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Kultur
17.11.2022

Rau will Schepenese zurückgeben

Milo Rau (*1977)
Milo Rau (*1977) Bild: Archiv
Regisseur Milo Rau spendet seinen St.Galler Kulturpreis an Schepenese: Die Mumie in der Stiftsbibliothek soll zurückkehren nach Ägypten und bis zu ihrer Rückkehr in Würde verwahrt werden. Diese Forderung wird am 17. November mit der «St.Galler Erklärung für Schepenese» lanciert.

Die St.Gallische Kulturstiftung verleiht dem Theater- und Filmregisseur und Kunsttheoretiker und Autor Milo am 17. November in der Lokremise St.Gallen den Grossen Kulturpreis für seine «vielfältigen, international beachteten, bedeutsamen und mutigen Arbeiten».

Anlässlich dieser Verleihung findet zusätzlich in der Kunst Halle Sankt Gallen vom 17. November bis 18. Dezember 2022 eine Ausstellung zu seiner filmischen, theatralen und aktivistischen Arbeit statt.

Im Rahmen dieser Ausstellung «Warum Kunst?» und der Verleihung des Grossen St.Galler Kulturpreises lanciert Rau die «St.Galler Erklärung», die die Rückführung der Mumie Schepenese aus der Stiftsbibliothek in ihre spirituelle Heimat fordert.

Unterstützung erhält Milo Rau von Prominenz aus Wissenschaft, Kultur und Politik wie Adolf Muschg, Sibylle Berg, Bénédicte Savoy, Mattea Meyer, Peter Stamm, Heba Abd el Gawad, Jean Ziegler, Gesine Krüger, Paul Rechsteiner und Kim de l’Horizon.

Das Komitee kooperiert mit dem «College of Archaeology of Cultural Heritage» an der Arab Academy of Science, Technology and Maritime Transport in Assuan. Heute Nachmittag findet ein Ritual auf dem Gallusplatz sowie anschliessend eine Pressekonferenz in der Lokremise statt.

«Schepenese, die bekannte Mumie aus dem Alten Ägypten, befindet sich im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen. Dort wird sie, ausgewickelt bis zur Brust, zusammen mit ihren zwei Särgen im barocken Büchersaal in einer Glasvitrine ausgestellt. Für viele ist sie die Hauptattraktion der Bibliothek, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und jährlich an die 150‘000 Besucher*innen anzieht.

Doch die Geschichte von Schepenese ist keine, auf welche St. Gallen und die Schweiz stolz sein können: Schepenese – eine Priestertochter, die zwischen 700 und 650 v. Chr. zur spirituellen Elite gehörte – wurde ihrem Grab von Grabräubern entrissen. Sie verkauften die Mumie einem französischen Geschäftsmann, der sie seinerseits dem damaligen St. Galler Landammann schenkte. Nun liegt sie ausgewickelt in der Stiftsbibliothek – obwohl das Auswickeln und Zeigen einer nackten Leiche dem altägyptischen Glauben widerspricht – und wird staunenden Blicken von Tourist*innen dargeboten», so Rau.

«Wir können die Geschichte nicht ändern, aber wir können die Fehler der Vergangenheit korrigieren.»
Prof. Monica Hanna, Ägyptologin

Für Milo Rau ist klar: «Diese fragwürdige Zurschaustellung ist einer Kulturmetropole wie St. Gallen unwürdig!». Deshalb investiert er das Preisgeld für den St. Galler Kulturpreis (30‘000 CHF), um eine Rückführung möglich zu machen. «Schepenese muss befreit werden!» Auch wenn die Provenienz der Mumie durch die Bemühungen der Stiftsbibliothek so gut wie möglich geklärt ist und der Ankauf durch St. Gallen formal legal erfolgte, so bleiben doch am Anfang der Kette der Grabraub – und am Ende eine ethisch und juristisch zutiefst fragwürdige Attraktion für die ausstellende Institution.

In der am 17. November veröffentlichten «St. Galler Erklärung» stellt Milo Rau gemeinsam mit einer Expertenkommission um die ägyptische Filmemacherin Rabelle Erian, dem St. Galler Theologen Rolf Bossart und der bekannten ägyptischen Professorin Monica Hanna (Professorin und Gründungs-Dekanin des «College of Archaeology of Cultural Heritage» in Assuan) folgende Forderungen:

1. Die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, welche Möglichkeiten und Modalitäten einer Rückführung der Schepenese in ihre spirituelle Heimat prüft und den zuständigen Behörden zur Verabschiedung vorlegt.
2. Einen würdigen Umgang mit der Leichnam als Zwischenlösung.
3. Den Franken der Würde: Von jedem der Eintritts-Tickets in die Stiftsbibliothek fliesst sofort ein Franken der Würde in einen Schepenese-Fonds des kulturellen Austauschs und der Debatte!

