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Stadt St.Gallen
29.07.2022

Geburtsfehler 4: Fehlende Infrastruktur für Menschen mit Ideen

Der vierte Geburtsfehler sei das Fehlen einer Infrastruktur für Innovationsvorhaben von Menschen
Der vierte Geburtsfehler sei das Fehlen einer Infrastruktur für Innovationsvorhaben von Menschen Bild: zVg
Der Innovationspark St.Gallen ist einer von sechs Standorten des Switzerland Innovation Projektes. Ziel ist es, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung gewinnbringend zu verbinden und Innovation zu fördern. Doch gelingt das auch? Nein, findet Gastkommentator Peter Vonach.

Der vierte Geburtsfehler ist das Fehlen einer Infrastruktur für Innovationsvorhaben von Menschen, die sich ausserhalb des universitären Spektrums befinden.

Wie bereits im ersten Beitrag erwähnt, war der Grundfehler die Fokussierung auf einen einzigen Geschäftsfall. Ungeachtet blieb die Frage, weitere vorhandener Innovationspotenziale in der Gesellschaft, die gefördert werden sollten.

Hier geht es um die Idee einer Privatperson, mit dem Versuch diese zu realisieren, um in weiterer Folge ein Unternehmen daraus zu gründen. Wäre man dieser Frage seriös nachgegangen, hätten sich zwei wichtige Punkte herausgestellt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Ausgestaltung der einzelnen Innovationsparks gehabt hätten.

Zum einen, die Herausforderung für Erfinder, die ausserhalb der universitären Infrastruktur einen etwas komplexeren Prototypen entwickeln wollen. Wer hier nicht über ein gutes Netzwerk verfügt, wird die Idee früher oder später aufgeben, weil der einfache Zugang zu Werkzeugen und Maschinen fehlt. Mit der Realisierung eines einzigen Prototyps ist es in der Regel auch nicht getan. Ein funktionstüchtiger Prototyp ist aber die einzige und beste Grundlage für weitere Schritte.

Zum anderen werden in diesem Land tagtäglich Ideen, aufgrund fehlender Infrastruktur verworfen. Mit ein wenig Weitsicht, kann nachvollzogen werden, dass dies volkswirtschaftlich nicht leistbar ist.

Ich war in den letzten Jahren mit zahlreichen Menschen im Kontakt, die eine Geschäftsidee hatten/haben. Ein Teil konnte diese konkret umsetzen, andere konnten dies aus unterschiedlichen Gründen (noch) nicht. Disziplin in der Verfolgung eigener Pläne ist eine wesentliche Voraussetzung. Dennoch unmöglich, wenn schlicht und einfach die technischen Möglichkeiten für die ersten Schritte fehlen. Grundsätzlich fehlt es den genannten Personen an einer Infrastruktur, mit der sie, allein oder im Team, die ersten Prototypen bauen können. Um im ersten Schritt festzustellen, ob sich die Idee technisch und wirtschaftlich umsetzen lässt.

Daher müssen Plätze geschaffen werden, an denen ein unbürokratischer Zugang zur Entwicklung von Prototypen und Konzepten zu vernünftigen Kosten möglich ist. Diese gibt es bereits in anderen Ländern, genannt Makerspaces.

Was ist ein Makerspace?

Die ersten MakerSpaces entstanden in den USA. Dort fand man bereits im Jahre 2006 eine Infrastruktur vor, mit der man vom einfachen Alltagsgegenstand bis zum Kleinflugzeug Prototypen fertigen konnte.

Die grossen MakerSpaces sind voll ausgestattete Hightech Werkstätten. Weit mehr als etwas 3D-Druck, einen Lötkolben und einen Schneideplotter. Sie beinhalten eine professionelle Produktionsumgebung, angefangen von der Metallbearbeitung, Holzbearbeitung, Elektroniklabor, Kunststoffbearbeitung, Softwareentwicklung, Testumgebungen bis hin zur Textilwerkstätte. Eine derartige Umgebung mit einem unbürokratischen Zugang müsste an jedem Standort realisiert werden.

Ergänzend muss diese Produktionsumgebung mit diversen Serviceleistungen, um aus der Idee bzw. dem Prototyp eine marktfähige Idee entstehen zu lassen. Mit spezifischen Angeboten für weitere Zielgruppen, kann der MakerSpace finanziell weitgehend kostendeckend geführt werden. Die beiden MakerSpaces in Garching und München sind beispielführend für die Zukunft.

Anmerkung der Redaktion: Bei weiterem Interesse dazu ist eine eigene Seite mit Videos rund um das Thema MakerSpace in München dem Artikel beigefügt.

