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Stadt St. Gallen
21.11.2020
21.11.2020 07:43 Uhr

Arthur Schopenhauer als Tierfreund

Der ehemalige St.Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler beschäftigt sich nicht erst seit seiner Pensionierung mit dem grossen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Für stgallen24.ch stellt Ziegler in unregelmässigen Abständen Preziosen aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass vor. Heute: Schopenhauer als Tierfreund und Tierschützer.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) war ein grosser Tierfreund und Tierschützer. Als solcher trat er dem 1841 in Frankfurt am Main gegründeten «Verein zum Schutz der Thiere» umgehend bei.

In seinem philosophischen Tagebuch oder «Gedankenbuch» mit dem Titel «Spicilegia» notierte er 1844, ein Grundfehler des Christentums sei, dass es den Menschen losgerissen habe von der Tierwelt und dass es die Tiere «als Sachen» betrachte. Im selben Manuskript steht 1850: «Der Mensch ist nämlich ein armes Thier, welches nichts, als sein Futter und dazu ein wenig Unterhaltung und Kurzweil sucht.» In einem späteren «Gedankenbuch» schrieb er 1856, dass an allen Sinnen blind sein müsse, wer nicht einsehe, «daß das Thier im Wesentlichen und in der Hauptsache durchaus das Selbe ist, was wir sind».

Auch ein Zeitgenosse Schopenhauers, der von ihm wenig geschätzte freigeistige Philosoph und Hegelianer Ludwig Feuerbach (1804-1872), nahm an, dass Tiere «ebenso bewusste Lebewesen wie Menschen sind».

Wenn Schopenhauer schreibt, Tiere seien «kein Fabrikat zu unserem Gebrauch», dann denkt er an jene Stelle im Alten Testament, wo steht: «Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde! Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht, und über alle Fische im Meer: in eure Hand sind sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das Kraut, das grüne, gebe ich euch alles.» (1. Mose, 9, 1-3; vgl. auch 1. Mose, 1, 26, 28.)

Zwischen diesen Kapiteln aus dem ersten Buch Moses stellt Schopenhauer einen Zusammenhang her zu den «absurden und sehr oft empörenden Sätze» der Moralphilosophie des Philosophen Baruch de Spinoza (1632-1677). In dessen «Ethik» steht, er leugne keineswegs, «daß die Tiere Empfindung haben; wohl aber bestreite ich, daß es deswegen nicht erlaubt sein sollte, für unseren Nutzen zu sorgen und sie nach Belieben zu gebrauchen und so zu behandeln, wie es uns am besten paßt».

Nach Spinoza existiert in der Natur ausser dem Menschen nichts, was zu schonen wäre, und unsere Vernunft lehrt uns, die «Einzelwesen in der Natur», also die Tiere, je nach deren «verschiedenen Brauchbarkeiten zu schonen, zu zerstören oder auf jedwede Weise unserem Gebrauche anzupassen».

Dass dem Tierfreund Schopenhauer solche Sätze missfallen mussten, ist verständlich. In seinem Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» heisst es dazu, absurd und abscheulich zugleich sei Spinozas «Verachtung der Thiere, welche auch er, als bloße Sachen zu unserm Gebrauch, für rechtlos erklärt». Gar kein Verständnis hatte der «Philosoph des Mitleids» für die Tierquälereien, welche Spinoza «zu seiner Belustigung und unter herzlichem Lachen, an Spinnen und Fliegen zu verüben pflegte»; sie entsprächen, urteilte Schopenhauer, nur zu sehr den von ihm «gerügten theoretischen Sätzen, wie auch besagten Kapiteln der Genesis».

Ebenfalls im Hauptwerk steht dann aber doch: «Bei dem Allen bleibt Spinoza ein sehr großer Mann.»

Der Philosoph Schopenhauer, der zuerst Medizin studiert hatte, war ein erklärter Feind der Vivisektion. In einem Kapitel «Ueber Religion» schrieb er: «Zu Vivisektionen ist Keiner berechtigt, der nicht schon Alles, was über dem zu untersuchenden Verhältniß in Büchern steht, kennt und weiß.» Und weiter: «Als ich in Göttingen studierte, sprach Blumenbach, im Kolleg der Physiologie, sehr ernstlich zu uns über das Schreckliche der Vivisektionen, und stellte uns vor was für eine grausame und entsetzliche Sache sie wären; deshalb man zu ihnen höchst selten und nur bei sehr wichtigen und unmittelbaren Nutzen bringenden Untersuchungen schreiten solle; dann aber müsse es mit grösster Oeffentlichkeit, im großen Hörsaal, nach an alle Mediciner erlassener Einladung geschehn, damit das grausame Opfer auf dem Altar der Wissenschaft den größtmöglichsten Nutzen bringe.»

Dass zu den Vivisektionen – nach Schopenhauer – «am häufigsten das moralisch edelste aller Thiere genommen» wird, nämlich der Hund, bereitete dem Hundefreund und Pudelbesitzer besonderen Schmerz. Schopenhauer besass während seines Lebens mehrere Pudel; sie hiessen «Atma» (Weltseele) oder «Butz». Wenn sein Hund ihn ärgerte, soll er ihn mit «du Mensch» beschimpft haben.

Ernst Ziegler