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03.09.2022
03.09.2022 13:18 Uhr

Wie der Klimawandel den Bergsport verändert

Bild: unsplash
Die Temperaturen haben aufgrund des Klimawandels in diesem Sommer neue Höchstwerte erreicht. Als Folge davon schmelzen Gletscher, Bergseen trocknen aus und Felswände und -hänge werden instabil. Was bedeutet das für den Bergsport? Der St.Galler Berggänger und Outdoor-Blogger Patrick Stämpfli schätzt ein.

Nach dem zweitwärmsten Mai und Juni erlebte die Schweiz in diesem Jahr den viertwärmsten Juli seit Beginn der Messungen im Jahr 1864. Die Temperaturen lagen im Schnitt 2,4 °C über der Norm 1991-2020. So wurde am 21. Juli auf dem 3294 m hohen Piz Corvatsch (GR) mit 14 °C die höchste Temperatur seit Beginn der Messungen im Jahr 1979 gemessen und am 25. Juli kletterte die Nullgradgrenze auf eine historische Höhe von 5184 Meter.

Diese aussergewöhnlich hohen Temperaturen haben fatale Auswirkungen auf die Bergwelt. Der Rhonegletscher im Wallis beispielsweise, verlor im Juli innerhalb von vier Wochen fast zwei Meter an Höhe. Dabei sind 20 Milliarden Liter Wasser abgeflossen. Das ist so viel, wie in der Schweiz in 15 Tagen verbraucht wird. Ebenfalls im Juli ist das berühmte Eisfeld «Spinne» an der Eiger Nordwand komplett geschmolzen.

Der Rhonegletscher hat im Juli 2022 fast 2 Meter Höhe verloren Bild: 123RF

Andernorts fehlt das Wasser, weil der schneearme Winter und der warme Frühling die Wasservorräte für Berghütten haben wegschmelzen lassen. Um die Zähne zu putzen, mussten die Gäste in diesem Sommer teils Mineralwasser kaufen. Einige Hütten haben die Saison deshalb früher beendet. Es gibt sogar Überlegungen, Hütten entweder ganz zu schliessen oder zu verschieben.

Auch der Permafrost taut auf

Permafrost, also ständig gefrorener Boden, kommt vor allem oberhalb von 2400 m ü. M. vor. In der Schweiz betrifft das rund sechs Prozent der Fläche der Alpen. Alle Bodenarten (Fels, Geröll, Moränen etc.) können gefroren sein. Die Hinweiskarte der potenziellen Permafrostverbreitung in der Schweiz stellt die Gebiete dar, in denen der Boden möglicherweise (noch) ganzjährig gefroren ist.

Im Sommer erwärmt sich normalerweise nur die oberste Schicht des Bodens, die sogenannte Auftauschicht. Durch die Klimaerwärmung tauen in gewissen Gebieten aber immer häufiger auch tiefere Schichten auf und der Untergrund wird entsprechend instabil. Rund 100 rutschgefährdete Felswände und Hänge werden deshalb aktuell im Schweizer Alpenraum rund um die Uhr mit Sensoren überwacht, vor allem in den Gebirgskantonen Wallis, Graubünden und Bern.

Ereignisse werden extremer

Insbesondere Sturzprozesse wie Steinschlag oder Felsstürze werden gemäss dem WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF aufgrund des Klimawandels voraussichtlich nicht nur häufiger auftreten, sondern nehmen auch extremere Ausmasse an. Dies betrifft in erster Linie alpines und hochalpines Gelände, also die hochgelegenen Bergwanderwege und Alpinwanderwege. «Sturzprozesse treten spontan auf und sind kaum vorhersagbar», sagt Alexander Bast, wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF. Bergwandererinnen und Bergwanderer können das Risiko reduzieren, indem sie sich gut informieren und ihre Route umsichtig planen, beispielsweise stark exponierte Felswände nach heftigen Niederschlägen oder starken Temperaturschwankungen meiden.

« Sturzprozesse treten spontan auf und sind kaum vorhersagbar.»
Alexander Bast, wissenschaftlicher Mitarbeiter SLF

Nicht verhindern lässt sich jedoch, dass häufiger Schäden an der Weginfrastruktur auftreten und deren Unterhalt aufwendiger wird. Im schlechtesten Fall können gewisse Routen gar nicht mehr gemacht werden, weil es schlicht zu gefährlich wird. Aus diesem Grund haben in diesem Jahr Bergführer auch erstmals in der Schweizer Tourismusgeschichte bekannte Klassiker-Routen auf die Jungfrau aus dem Angebot gestrichen.

