin begonnene Dissertation beendete. Schon im Oktober erwarb er an der Universität Jena mit der philosophischen Abhandlung «Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde» die Doktorwürde.

Mutter und Schwester: Johanna und Adele Schopenhauer um 1806, rechts: Arthur Schopenhauer um 1809 Bild: PD

Über Schopenhauers Verhältnis zu den Frauen sowie zu seiner Mutter und Schwester Adele ist viel geschrieben worden. Als Schopenhauer seiner Mutter voller Stolz ein Exemplar seiner Dissertation mit dem etwas komplizierten Titel «Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde» überreichte, sagte sie ihm, das sei wohl etwas für Apotheker! Er entgegnete ihr damals, man werde seine Dissertation noch lesen, wenn von ihren Schriften kaum ein Exemplar in einer Rumpelkammer stecken werde, und sie gab ihm schlagfertig den Spott mit den Worten zurück: «Von den deinigen wird die ganze Auflage noch zu haben sein.» Für lange Zeit hinaus sollte sie recht behalten: Die erste Auflage der «Vierfachen Wurzel» wurde gleich derjenigen des Hauptwerkes grösstenteils Makulatur; während Johannas Schriften den besten Absatz fanden.

«Ueber die Weiber»

Wenn über Arthur Schopenhauer geredet wird, muss wenigstens am Rande auch sein «Weiberhass», den man «eine geistreiche Pose» genannt hat, erwähnt werden. Fallen nämlich in irgendeinem Gespräch die Namen Schopenhauer oder Nietzsche, ist das stets ein Thema. Schopenhauer ist der «Weiberfeind», und bei Nietzsche wird dann in der Regel sein – meistens falsch und ohne Zusammenhang zitiertes – Dictum: «Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht» angeführt. In seinem «Also sprach Zarathustra» steht aber: «Und also sprach das alte Weiblein: ‚Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!’»

Schopenhauers vermeintlichen Hass auf Frauen hat man im Zusammenhang mit seiner Mutter zu deuten versucht. Oskar Eichler untersuchte in einer psychoanalytischen Studie «Die Wurzeln des Frauenhasses bei Arthur Schopenhauer». Die Ehe zwischen Heinrich Floris Schopenhauer (1747-1805), der 1805 wahrscheinlich Selbstmord beging, und der fast zwanzig Jahre jüngeren Johanna Trosiener (1766-1838) war nicht glücklich. Schopenhauers Verhältnis zu seiner Mutter war schlecht; er soll ihr die Schuld am Selbstmord seines Vaters gegeben haben. Gegen den Schluss seiner kleinen philosophischen Schriften, den «Parerga und Paralipomena», schrieb er 14 Seiten «Ueber die Weiber», nach Angelika Hübscher (1912-1999) «weniger als ein halbes Hundertstel des Gesamtwerks». Frau Hübscher hat den «Weiberfeind» in ihrem Text «Schopenhauer und ‚die Weiber’ oder: Zerstörung der ersten Legende» rehabilitiert. Für mich ist dieses Thema von untergeordneter Wichtigkeit. Der altgewordene Hagestolz sagte einst lachend zu seinem Anhänger Carl Georg Bähr (1834-1893): «Was die Weiber anbetrifft, so war ich diesen sehr gewogen – hätten sie mich nur haben wollen...»

Arthur Schopenhauer um 1859 (auf einer Fotografie von Johann Schäfer) Bild: PD

Eine weitere Legende

Im November 2016 war in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom «griesgrämigen Arthur Schopenhauer» die Rede, wobei der Verfasser des etwas wirren Artikels vermutlich weder die «Blütenlese» von Ralph Wiener (geb. 1924) über «diesen Griesgram» mit dem Titel «Der lachende Schopenhauer» (1996) noch die vielen Anekdoten über Schopenhauer kennt.

Zu Arthur Schopenhauer sagte auf einer Gesellschaft ein eingebildeter Mensch: «lch versichere Ihnen, ich habe eine seltene Gabe. Ich sehe einen Menschen nur scharf an und weiß dann sofort, was er von mir denkt.» «Das ist ja sehr schön», erwiderte der Philosoph, «muß Ihnen aber doch oft auch recht peinlich sein!»

Nicht nur solche Anekdoten belegen Schopenhauers Humor oder Galgenhumor, auch den Rat, welchen er 1818 in der Vorrede seines Hauptwerks dem Käufer von «Die Welt als Wille und Vorstellung» gab, zeugt von seinem Witz: Er erinnert den Leser, «daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viele andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren.»

Das alles hilft natürlich nichts, Schopenhauer ist und bleibt für viele Leser ein Pessimist.

Gottfried Wilhelm Leibniz, Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700 Bild: PD

Es war der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der diese unsere Welt als die beste aller möglichen Welten und Gott als ihren Schöpfer beschrieb. «Die Absurdität ist schreiend,» schrieb Schopenhauer dazu, und in seinem sogenannten Cholerabuch notierte er: «In meinem 17ten Jahre ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Die Wahrheit, welche laut und deutlich aus der Welt sprach, überwandt bald die auch mir eingeprägten Jüdischen Dogmen, und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens seyn könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am Anblick ihrer Quaal sich zu weiden: darauf deuteten die Data, und der Glaube, daß es so sei, gewann die Oberhand.»

Im Band Senilia, Gedanken im Alter, den der Philosoph Franco Volpi (1952-2009) und ich 2011 herausgegeben haben, heisst der letzte Satz in Volpis Einleitung: «Die Schlußfolgerung unseres zähen Pessimisten – letztlich ein gut unterrichteter Optimist – ist ziemlich einfach: ‚Man muß nur hübsch alt werden; da giebt sich Alles.’»

Die Bilder von Johanna, Adele und Arthur Schopenhauer als Junior stammen aus:
Jochen Stollberg: Johann Gottlob von Quandt – Arthur Schopenhauer, Dresden 2015

 

Ernst Ziegler, ehemaliger St.Galler Stadtarchivar