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Stadt St.Gallen
20.07.2022
20.07.2022 12:04 Uhr

«Missachtung von Themen hoher gesellschaftlichen Relevanz»

Keine Innovation im Innovationspark? Peter Vonach über «Geburtsfehler» des Projekts.
Keine Innovation im Innovationspark? Peter Vonach über «Geburtsfehler» des Projekts. Bild: freepiks/zVg
Der Innovationspark St.Gallen ist einer von sechs Standorten des Switzerland Innovation Projektes. Ziel ist es, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung gewinnbringend zu verbinden und Innovation zu fördern. Doch gelingt das auch? Nein, findet Gastkommentator Peter Vonach.

Die Veränderung des Weltklimas erfordert von uns, zumindest was den von Menschen verursachten Anteil betrifft, eine Korrektur unseres Verhaltens.

Einen konkreten Beitrag dazu können Unternehmen durch Massnahmen im Rahmen ihrer Produktentwicklung leisten. Der Begriff «Nachhaltiges Produktdesign» steht für eine bestimmte Vorgangsweise bei der Entwicklung von Produkten.

Ein Produkt gemäss dieser Methodik, sollte derart konzipiert werden, dass es im ganzen Lebenszyklus so effizient wie möglich ist und als Gesamtes wiederverwendet (reused), repariert (repaired), saniert (refurbished), wiederaufbereitet (remanufactured), umgenutzt (repurposed) und recycelt (recycled) werden kann. Die rein produktbezogenen Parameter werden um die Faktoren des verantwortungsvollen Umgangs mit unseren Lebensgrundlagen und sozialer Gerechtigkeit ergänzt.

Worum es in diesem Kontext geht? Dass die ökologische Herausforderung nicht nur von Switzerland Innovation gelöst werden kann, versteht sich von selbst.

Allerdings gibt es einen riesigen Handlungsbedarf in der Entwicklung von nachhaltigen Produkten und damit einhergehend unterschiedlich gelagerte Herausforderungen für die Entwicklungsabteilungen in Unternehmen.

Davon auszugehen, dass diese Kompetenzen überall und ausreichend in den Entwicklungsabteilungen vorhanden sind, ist ein Trugschluss. Wenn wir in diesem Bereich einen grossen Schritt weiterkommen wollen, dann MUSS sich Switzerland Innovation mit einem einheitlichen Standardprogramm in diesem Themenbereich entschieden engagieren. Es geht hier nicht allein um Unterstützung für multinationale Unternehmen, sondern ganz besonders um die zahlreichen KMUs in diesem Land.

Sind alles nur Worthülsen?

Werfen wir zuerst einen Blick was auf der Webseite des Innovationsparks Ost steht: «Der Switzerland Innovation Park Ost (SIP Ost) fördert die Zusammenarbeit von Unternehmen, Start-ups und Hochschulen, um Lösungen für drängende globale Herausforderungen zu finden».

Das klingt recht gut, aber wie schaut die Realität aus? Gehen wir davon aus, dass «Nachhaltiges Produktdesign» ein Teil der Lösung für unsere globalen Probleme ist, dann stellt sich für mich die Frage, warum für dieses Thema vom Innovationspark Ost keine spezifischen Dienstleistungen angeboten werden. Ein Volkswirtschaftsdirektor, der FDP zugehörig, den ich auf das Fehlen eines derartigen Angebotes beim Innovationspark Ost hingewiesen habe, meinte wörtlich «Da mischen wir uns nicht ein».

Offensichtlich scheinen die ganzen Diskussionen der vergangenen Jahre, zumindest von dieser Seite keine Aufforderung zum politischen Handeln bedeutet. Mit «Da mischen wir uns nicht ein» ist die Sache aus meiner Sicht auch nicht erledigt. In diesem Projekt stecken auch Steuergelder und die Politik hat hier eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler wahrzunehmen.

In einem weiteren Gespräch zum Thema Aufbau einer Plattform für nachhaltige Produktentwicklung meinte die verantwortliche Person einer Partnerhochschule des Innovationspark Ost wörtlich «Glauben Sie wir wollen andere Universitäten unterstützen»? Gegen diese Aussage gäbe es im Grunde nichts einzuwenden, wären die eigenen Kompetenzen in diesem Fachgebiet vorhanden und würde sich diese Hochschule sich nicht als «Partner der Wirtschaft» bezeichnen. Partnerschaften haben für mich eine andere Bedeutung.

Dies ist auch der Grund, warum ich von Missachtung eines Themas mit hoher gesellschaftlicher Relevanz spreche.

