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Stadt St.Gallen
02.01.2026
22.12.2025 14:00 Uhr

Fasten und Beten gegen das Unheil

Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich halten die St.Galler und ihre Bevölkerung im Jahr 1650 dazu an, die neue Jahrhunderthälfte als Chance zu sehen und sich gottgefälliger zu verhalten
Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich halten die St.Galler und ihre Bevölkerung im Jahr 1650 dazu an, die neue Jahrhunderthälfte als Chance zu sehen und sich gottgefälliger zu verhalten Bild: StadtASG, Missive 4069
Das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde hat den Briefverkehr («Missiven») der Stadt St.Gallen von 1400 bis 1650 digital erfasst. Als «Missive des Monats» stellen wir Ihnen jeden ersten Freitag im Monat ein besonders interessantes Schriftstück vor. Heute zeigen wir, wie St.Gallen noch im 17. Jahrhundert Naturkatastrophen als göttliche Strafen taxierte.

Kriege, Seuchen und zerstörende Naturereignisse galten lange als Strafe Gottes. So wurden im Mittelalter die Pest, Heuschreckenplagen, welche die Ernten vernichteten, Erdbeben und andere Katastrophen dem Umstand zugeschrieben, dass die Menschen kein gottgefälliges Leben führten. Gott bestrafte nach diesem Verständnis die Menschen für ihre Sünden.

In der Coronapandemie bekam diese Vorstellung manchenorts wieder Auftrieb. Der Gegensatz von heute zu früher besteht darin, dass früher Regierungen ihre Untergebenen eindringlich zu gottgefälligem Leben ermahnten, um Gott wieder zu besänftigen, wie der folgende Brief von Bürgermeister und Rat von Zürich vom 28. November 1650 an ihre Kollegen in St.Gallen zeigt.

Aufruf zum Fasten, Beten und Busse tun

Die Zürcher beklagten sich bei den St.Gallern über den sündhaften Lebenswandel der Menschen, der den heiligen Zorn Gottes entfacht habe. Dieser Zorn habe sich seit Beginn des Jahrhunderts in Erdbeben und anderen Zeichen geäussert.

Damit nun Gott wieder besänftigt werde und von weiteren Strafen absehe, habe der Stadtrat von Zürich die Stadtbevölkerung und Untertanen auf dem Land dazu angehalten, das neue Jahr der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht mit unmässigem Essen und Trinken zu beginnen, sondern mit Fasten, Beten und Busse tun.

Zürich richtete diesen Appell nicht nur an St.Gallen, sondern auch an andere evangelische Orte.

Künftiges Unheil durch ein gottgefälliges Leben mit Beten und Prozessionen abzuwenden, drückt sich in der christlichen Tradition der Fürbitte aus. Im Jahrzeitenbuch der St.Galler Kirche St.Laurenzen aus der Zeit des 14. Jahrhunderts bis zur Reformation 1525 wurden Verstorbene eingetragen. Jedes Jahr am Todestag der Gestorbenen las der Pfarrer die Namen vor, und die versammelte Kirchengemeinde betete für deren Seelenheil. Ein Eintrag hält unter dem 17. Juni die Gefallenen der Appenzeller Kriege 1405 fest. Zur Abwendung künftiger Kriege wurde eine Prozession zur Kapelle in Kronbühl eingeführt, «damit Gott der Allmächtige uns und unsere Nachfahren vor solchen Gefahren schütze.» Jahrzeiten wurden in der Reformation bei den evangelischen Orten abgeschafft; in der katholischen Tradition sind sie als Teil des Totengedenkens erhalten geblieben Bild: StadtASG, Bd. 509

Eine Gesellschaft zwischen Hunger und Sättigung

Der Bevölkerung ein sittsames Leben zu predigen und vorzuschreiben, war typisch für die damalige Zeit. Insofern war dieser Brief keine Besonderheit. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob er mit der expliziten Erwähnung von Erdbeben auf eine reale Situation jener Zeit Bezug nimmt.

Dies scheint der Fall zu sein. In einer Untersuchung der Anzahl Erdbeben zwischen 1600 bis 1699 der ETH Zürich ist das Jahr 1650 nämlich mit 18 Einträgen aufgeführt – das ist ein Spitzenwert. Aufgeführt sind einzelne Erdbeben in Buchs/SG, Sax/SG, Arlesheim, Chur, Pratteln, Brugg, Bremgarten, Aarau sowie neun Beben in Basel.

