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Stadt St.Gallen
17.11.2022

«Mumienklau»: Das sagt die Stibi dazu

Forensische Gesichtsrekonstruktion: So könnte Schepenese zu Lebzeiten ausgesehen haben
Forensische Gesichtsrekonstruktion: So könnte Schepenese zu Lebzeiten ausgesehen haben Bild: Cicero Moraes
Milo Rau spendet seinen St.Galler Kulturpreis an Schepenese: Die Mumie in der Stiftsbibliothek soll nach Ägypten zurückkehren. Diese Forderung stellt der Regisseur mit der «St.Galler Erklärung für Schepenese». Die Stibi wehrt sich und stellt einige Behauptungen daraus richtig.

Am 17. November 1997, also vor genau 25 Jahren, fand das Attentat von Luxor statt. Ein islamistisches Terrorkommando ermordete damals im Hatschepsuttempel in Theben-West 62 Menschen, darunter 36 Schweizer, auch vier St.Galler.

Schepenese stammt vermutlich aus der Hathorkapelle, die sich auf der Südseite des Hatschepsuttempels befindet. Die Mumie und ihre Särge erinnern an das schlimme Ereignis, das damals am Ort stattfand. «Wir gedenken an diesem Tag der Opfer und teilen den Schmerz mit allen, die damals Angehörige oder Freunde verloren haben», so Stiftsbibliothekar Cornel Doa.

Er kontert im Folgenden zusammen mit dem Stibi-Team den «Angriff» Milo Raus auf Schepeneses Standort. Ergänzend zum kursiv gesetzten Originaltext haben sie klärende Informationen dazu zusammengestellt.

Stiftsbibliothekar Cornel Dora Bild: LEADER - das Unternehmermagazin

Die sogenannte «St.Galler Erklärung für Schepenese» enthält mehrere Ungenauigkeiten

Text Erklärung: Jeder kennt sie: Die Mumie aus dem Alten Ägypten, die sich im Besitz der Stiftsbibliothek St.Gallen befindet. Dort wird sie, ausgewickelt bis zur Brust, zusammen mit ihren zwei Särgen im barocken Büchersaal in einer Glasvitrine ausgestellt. Für viele ist sie die Hauptattraktion der Bibliothek, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und jährlich an die 150‘000 Besucherinnen anzieht. Neben Schepenese können in der Stiftsbibliothek 170'000 gedruckte Bücher und 2‘000 mittelalterliche Originalhandschriften bewundert werden – etwa der «Abrogans», das älteste überlieferte deutsche Buch mit der ältesten deutschen Version des Vaterunsers.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Schepenese ist wohl tatsächlich die bekannteste Mumie, die in einer Bibliothek aufbewahrt wird (Steinhauer, S. 18-19). In rund einem Dutzend weiterer Bibliotheken finden sich ebenfalls ägyptische Mumien. Daneben werden Mumien und Mumiensärge jedoch hauptsächlich in Museen aufbewahrt und ausgestellt.
  • Schepenese ist bis zu den Schultern ausgewickelt (nicht bis zur Brust).
  • Schepenese ist in einem gläsernen Sarg ausgestellt (nicht in einer klassischen Vitrine).
  • Die Stiftsbibliothek besitzt rund 1000 mittelalterliche Handschriften, davon rund 400 aus der Spätantike und dem Frühmittelalter (bis 1100).
  • Die Stiftsbibliothek ist die Ikone schlechthin unter den historischen Bibliotheken unserer Welt. Ein einzigartig schöner Ort mit der besterhaltenen Sammlung, die sich noch am Ursprungsort befindet und bis ins 1. Jahrtausend n. Chr. zurückreicht.