Vertreter von Switzerland Innovation werden möglicherweise mit dem Hinweis auf ihr Tech4Impact Programm argumentieren (https://sitech4impact.ch/). Zur Klarstellung: es geht mir nicht um die Förderung einiger Leuchtturmprojekte (was völlig in Ordnung ist), sondern um eine breit angelegte Befähigung und tiefgreifende Sensibilisierung von Unternehmen im Bereich nachhaltiger Produktentwicklung, die über die einzelnen Innovationsparks zu erfolgen hat.

Der Fluch einer vorschnellen Fokussierung

Der zentrale Fehler liegt in der Fokussierung auf einen einzigen Geschäftsfall, wie ich bereits in der Einleitung erwähnt habe. Der erste Schritt wäre die Erkenntnis, dass es sich hier um ein elementares Zukunftsthema handelt. Dies war bereits 2013 bei der Gründung ein offensichtlich aktuelles Thema. An dieser Stelle möchte ich an das 2002 erschienene Buch «Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things» von McDonough und Braungart erschienen, ist erwähnen. Darauf aufbauend hätte ein entsprechendes Dienstleistungsangebot für Unternehmen definiert und integriert werden müssen.

Es ist nicht so, dass in der Schweiz an diesem Thema nicht geforscht wird. Beispielsweise gibt es das Nationale Forschungsprogramm NFP 73. Das Budget dieses Programmes beläuft sich auf insgesamt 20 Millionen Franken und wird durch den Schweizerischen Nationalfonds finanziert. Innerhalb dieses Forschungsprojektes gibt es zahlreiche Themenbereiche. Unter anderem findet man das Thema «Sanfte Schubser für KMUs». Ich zitiere aus der Kurzbeschreibung eines Teilprojektes: Um nachhaltiger mit natürlichen Ressourcen umzugehen, geht das Projekt der Fragestellung nach, ob «verhaltensökonomische Schubser, sogenannte Nudges, im Firmenkontext erfolgreich angewandt werden können».

Im Fokus stehen kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die 99 Prozent der Schweizer Unternehmen ausmachen. Da 20 Millionen Franken sehr viel Geld sind und von den Menschen in der Schweiz finanziert werden müssen, ein kleiner Schubser an dieser Stelle an die Projektverantwortlichen: Wie wäre es, die bereits existierenden Forschungsresultate auch ausserhalb des laufenden Programmes zusammenzufassen, praxisgerecht aufzubereiten und sich mit Switzerland Innovation in Verbindung zu setzen. Bei entsprechendem Engagement könnten innerhalb eines Jahres messbare Ergebnisse erzielt werden. Nebenbei bemerkt ist dafür ist kein grosses Budget erforderlich.

Was muss konkret getan werden?

Die Basis bildet eine Wissensplattform, wie ich sie bereits in meinem Beitrag zum ersten Geburtsfehler beschrieben habe. Hier finden die Unternehmen Analysetools, Checklisten, Prozesse, Fallbeispiele, Sensibilisierung, Zugang zu Materialdatenbanken usw. Ergänzt wird dies durch ein Seminarangebot und Beratungsleistungen von Beratern, die ihr Handwerk verstehen.

Durch die Kombination von exzellenter Vernetzung, Wissensplattform, Tools, Beratungsleistungen und Sensibilisierung würde die Dynamik erreicht werden, die wir dringend brauchen.

Peter Vonach begleitet als Innovationsmanager diverse Projekte von Unternehmen wie Siemens, Migros, ABB, Hilti uvm. Bild: zVg

Doch warum beschäftigt mich dieses Thema überhaupt?

Mit dem Thema Innovation beschäftige ich mich beruflich schon über 25 Jahre. Meiner Erfahrung nach werden Projekte zu oft mit dem Label «Innovation» versehen, obwohl deren Innovationscharakter sehr bescheiden ist. Mir ist die Wichtigkeit dieses Themas für unsere Gesellschaft sehr bewusst, bin aber gleichzeitig der Überzeugung, dass wir, um adäquate Antworten auf künftige Herausforderungen nur finden werden, wenn wir einen viel breiteren konzeptionellen Ansatz entwickeln. Mit den sechs Innovationsparks hätten wir eine Grundlage für eine zukunftsfähige Schweiz geschaffen; allerdings müssen die vorhandenen Innovationspotenziale ganzheitlicher gesehen und gefördert werden.

Eine Gesellschaft ist dann als wirtschaftlich zukunftsfähig und stabil zu sehen, wenn wir möglichst viele Menschen befähigen, sich aktiv am wirtschaftlichen Geschehen einer Gesellschaft einzubringen.

Peter Vonach