Das Grosse Basler Erdbeben von 1356 in einer zeittypischen Darstellung von 1904. Aquarell von Karl Jauslin, Muttenz Bild: Wikimedia Commons

Die Häufung von Erdbeben als alleinige Ursache für den moralischen Appell des Jahres 1650 anzunehmen, würde aber zu kurz greifen. Es waren allgemein schwierige Zeiten. Die Menschen waren noch traumatisiert vom Dreissigjährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 gewütet hatte. Nach Schätzungen verloren Millionen Menschen damals ihr Leben.

Auch wenn die Eidgenossenschaft nicht direkt von Kriegshandlungen betroffen war, bekam auch sie die Auswirkungen zu spüren. So waren beispielsweise der Import von Getreide aus Schwaben und der Export von Textilien aus der Ostschweiz ganz oder teilweise verunmöglicht. Kommt hinzu, dass zahlreiche Gesuche nach finanzieller Unterstützung an die Städte der Eidgenossenschaft gelangten.

Kriege verschärften die ohnehin labile Versorgungssituation der Menschen in vorindustrieller Zeit. Auch wenn Viele nicht direkte Opfer von Kampfhandlungen wurden, starb ein Grossteil der Menschen an Mangel und Hunger wegen der Zerstörung von landwirtschaftlichen Kulturen. Hunger drohte auch in Friedenszeiten.

Dieses Bittkreuz am Rohrspitz, Vorarlberg, mit der Aufschrift «Gott, schütze unsere Rheindelta-Gemeinden vor Hochwasser, Dammbruch und Überflutung» bringt die reale Angst vor Überschwemmungen durch den Rhein zum Ausdruck. Mit dem aktuellen Projekt Rhesi, Hochwasserschutz Alpenrhein, wird die Verbesserung der Hochwassersicherheit des Rheins zwischen der Illmündung und dem Bodensee angestrebt. Die Sicherheit entlang dieser 26 Kilometer langen Strecke wird auf den Schutzgrad eines 300-jährlichen Hochwassers ausgerichtet Bild: Stefan Sonderegger

Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert waren die Ertragszahlen im Getreidebau generell gering: Für ein gesätes Korn wurden im Durchschnitt drei bis fünf oder leicht mehr Körner geerntet. Zum Vergleich: Heute bewegen sich die Saat-Ernte-Zahlen im Verhältnis von 1:40 bis 1:50.

Die grösste Gefahr bildeten aber nicht die niedrigen Erträge an sich, sondern die totalen Ertragsausfälle. Jahre mit schlechter Witterung liessen das Getreide nicht reifen. Hagelschläge konnten örtlich ganze Ernten vernichten. Das heisst, unsere Vorfahren um 1650 mussten sich generell Sorgen um die Sicherstellung ihrer Ernährung machen. Kamen Kriege, Erdbeben, Brände und Überschwemmungen hinzu, drohte die Katastrophe und Ausweglosigkeit.

Dieses Unheil versuchten Obrigkeiten damals abzuwehren, indem sie die Bevölkerung zu Mässigung, Frömmigkeit und moralisch korrektem Handeln aufriefen. Davon zeugen neben Missiven auch weitere im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen überlieferte Unterlagen, darunter sogenannte Mandate.

Die Fotografie zeigt das Hochwasser am Rhein am 8. Juni 2024, aufgenommen auf der neuen Rheinbrücke bei Fussach, Vorarlberg, mit Blick auf die Einmündung in den Bodensee. Das Vorgelände steht bereits teils unter Wasser Bild: Stefan Sonderegger

Es ist eine Lebensanschauung, ob man Katastrophen als Rache Gottes für «Unbussfertigkeit und sündhaftes Leben» betrachtet, wie es in der moralischen Zürcher Botschaft an die St.Galler zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts heisst. Etwas profaner gedacht würde ich mich eher der Meinung anschliessen, dass uns aktuell Politiker, die sich mit ihrem übertriebenen Ego als Weltenlenker aufspielen, Katastrophen bescheren.

Die erwähnte Missive Nr. 4069 ist abrufbar unter:
missiven.stadtarchiv.ch/data/stasg_missiv_04069

Literatur

  • Horst Buszello: Teuerung und Hungersnot am Ober- und Hochrhein im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit (circa 1300 – 1800), in: Das Markgräflerland. Kriege, Krisen und Katastrophen am Oberrhein vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit, Schopfheim 2007, S. 32 – 71.
  • «Swiss Seismological Service» der ETH Zürich: Swiss Seismological Service Jahr 1650.
Stefan Sonderegger
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