Text Erklärung: Im Rahmen verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungen konnte die Mumie als «Schepenese» (altägyptisch für «mit der Isis verbunden») identifiziert werden: Eine Priestertochter, die zwischen 700 und 650 v. Chr. zur spirituellen Elite gehörte. Sie starb mit schätzungsweise 30-40 Jahren und wurde in der Nekropole von Theben (dem heutigen Luxor) in einem Familiengrab bestattet. Damals war St.Gallen unbesiedeltes Gebiet, die christliche Religion war noch nicht begründet. Es sollte noch 1500 Jahre dauern, das Römische Reich entstehen und untergehen und Europa in die Wirrnisse der Völkerwanderung fallen, bis die erste in der Stiftsbibliothek kopierte Bibel entstehen konnte.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Der Name bedeutet richtig „Geschenk der Isis“ (nicht „mit der Isis verbunden“).
  • Die Lebenszeit wird zwischen 650 und 610 v. Chr. angesetzt (nicht 700-650 v.
    Chr., Siegmann, S. 26).
  • Das Sterbealter wird mit etwas mehr als 30 Jahren angenommen (nicht 30-40
    Jahre).
  • Der Begräbnisort war vermutlich die Hathor-Kapelle auf der Südseite des
    Hatschepsuttempels in der Nekropole in Theben-West (das heutige Luxor ist
    eigentlich Theben-West auf der anderen Seite des Nils).
  • An diesem Ort, im Hatschepsuttempel fand genau vor 25 Jahren, am 17.
    November 1997, das islamistische Attentat von Luxor statt (vgl. oben).
  • Schepenese erinnert an dieses Attentat.

Text Erklärung: Nochmal 1000 Jahre sollten vergehen, bis die Mumie mit dem reich bemalten Innenund Aussensarg in die Schweiz gelangte. Grabräuber hatten sie in dem von französischen, englischen und osmanischen Armeen geplünderten Ägypten einem französischen Geschäftsmann verkauft, der sie seinerseits dem damaligen St. Galler Landammann schenkte. Dieser überliess Schepenese als Leihgabe der Stiftsbibliothek und drängte den Katholischen Konfessionsteil wiederholt zum Kauf, welcher daher bis heute Besitzer der Mumie ist.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Umstände der Grabentnahme sind nicht bekannt. Es gibt keinen Beleg dafür, dass es sich um einen Grabraub handelte, obwohl das – wohl mit etwas Sensationslust – in der Literatur gelegentlich so geschrieben wurde.
  •  Von einer Plünderung zu sprechen ist irreführend. Französische, englische und später auch deutsche Wissenschaftler begannen seit dem Ägyptenfeldzug Napoleons ab 1798 sich wissenschaftlich intensiv mit dem in Ägypten ungeschützten und von den Einheimischen verständnislos behandelten Erbe der altägyptischen Kultur auseinanderzusetzen. Diese war um das Jahr 1000 mit der islamischen Eroberung endgültig untergegangen. Die islamische Gesellschaft stand dem Erbe verständnislos gegenüber und zerstörte es verschiedentlich.
  • Ein besonders drastisches Beispiel ist der Plan des ägyptischen Vizekönigs, Mohammed Ali, um 1830 eine der Pyramiden von Gizeh abzutragen, um die Steine für den Kanalbau zu verwenden. Ein Briefwechsel zeigt, dass sich JeanFrançois Mimaut, der damalige französische Konsul in Alexandrien (1829-1837) gegen diese Zerstörung wandte, die dann Gottseidank unterblieb. Das Antwortschreiben von Mohammed Ali zeigt deutlich dessen Unverständnis für das altägyptische Erbe, welches die Pyramiden darstellen: «Meine Pyramide ist ein Altertum ohne Wert», schrieb er, und: «Heute will ich einen armseligen Berg abbrechen, der nicht mehr die Gestalt eines Monuments hat und den Fledermäusen und Wüstenräubern als Unterschlupf dient. Ich will seinen Schutt für den Kanalbau Ägyptens einsetzen, und du bittest um Gnade für ihn.»
  •  Philipp Roux war ein deutscher Geschäftsmann (kein Franzose).
  • Es ist aufgrund neuer Erkenntnisse anzunehmen, dass Müller-Friedberg für die Mumie bezahlte. Er verwendet das Wort «geschickt», nicht «geschenkt». Auch Mumie und Särge des Vaters von Schepenese, Pestjenef, wurden um 1820 käuflich erworben. Käufer des Pestjenef-Ensembles war Heinrich von Minutoli, der Gesandte des preussischen Königs in Ägypten.
  • Der Katholische Konfessionsteil erwarb die Mumie 1836 von Müller-Friedberg für den ansehnlichen Betrag von 440 Gulden.

