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Stadt St. Gallen
24.10.2020
25.10.2020 18:23 Uhr

Magie und Hexerei bei Arthur Schopenhauer – und im Appenzellerland

Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Der ehemalige St.Galler Stadtarchivar Ernst Ziegler beschäftigt sich nicht erst seit seiner Pensionierung mit dem grossen deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Für stgallen24.ch stellt Ziegler in unregelmässigen Abständen Preziosen aus Schopenhauers handschriftlichem Nachlass vor. Heute: Magie und Hexerei.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) hat sich sein Leben lang intensiv mit Träumen, Nachtwandeln, Somnambulismus, Hellsehen, Magnetismus, Geistern, Zauberei und Hexerei beschäftigt und einen spannenden „Versuch über das Geistersehn und was damit zusammenhängt“ geschrieben.

Wenn Schopenhauer etwa von „Besprechen“ schreibt, so versteht er darunter die Ausübung eines Wortzaubers; es kann im schlechten Sinne verzaubern, verhexen oder im guten Sinne entzaubern, heilen bedeuten.

Das sogenannte „Gebetsheilen“ ist heute noch in Appenzell und an anderen Orten verbreitet. Der Historiker und Landammann von Appenzell Innerrhoden schreibt in seiner Arbeit „För Hitz ond Brand, Gebetsheilerinnen und Gebetsheiler in Appenzell Innerrhoden“: „In Appenzell Innerrhoden leben heute noch Menschen, die um Hilfe angegangen werden, wenn nach Meinung vieler der Arzt mit seiner Kunst am Ende ist. Diese ,nehmen' die Schmerzen oder das Fieber, ,stillen' das Blut oder löschen den ,Brand', das heißt, sie versuchen, schwere Verbrennungen und Entzündungen zum raschen Ausheilen zu bringen, ohne daß auf der Haut Narben zurückbleiben. Sie bekämpfen Warzen und hartnäckige Ekzeme unter Verwendung von zum Teil sehr alten Heilsprüchen und Segensformeln.“

Die Gebetsheiler sind medizinische Laien, die sich aber auf volksmedizinisches Wissen stützen. „Das Heilen ist für sie eine von Gott gegebene Gabe, die sie im Verborgenen und als Nebenbeschäftigung ausüben.“ Für ihre Heiltätigkeit dürfen sie kein Honorar verlangen, weil sonst die Gabe des Heilens verloren gehen könnte.

„Gebetsheilen funktioniert auch auf Distanz, ja sogar wenn der Kranke nichts davon weiß. Am häufigsten werden Gebetsheiler in Anspruch genommen bei Fieber, Entzündungen, Schmerzen, vor und nach Operationen um die Heilung zu fördern und den Patienten zu beruhigen und bei Hautkrankheiten. Eine Spezialität ist das Nehmen von Heimweh.“

Bauern holen bei Tierkrankheiten oft lieber einen Gebetsheiler als den Veterinär. Die Kraft für das Heilen wird, nach Roland lnauen, von Generation zu Generation weiter gegeben. Erwähnenswert ist in unserem Zusammenhang, was ein Gebetsheiler lnauen anvertraut hat: Er verstehe seine Art zu heilen „als Anstoß zur Selbstheilung“ und „der Wille zum Gesundwerden müsse da sein“. Ohne Zweifel ist „durch die Kraft des Glaubens“ vieles möglich. (Anm. des Autors: Ich habe einen erfolgreichen Gebetsheiler auf der Fälenalp gekannt.)

Buchtipps:

Inauen, Roland: För Hitz on Brand, Gebetsheilerinnen und Gebetsheiler in Appenzell Innerrhoden, in: Kräuter und Kräfte, Heilen im Appenzellerland, hg. von Walter Irniger, Herisau, Urnäsch 1993.

Inauen, Roland: Gebetsheilen, in: Appenzeller Bräuche und Traditionen, Appenzell 2013

Ernst Ziegler