Die Situation in St.Gallen

Gemäss Karin Jung haben wir mit dem Startfeld ein Innovationszentrum in Osten der Stadt. Je nachdem was Frau Jung unter einem Innovationszentrum versteht, mögen wir gespannt darauf sein, wie dies die zahlreichen europäischen Startups, die man nach Sankt Gallen bringen will, sehen werden.

Im Rahmen eines Gesprächs zu diesem Thema, meinte ein ehemaliger Volkswirtschaftsdirektor in Sankt Gallen zu meinen Überlegungen, einen Makerspace im Innovationspark zu integrieren: «Wir haben eine ganz andere Flughöhe».

Mag schon sein, hochfliegende Pläne hat diese Welt des Öfteren schon gesehen.

Wie wird das finanziert? Wenn ein Platz für Erfinderer, Schüler Jugendliche, Unternehmen, Schulen, Studenten usw. mit darauf zugeschnittenen Angeboten geschaffen wird, kann die Infrastruktur umfassend genutzt, der MakerSpace kostendeckend geführt werden und es entsteht ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen. Bei den öffentlichen MakerSpaces, dh. für alle Menschen zugänglich (Mindestalter vorrausgesetzt), gibt es unterschiedliche Philosophien. Zwei Beispiele in diesem Zusammenhang sind Lille in Frankreich. Hier kostet das teuerste Ticket 190.- Euro/Monat und in München kostet das günstigste Ticket 39.- Euro/Monat begrenzt auf 4 Werkstattbereiche und limitierten Maschinenstunden.

Systemische Nachteile eliminieren

Innovation in diesem Kontext ist keine exklusive Angelegenheit von Universitäten. Sie wurde in der Vergangenheit dazu gemacht.

Werfen wir beispielsweise einen Blick in die Statuten des schweizerischen Nationalfonds oder in die Bedingungen zu Förderangeboten von Innosuisse, dann wird schnell klar, dass Privatpersonen ausserhalb des universitären Umfeldes kaum eine Chance auf Unterstützung haben. Diese offensichtliche systemische Benachteiligung muss aus sozialer und volkswirtschaftlicher Sicht abgeschafft werden.

Die ETH hat beispielsweise einen Makerspace, allerdings für den Eigengebrauch. «All ETH students – bachelor, master and doctorate – are welcome.» so lautet die Begrüssung auf der Webseite. Die ETH könnte sich ein Beispiel an der TU- München oder am Massachusetts Institute of Technology, nehmen, welches bereits im Jahre 2008 ein FabLab in Jalalabad/Afghanistan gegründet haben.

Zum Schluss dieses Gastbeitrages noch etwas zum Mitschreiben für die an diesem Projekt involvierten Politiker: und Wissenschaftler:

Es gibt ein grosses Potenzial von kreativen, ideenreichen Menschen mit ihren Wünschen und Träumen in diesem Land. Was es daher braucht, sind konkrete Plätze wo diese Ideen realisiert werden können. Wenn möglichst viele Menschen ihre Ideen in wirtschaftliche Ergebnisse umsetzen können, ist dies nicht nur ein Beitrag zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit einer Gesellschaft, sondern auch ein Stabilitätsfaktor in unruhigen Zeiten. Sie können mir Naivität unterstellen, aber es ist allemal besser die Energie in derartige konkrete Projekte zu investieren und für engagierten Menschen optimale Startbedingungen zu schaffen. An inhaltsleeren wissenschaftlichen Studien, mit künstlich geschaffenen Themenstellungen ohne irgendeinen gesellschaftlichen Nutzen und Worthülsen, ist der Bedarf längst gedeckt.

Peter Vonach begleitet als Innovationsmanager diverse Projekte von Unternehmen wie Siemens, Migros, ABB, Hilti uvm. Bild: zVg

Doch warum beschäftigt mich dieses Thema überhaupt?

Mit dem Thema Innovation beschäftige ich mich beruflich schon über 25 Jahre. Meiner Erfahrung nach werden Projekte zu oft mit dem Label «Innovation» versehen, obwohl deren Innovationscharakter sehr bescheiden ist. Mir ist die Wichtigkeit dieses Themas für unsere Gesellschaft sehr bewusst, bin aber gleichzeitig der Überzeugung, dass wir, um adäquate Antworten auf künftige Herausforderungen nur finden werden, wenn wir einen viel breiteren konzeptionellen Ansatz entwickeln. Mit den sechs Innovationsparks hätten wir eine Grundlage für eine zukunftsfähige Schweiz geschaffen; allerdings müssen die vorhandenen Innovationspotenziale ganzheitlicher gesehen und gefördert werden.

Eine Gesellschaft ist dann als wirtschaftlich zukunftsfähig und stabil zu sehen, wenn wir möglichst viele Menschen befähigen, sich aktiv am wirtschaftlichen Geschehen einer Gesellschaft einzubringen.

Peter Vonach