Text Erklärung: Immer wieder wurde aus verschiedenen Kreisen Kritik an der Zurschaustellung der Schepenese laut. Wie hätte St.Gallen auch stolz darauf sein können? Ihrem Grab von Grabräubern entrissen, nach Paris verkauft und nach St.Gallen verschenkt, ausgewickelt in der Stiftsbibliothek den Blicken von Millionen von Tourist*innen dargeboten, ist Schepenese eine ständige moralische Irritation an diesem Ort des spirituellen Wissens und der Hochkultur. Dieser räuberische und respektlose, zumindest aber gedankenlose Zustand ist einer Kulturmetropole wie St.Gallen unwürdig! Wir fordern deshalb eine Revision dieses Zustands:

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Nur sehr wenige Besucherinnen und Besucher stören sich daran, dass die Mumie im Bibliothekssaal gezeigt wird.
  • Es fand kein Verkauf nach Paris statt und es war keine Schenkung, sondern mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Kauf durch Müller-Friedberg (vgl. oben).
  • Es gibt keinen Beleg für einen Grabraub (vgl. oben).
  • «Zurschaustellung» ist irreführend. Schepenese ist ausgewickelt bis zu den Schultern (vgl. oben) und der Sarg ist von da an abwärts mit einem Tuch zugedeckt.
  • Von einer «ständigen moralischen Irritation» ist im Museumsbetrieb nichts zu spüren.
  • Der Zustand ist weder räuberisch noch respektlos, und auch nicht gedankenlos. Die Präsentation entspricht gängigen musealen Konzepten in Bezug auf die Ausstellung sterblicher Überreste von Menschen.
  • Der Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen ist am Eingang mit einer auf Ramses II. (um 1303 – 1213 v. Chr.) zurückgehenden Inschrift «Heilstätte der Seele» überschrieben.
  • Der Saal selber ist das schönste Mausoleum, das man sich denken kann. Das Erbe der altägyptischen Kultur und seine Bedeutung für das Abendland werden unter Einbezug von Schepenese und ihren Särgen im Gesamtkunstwerk des Bibliothekssaals eindrücklich aufgenommen.
  • Schepenese und ihre Särge erinnern heute auch an das Attentat von Luxor vom 17. November 1997 (vgl. oben).

Text Erklärung: AUS GRÜNDEN DER PIETÄT. Es handelt sich bei Schepenese um eine rituell einbalsamierte und bestattete Frau. Wie Sylvia Schoske, die ehemalige Direktorin des Ägypten-Museums in München, schreibt, ist gemäss alt-ägyptischen Vorstellungen «die Zurschaustellung eines einbalsamierten Leichnams gleichbedeutend mit dessen Verdammnis.» Und es ist wohl unmöglich, Frau Schoske nicht zuzustimmen, wenn sie weiter schreibt: «Es sollte selbstverständlich sein, die Scheu des alten Ägypters vor dem toten Körper zu respektieren.» Der Fall der Schepenese verletzt die Tabus altägyptischer, aber auch christlicher, jüdischer und muslimischer Totenbestattungsriten. Eine Revision des aktuellen Zustands ist eine Frage des Respekts, auch vor dem geschichtlichen Erbe des St. Galler Klosterbezirks.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München, das Frau Schoske leitete, ist eines der wenigen ägyptologischen Museen, die heute keine Mumien mehr ausstellen. Die meisten anderen Museen halten daran fest. Dabei waltet überwiegend Respekt.
  • Die Anschauung Schoskes wird dementsprechend nicht in sehr vielen Museen geteilt.
  • Zentral im Grabkult der Ägypter war das Gedenken. Diesbezüglich ist Schepenese in der Stiftsbibliothek unter den andächtigen Besuchern der Bibliothek sehr gut aufgehoben.
  • Schepenese wird vom Personal der Stiftsbibliothek jeden Abend mit einem kleinen Ritual verabschiedet. Dabei wird ihr Namen genannt und sie somit nach ägyptischer Vorstellung erinnert und der Ewigkeit näher gebracht. Der Sarg wird jeden Abend ganz mit dem darüberliegenden Tuch zugedeckt.