Bild: Keystone

Das Komitee steht im Austausch mit dem «College of Archaeology of Cultural Heritage» an der Arab Academy of Science, Technology and Maritime Transport in Assuan. Der Aufruf wurde von rund 100 Persönlichkeiten erstunterzeichnet – darunter Sibylle Berg, Adolf Muschg, Roger de Weck, Bénédicte Savoy, Gesine Krüger, Peter Stamm, Jakob Tanner, Christina Lötscher, Mattea Meyer, Peter Schneider, Kim de l’Horizon, Paul Rechsteiner und viele mehr. Schepenese wird auch der prominente Gast in Milo Raus heute beginnender Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen sein. Schepenese soll ein Beispiel für einen fairen, respektvollen und innovativen Umgang der Kulturen miteinander werden: «Machen wir aus einer Bürde eine Würde! Lassen wir St. Gallen wieder zu einem Visions-Ort einer neuen globalen Kultur werden.»

Für die Würde von Schepenese. Für die Würde von St.Gallen. Zur Wiedergutmachung eines alten Unrechts. Aus Respekt vor den toten: Lasst Schepenese heimkehren!

Die Erklärung finden Sie hier: https://www.augustinpr.de/tl_files/AugustinPR_Theme/Dokumente/St-Galler_Erklaerung-final.pdf
Zur Website geht es hier: https://www.return-shepenisis.com/

 

Anmerkung: Am 17. November jährt sich das Attentat von Luxor, das am 17. November 1997 die Welt erschütterte und 62 Personen das Leben kostete, zum 25. Mal. Unter den Toten waren auch 36 Schweizer*innen. Das Attentat fand im Hatschepsut-Tempel statt, in dem sich gemäss Forschungsstand auch das geplünderte Grab der Schepenese befindet. Unsere Gedanken sind bei allen Opfern dieses Attentats und den Hinterbliebenen.

Die St.Galler Erklärung am 17. November:

  • 15:30 Uhr: Ritual für die Würde von Schepenese auf dem Gallusplatz
  • 16:30 Uhr: Pressekonferenz zur «St.Galler Erklärung für Schepenese» in der Lokremise (zuvor Marsch vom Gallusplatz zur Lokremise)
  • Anschliessend: Experten-Debatte mit Cornel Dora, Leiter der Stiftsbibliothek St.Gallen, Milo Rau und Monica Hanna, Professorin für Cultural Heritage, University Assuan, bis 18 Uhr
  • 19:00 Uhr: Verleihung des Grossen Kulturpreises der St.Gallischen Kulturstiftung an Milo Rau, mit Reden von Sibylle Berg, Milo Rau und Rabelle Erian.
  • 22:00 Uhr: Late Night Opening der Ausstellung «Warum Kunst?» in der Kunst Halle Sankt Gallen

Komitee «St.Galler Erklärung für Schepenese»

Milo Rau, Autor und Regisseur, St.Gallen/Gent; Monica Hanna, Professorin für Ägyptologie, Kairo; Rabelle Erian, Filmemacherin, Kairo/München; Rolf Bossart, Theologe, St.Gallen

Begleit-Expert*innen

Ann-Katrin Gässlein, Beauftragte für Kultur und Bildung Katholische Kirche SG, interreligiöser Dialog Schweiz, St.Gallen; Florian Vetsch, Philosophielehrer und Dichter, St.Gallen; Maja Dörig, Stadtparlamentarierin, St.Gallen; Peter Olibet, Co-Präsident SP St.Gallen und Stadtparlamentarier, St.Gallen; Susanne Bickel, Ägyptologie Professorin Uni Basel.