Weitere Naturgefahren, die den Bergsport betreffen sind Murgänge, Hangrutschungen und Sommerlawinen. Diese verändern sich je nach Region, Höhenlage und Jahreszeit auf unterschiedliche Weise. So könnten beispielsweise Murgänge durch Trockenheit im Sommer abnehmen, in den Übergangsmonaten aber durch stärkere Niederschläge häufiger werden.

Gefahrenzone sinkt

Eine stetige Gefahr für Bergsportlerinnen und Bergsportler sind Steinschläge. Die kann es immer und überall geben und mit steigenden Temperaturen vermehrt auch in mittleren Lagen. Experten rechnen damit, dass in Höhenlagen zwischen 2500 Metern – in Nordhängen schon ab 2200 Metern – und 3000 Metern der Klimawandel den grössten Effekt haben wird.

Steinschläge sind allerdings nicht immer eine Folge des Klimawandels. Auch Wanderer oder Tiere können Steine lostreten, die andere Berggängerinnen und Berggänger treffen könnten.

Hier deshalb 5 Tipps, wie man sich beim Bergsport etwas vor Steinschlag schützen kann. Einen absoluten Schutz gibt es allerdings nicht.

Bild: bergwelt.me

Studie bestätigt Befürchtungen

Was der Klimawandel für das Bergwandern und das Wanderwegnetz bedeutet, haben 2019 Forscherinnen und Forscher des SLF im Projekt «Sicher Wandern 2040» des Vereins «Schwyzer Wanderwege» und des Dachverbands «Schweizer Wanderwege» untersucht. Dazu analysierten sie wissenschaftliche Literatur und trugen die wichtigsten Erkenntnisse in einer 2020 erschienenen Synthese zusammen. Das Ziel war, relevante Naturgefahren zu identifizieren und eine Wissensgrundlage für konkrete Massnahmen zu schaffen.

Die erwarteten Klimaveränderungen lassen gemäss der Studie zusammengefasst folgende Auswirkungen auf das Wanderwegwesen und den Bergsport herleiten:

  • Trockenere Sommer = mehr Wanderer und sonstige Wegnutzer, zunehmende Belastung der Infrastruktur; verminderte Stabilität der Hang- und Wegoberflächen
  • Heftigere Starkniederschläge = Erosion der Wegoberfläche; Auslöser von Naturgefahren
  • Mehr Hitzetage = mehr Wanderer, zunehmende Belastung der Gunsträume und Wege (Nutzungsdruck in immer höheren Lagen, in Wäldern, entlang von Gewässern); auftauender Permafrost, Auslöser von Naturgefahren
  • Schneearme Winter = Verlängerung der Wandersaison in immer höheren Lagen, aufwändigere Kontrolle über eine längere Zeitperiode, zunehmende Belastung der Infrastruktur

Fazit

Nicht nur auf Alpin- und Bergwanderrouten, sondern neu auch auf Wegen in mittleren Höhen ab 2200 Meter steigt aufgrund des Klimawandels das Gefahrenrisiko beim Bergsport.

Eine umfassende und sorgfältige Tourenplanung wird daher noch wichtiger. Weil sich die Gegebenheiten immer schneller ändern können, sollte man dafür möglichst aktuelles Kartenmaterial verwenden. Zusätzlich sollte man aktuelle Informationen bei Hüttenwarten oder Bergführern einholen und prüfen, ob der geplante Weg überhaupt begehbar ist. Eine aktuelle Übersicht der gesperrten Wanderwege in der Schweiz findet man hier.

Ehemals einfache Passagen können unterdessen heikel und zeitraubend sein. Daher sollte man grundsätzlich mehr Zeitreserven einplanen als früher. Ebenso wichtig ist das Prüfen des Wetterberichts. Sind Gewitter und Kaltfronten angesagt, gilt erhöhte Vorsicht.

Während einer Tour sollte man das Gelände stets kritisch beobachten und potenzielle Stein- und Eisschlagzonen meiden oder schnell queren. Vorsicht geboten ist auch in Gletschernähe und um Gletscher herum. Dies sind gefährliche und zeitraubende Gebiete mit Spalten, glatten Platten oder instabilen Moränen.

Dieser Artikel ist zuerst im Outdoor-Blog bergwelt.me erschienen

bergwelt.me/Patrick Stämpfli