Text Erklärung: AUS GRÜNDEN DES RECHTS. Aktuell laufen zahllose Prozesse und Petitionen, die die Rückgabe unrechtmässig entwendeter altägyptischer Kunst fordern – etwa des Rosetta-Steins, den die englische Armee einst aus Ägypten raubte. Gemeinsam mit Partner*innen aus der Wissenschaft, sowie der schweizerischen und ägyptischen Zivilgesellschaft nehmen wir diese Bemühungen auf. Denn die Existenz Schepeneses in der Schweiz spiegelt ein fortlaufendes historisches Unrecht. Sowohl als Teil des Osmanischen Reiches wie auch als europäische Kolonie verfügte die ägyptische Zivilgesellschaft faktisch über keinerlei Möglichkeit, den Verbleib seines kulturellen Erbes selber zu regeln. Auch wenn die Provenienz der Mumie durch die Bemühungen der Stiftsbibliothek so gut wie möglich geklärt ist und der Ankauf durch St.Gallen formal legal erfolgte, so bleibt doch am Anfang der Kette der Grabraub.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • «Zahllose Prozesse» ist falsch. In aller Regel gibt es keine rechtliche Handhabe zur Klage. Es gibt allenfalls Petitionen und einige Vorgänge, die Schlagzeilen machen.
  • Das Wort «unrechtmässig» ist hier nicht korrekt.
  • Es war kein Raub. Der Rosetta-Stein wurde 1799 von französischen Soldaten zufällig gefunden, aber 1801 von den Briten, die die Franzosen militärisch besieht hatten, beschlagnahmt und nach London gebracht. Am 14. September 1822 gelang dem französischen Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion mit Hilfe des Steins die Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphenschrift (Lettre à Mr. Dacier).
  • «Die Zivilgesellschaft» ist übertrieben. Wer ist das?
  • Der Begriff «Unrecht» ist problematisch und irreführend.
  • Die ersten, die sich für den Erhalt der altägyptischen Kulturgüter vor Ort einsetzten, waren vor allem Franzosen. Die ägyptische Zivilgesellschaft hatte damals keinen Willen dazu, denn sie hatte sich schon lange vom altägyptischen Erbe wegentwickelt und kein Verständnis mehr dafür (vgl. oben).
  • Es gibt keinen Beleg für einen Grabraub (vgl. oben).

Text Erklärung: AUS ÖKONOMISCHEN GRÜNDEN. St.Gallen und Theben sind sich nicht so unähnlich, wie man glauben könnte: Das christliche Mittelalter und Altägypten investierten weit mehr als alle späteren Kulturen in ein Leben nach dem Tod. Totenkult und Jenseitsglaube Altägyptens verschlangen über Tausende von Jahren über die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Dieser Wert besteht – vergleichbar den Kirchen und den Manuskripten des St. Galler Klosterbezirks – in den Pyramiden, den zahllosen Kultgegenständen und natürlich den Mumien fort. Die Zurschaustellung Schepeneses, die als «berühmteste Mumie der Schweiz» seit 200 Jahren die heimlich-unheimliche Attraktion der Stiftsbibliothek ist, stellt bei 150‘000 Besucher*innen pro Jahr für die Gallusstadt einen nicht unerheblichen touristischen Mehrwert dar.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Der Begriff «Bruttosozialprodukt» ist in diesem Zusammenhang problematisch.
  •  Ein ökonomischer Mehrwert, den Schepenese für St. Gallen darstellt, lässt sich
    nicht belegen. Die Stiftsbibliothek wirbt nicht mit der Mumie für ihren Besuch.
    Schepenese spielt keine nennenswerte Rolle in der Kommunikation des
    Welterbes.

Text Erklärung: AUS GRÜNDEN DER BESCHEIDENHEIT. Die Beendigung der Ausstellung der nackten Schepenese ist auch ein längst fälliger symbolischer Akt der kulturellen Bescheidenheit: das Ende der arroganten europäischen Überzeugung, dass in der eigenen Kultur alle Ideen und Hoffnungen früherer Zivilisationen entweder aufgehoben oder für überwunden und wertlos erklärt werden können. Es wäre das Bekenntnis zu einem anderen Begriff von Fortschritt, dessen Rückgrat nicht mehr das Verwerten und Vergessen ist, sondern das Eingeständnis der gegenseitigen Angewiesenheit und der Bereicherung über alle kulturellen und zeitlichen Grenzen hinweg.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Schepenese wird nicht nackt präsentiert (vgl. oben).
  • Im Fall der altägyptischen Kultur hat sich Europa keineswegs arrogant
    verhalten. Ganz im Gegenteil hat sich die europäische Ägyptologie dem Thema
    ausgesprochen offen, einfühlsam und interessiert zugewendet und von Anfang
    an versucht, das altägyptische Erbe auch als Teil der eigenen Wurzeln im
    positiven Sinn zu verstehen.