Erstunterzeichnende

Adolf Muschg, Autor; Andrea Thal, Künstlerische Leiterin, Contemporary Image Collective –CIC; Angela Kuratli, Kuratorin, Kunsthistorikerin; Anita Zimmermann, Künstlerin; Anja und Olaf Räderer, Ideengeschichte hermetischer Philosophie; Anna Vetsch, Kunsthistorikerin; Annette Bossart; Integrationsfachfrau; Annette Hug, Autorin; Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Professorin für Kunstgeschichte; Benjamin von Blomberg, Co-Intendant; Bettina Spoerri & Anne Wieser, Verlegerinnen Geparden Verlag; Bettina Surber, Fraktionspräsidentin Kantonsrat St. Gallen; Cems Bond, Inklusionsagent; Charlotte Küng-Bless, katholische Theologin; Christian Hörler, Bildhauer, Vorstand visarte ost; Christine Lötscher, Herausgeberin Geschichte der Gegenwart und Literaturkritikerin; Christoph Büchel, Künstler; Christoph Keller, Autor; Clemens Umbricht, Dichter; Corinne Riedener, Redaktorin Kulturmagazin Saiten; Dana Grigorcea, Schriftstellerin; Dani Fels, Dozent; Daniel Graf, Demokratie-Aktivist, Public Beta; Dominique Künzle, Philosophiedozent; Elisabeth Bronfen, Professorin; Erich Keller, Historiker; Esther Hungerbühler, Kulturschaffende, St.Gallen; Etrit Hasler, Slam-Poet, Geschäftsführer Suisseculture Sociale; Felix Lehner, Gründer und Geschäftsführer der Kunstgiesserei St. Gallen; Gaby Fierz, Ethnologin und Kuratorin; Georg Gatsas, Künstler; Gesine Krüger, Professorin, Schwerpunkt Kolonialgeschichte und Restitution; Giovanni Carmine, Leiter Kunst Halle Sankt Gallen; Heba Abd el Gawad, Ägyptologin, Initiatorin von «Egypt's dispersed Heritage»; Jacques Erlanger, Kulturvermittler; Jakob Tanner, Historiker; Jakob Vetsch, Pfarrer; Jan Heller Levi, Dichterin; Jean Ziegler, Soziologe; Johannes M. Hediger, Kurator und Künstler; Jonas Knecht, Schauspieldirektor Theater St.Gallen; Josef Felix Müller, Verleger, Autor; Katalin Deér, Künstlerin; Kim de l'Horizon; Klaus Henner Russius, Schauspieler; Klemens Wempe, Soul Gallen DJ; Laura de Weck, Autorin; Maja Dörig, Stadtparlamentarierin St. Gallen; Marc Jenny, Musiker, Verlagsleiter; Marina Widmer, Soziologin, Kulturpreis der Stadt St.Gallen 2022; Mattea Meyer, Nationalrätin und Co-Präsidentin SP Schweiz; Maya Alban-Zapata, Schauspielerin; Micha Lewinsky, Regisseur; Michael Festl, Philosophieprofessor Universität St.Gallen; Michael Neuenschwander, Schauspieler; Miriam Schöb, Kabarettistin; Monika Dommann; Professorin für Geschichte; Nicola Schneider, Literaturkritikerin; Nicolas Stemann, Co-Intendant; Nicole Reinhard, Kinoleiterin; Nina Burri, Völkerrechtlerin; Ntando Cele, Künstlerin; Odilia Hiller, Journalistin; Paul Rechsteiner, Ständerat; Pedro Lenz, Schriftsteller; Perikles Monioudis, Schriftsteller; Peter und Susi Frischknecht, Innenarchitekten; Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor; Peter Stamm, Schriftsteller; Peter Z. Herzog, Künstler; Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte; Rachel Braunschweig, Schauspielerin; Rahel Leupin, Kulturwissenschaftlerin; Raphael Urweider, Schriftsteller; Robert Hunger-Bühler, Schauspieler; Roger de Weck, Autor; Sabine Gisiger, Filmemacherin; Sandra Meier, Leitung KinoK; Sandro Lunin, Künstlerischer Leiter Kaserne Basel; Severin Rohrer, Träger Goldmedaille der Schweizer Philosophie-Olympiade 2020; Shirana Shahbazi, Künstlerin; Sibylle Berg, Autorin; Sina Wider, Theater St. Gallen; Silvia Maag, Fachstelle Integration St.Gallen; Sophie Witt, Professorin; Stefan Keller, Historiker; Stefan Manser-Egli, Migrationsforscher, Co-Präsident Operation Libero; Susanna Kulli, Galeristin, Kulturpreisträgerin der St.Galler Kulturstiftung 2021; Sven Bösiger, Musiker; Sylvia Sasse, Slawistikprofessorin und Kulturwissenschaftlerin; Thomas Stahr, Chief Financial Officer; Thomas Strässle, Präsident Max-Frisch-Stiftung; Tine Milz, Co-Leiterin Neumarkt Theater; Tobias Hagmann, Professor Universität Roskilde; Uriel Orlow, Künstlerin; Ursina Lardi, Schauspielerin; Vića Mitrović, Stadtparlamentarier St.Gallen; Yuvikki Dioh, Agentin für Diversität.

pd/stgallen24