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Stadt St.Gallen
25.11.2022
25.11.2022 11:47 Uhr

Die Textilstadt ohne Fashionistas

Streetstyles, die man auf St.Galler Strassen eher weniger sieht...
Streetstyles, die man auf St.Galler Strassen eher weniger sieht... Bild: zVg
Seit über einem Jahrzehnt stattet Mario Romano im «Newman & Paul» in St.Gallen Männer aus. In seiner Kolumne auf stgallen24 geht er den grossen und kleinen Fragen der Modewelt nach.

In der Vergangenheit wurde ich mal gefragt, ob es in der Stadt St.Gallen eigentlich «Fashionistas» gibt – schliesslich sei die Gallusstadt bekannt für ihre Textilien, die von Stars auf der ganzen Welt getragen werden.

Nach einem wunderbaren langgezogenen Sommer, worin ich durch diese Frage inspiriert, vermehrt durch die Gassen der Stadt St.Gallen gezogen bin, muss ich klar und deutlich sagen: Nein. Hinzu durch den einen Anteil meiner beruflichen Hingabe – die internationale Modeszene stets zu beobachten – verstärkt sich meine Meinung noch deutlicher. Aber was bedeutet ein «Fashionista zu sein» überhaupt?

Ist dieser Begriff heute noch trendy?

Fashionistas bezeichnete man in der Vergangenheit all die Menschen, die an einem Modeshooting beteiligt waren:  Models, Stylisten, Fotografen und RedakteurInnen – also das ganze Team rund um den modeorientierten kreativen Prozess. Irgendwann verlief sich dieser Begriff weit darüber hinaus zu all denjenigen Menschen – unter anderem an die Influencer – die sich intensiv für Styling und Trends interessierten und sich zu einem wesentlichen Teil danach ausrichten.

Wird diese kurze Beschreibung nun über die Karte der Stadt St.Gallen gelegt, dann kommt man schnell zum Schluss, dass es hier kaum Fashionistas gibt. Es gibt immer wieder kleine Blitzlichter in der Menge, die sich durch die Strassen dieser Textilstadt bewegen und die in ihrem Auftritt dem Normcore trotzen oder sich in sich so gefunden haben, dass ein persönlicher Kleidungsstil ein klarer Bestandteil ihres sich selbst bewussten Wesens geworden ist. Meistens ist das unter dem weiblichen, reiferen Publikum zu finden.

Aber summa summarum «bekleiden» sich die Menschen von St.Gallen.

Das heisst, sie kleiden sich zu einem wesentlichen Teil anständig, korrekt, sauber und angepasst. Beim weiblichen Wesen, ungefähr ab dem 30. Lebensalter ist zu beobachten, dass sie einen hohen Wert auf eine schöne, an ihnen entlangfliessenden getragene Harmonie achten. Das männliche Wesen kleidet sich zum wesentlichen Teil beeinflusst durch deren beruflichen Situationen. Die Stadt St.Gallen ist wirtschaftlich bürokratisch wie industriell geprägt. Und eine Imagepflege, um im beruflichen Konkurrenzkampf seiner Persönlichkeit zusätzlichen Ausdruck zu geben, ist hier in St.Gallen kaum erforderlich.

Was dagegen beim männlichen Wesen in seiner Bekleidung eher zu entdecken ist, sind kleine detaillierte Anzeichen beruflicher Erschöpfung oder eine feine Brise Gleichgültigkeit.

Was bei Frauen eher selten oder kaum zu finden ist. Fashionistas sind der Mode freudvoll zugetan. Sie betrachten die Kleidung als etwas sehr Bedeutendes. Sie geben sich der «Aufgabe Mode» zu einem hohen Grade hin. Ihr ganzes Wesen ist oft eine feine Modeskulptur. Vor Jahren wurde behauptet, Mode sei tot. Die Menschen bekleiden sich einfach nur noch. Aus meiner beruflichen Perspektive überraschten mich die vielen kreativen, meist szenisch überbordenden Shows der diesjährigen Catwalks von Mailand, Paris bis New York für das kommende Jahr 2023.

Manche Kollektionen waren reinste Feuerwerke an Farben und gewagten Styles, wie kreative Proteste auf all die globalen düsteren Ereignisse und Brandherden dieser Welt.

Als bäume sich die Mode auf und die Kollektionen tragen den Aufschrei des Friedens und der Lebensfreude – und dies nicht mit lauten Slogans und riesigen Lettern – sondern allein durch das bewusste Tragen von Kleidern, die Harmonie, Wärme, Erinnerungen an bessere Zeiten erzählen, Eleganz unbedingt wieder in die Welt tragen wollen oder klare Signale für ein bewusstes und engagiertes Morgen in sich tragen. Styles, worin Botschaften nach mehr Offenheit und Toleranz herauszulesen sind.

Mode war immer der unausgesprochene, aber klar sichtbare Standpunkt, wofür der Mensch – unabhängig welcher Zugehörigkeit – steht. St.Gallen ist geprägt von ihrer Geschichte als Textilstadt und die Bevölkerung dürfte dies auch in ihrer Kleidung auf den Strassen erzählen. Also: Mehr Mut zur zur Mode und zu sich selbst!

Mario Romano, Stylist und Ladeinhaber von «Newman & Paul»