Text Erklärung: WIR STELLEN FEST: Die Ausstellung der Schepenese überzieht den St. Galler Stiftsbezirk, einen der spirituellen Hauptorte der mittelalterlichen christlichen Kultur, seit bald 200 Jahren mit dem Ungeist des Kulturraubs und der Ignoranz. Ein klassischer Akt der Tempelreinigung ist angebracht! Die Toten sind kein Kapital, der Glaube alter Kulturen ist kein Gruselkabinett. Die Ausbeutung und Plünderung Ägyptens, an der bedauerlicherweise auch die Schweiz beteiligt war und weiterhin ist, kann durch ein anderes, beiden Hochkulturen angemesseneres Verhalten verändert werden.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Es gibt keinen Beleg für einen Grabraub und somit auch keinen für einen Kulturraub (vgl. oben).
  • «Ausbeutung und Plünderung» beschreiben nicht den tatsächlichen Sachverhalt (vgl. oben).

Text Erklärung: WIR FORDERN: Solidarität mit den Toten! Lasst Schepenese heimkehren! Dafür ermutigen wir St.Gallen zu folgenden Schritten: DIE TOTEN BRAUCHEN EINEN ORT! Gemeinsam mit allen involvierten Parteien – der Siftsbibliothek, dem katholischen Konfessionsteil, der Stadt und dem Kanton St.Gallen, der UNESCO sowie unseren Partner*innen und Berater*innen aus Kulturgeschichte, Religionswissenschaft und der ägyptischen Zivilgesellschaft, ägyptischen Behörden und Wissenschaftler*innen – wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Möglichkeiten und Modalitäten einer Rückführung der Schepenese in ihre spirituelle Heimat bis Ende 2023 prüft und den zuständigen Behörden zur Verabschiedung vorlegt, sowie die Debatte zu allen relevanten Fragen in die Öffentlichkeit trägt.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Stiftsbibliothek ist sowohl durch das am 1. Januar 2023 in Kraft tretende Kulturgüterdekret des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen als auch gegenüber dem Bundesamt für Kultur verpflichtet, problematische Provenienzen abzuklären. Dieser bereits geplante Prozess wird von der Stiftsbibliothek eigenständig und verantwortungsbewusst umgesetzt.
  • Zuständig dafür ist die Stiftsbibliothek im Rahmen der vorgesehenen regulären Prozesse, Gefässe und Zuständigkeiten. Experten werden von der Stiftsbibliothek beigezogen, wenn es notwendig ist.

Text Erklärung: RUHE FÜR SCHEPENESE! In der Zwischenzeit fordern wir, als temporäre MinimalLösung, einen würdigen Umgang mit dem Leichnam der Schepenese. Öffentlich ausgestellt werden soll die Mumie nur in den (geschlossenen) Särgen. Möglich wäre auch eine öffentliche Foto-Dokumentation, während Schepenese selbst und ihre 8 | 9 Särge an einem angemessenen Ort verwahrt werden – etwa in der Gruft des Klosters, an der Seite der Gebeine der St. Galler Klostergründer.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Forderung nach einer Verwahrung an der Seite der Klostergründer ist im Licht der Diskussion um kulturelle Aneignung problematisch.

Text Erklärung: GÜTERTAUSCH STATT RAUB! St.Gallen hat mit der Mumie einer anderen Hochkultur, wenn auch unabsichtlich, ein zentrales, spirituelles Gut entwendet. Warum schaffen wir nicht einen Ausgleich? Indem wir eine berühmte St. Galler Handschrift, etwa den Abrogans, einem ägyptischen Museum ausleihen oder gar schenken? St.Gallen gibt ein Beispiel, St. Galler Spiritualität geht auf Reisen: Kultur wird nicht geraubt, sondern global getauscht! Respektvoll, grosszügig und transparent! Nutzen wir jetzt die Chance des kulturellen Austauschs!

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Forderung verkennt die Bedeutung der Stiftsbibliothek als weltweit ausstrahlende Ikone für die historischen Bibliotheken mit der am besten erhaltenen Sammlung, die ins erste Jahrtausend zurückgeht.
  • Grundsätzlich leiht die Stiftsbibliothek in begründeten Fällen Handschriften an Ausstellungen im In- und Ausland aus.
  • Im Fall des althochdeutschen Erbes ist es unwahrscheinlich, dass sich in Ägypten das nötige Interesse finden lässt und eine Ausleihe Sinn machen würde.
  • Ein derartiger kultureller Austausch müsste sorgfältig und in gegenseitigem Respekt entwickelt werden. Die vorliegende Erklärung ist keine Grundlage dazu.
  • Es ist zurzeit kein Gegenüber erkennbar, mit dem darüber gesprochen werden könnte.

Text Erklärung: DER FRANKEN DER WÜRDE! Die Kosten der Ausarbeitung der Übergangslösung erfolgen aus dem Preisgeld des Grossen St. Gallischen Kulturpreises 2022, insgesamt 30‘000 Franken. Für die für die weiteren Schritte und den kulturellen Austausch anfallenden Mehrkosten sorgt St.Gallen vor: Von jedem der EintrittsTickets in die Stiftsbibliothek fliesst ab sofort ein Franken der Würde – 5 Prozent des Eintrittsgeldes – in den Schepenese-Fonds des kulturellen Austauschs und der Debatte!

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Stiftsbibliothek ist ein absolut würdiger Ort für Schepenese.
  • Die Forderung nach materieller Entschädigung ist sachlich nicht nachvollziehbar.
  • Die Stiftsbibliothek wird ihre Abklärungen im Zusammenhang mit dem Status
    der Schepenese selber finanzieren.

Text Erklärung: EIN BEISPIEL FÜR DIE WELT! Die Stiftsbibliothek und damit auch Schepenese und ihre Särge sind UNESCO-Weltkulturerbe. Die UNESCO hat bereits 1976 eine Charta zur Restitution geraubter Kulturgüter verabschiedet, der Fall der Schepense fällt eindeutig unter die Verordnungen dieser Charta. Wir fordern alle Mitgliedstaaten der UNESCO auf, sich der «St. Galler Erklärung für Schepenese» anzuschliessen. Gemeinsam mit der Stiftsbibliothek gibt so die Welt ein Beispiel für einen fairen, respektvollen und innovativen Umgang der Kulturen miteinander.

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Eine UNESCO-Charta von 1976 zur Frage der Restitution ist uns nicht bekannt.
  • Relevant für die Frage ist die UNESCO-Konvention von 1970 über Massnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut, die in der Schweiz 2003 mit dem Bundesgesetz über den internationalen Kulturgütertransfer umgesetzt wurde.
  • Die rechtlichen Bestimmungen zur Frage der Restitution von Kulturgütern aus anderen Ländern und zu den entsprechenden Prozessen finden sich im Bundesgesetz von 2003 in Artikel 9. Dort ist eine Verjährungsfrist von 30 Jahren festgelegt.
  • Darüber hinaus bestehen weder eine juristische Handhabe noch ein kulturpolitischer Bedarf.

Text Erklärung: Schepenese war einst ein Geschenk an St.Gallen, ein Geschenk, mit dem St.Gallen nie glücklich werden konnte. Denn hier bewahrheitet sich das alte Sprichwort: «Unrecht Gut tut selten gut.» Auch diese Erklärung will deshalb ein Geschenk sein, aber eines, das Güte und Glück stiften soll: Machen wir aus einer Bürde eine Würde!

Bemerkungen der Stiftsbibliothek:

  • Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist glücklich und dankbar, dass sie der Erinnerungsort für Schepenese ist und nimmt diese Aufgabe ernst.
  • Schepenese und ihre Särge sind ein respektvoll präsentierter Erinnerungsort für die altägyptische Kultur in der Schweiz und in Westeuropa.
  • Sie erinnern zudem ans islamistische Attentat von Luxor vom 17. November 1997.

Umfassende Informationen zur Mumie und ihren Särgen finden sich in:
Peter Müller und Renate Siegmann, Schepenese. Die ägyptische Mumie der Stiftsbibliothek St. Gallen, hrsg. von Cornel Dora, St. Gallen 1998.

Informationen zu den sogenannten Bibliotheksmumien finden sich in:
Eric W. Steinhauer, Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie. Überlegungen zur Eschatologie der Bibliothek, Hagen-Berchum 2012.

pd/stgallen24