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Stadt St.Gallen
12.05.2022
12.05.2022 09:08 Uhr

Hochzeit: Auch der Mann darf im Mittelpunkt stehen

Es muss nicht immer traditionell sein: Mario Romano kleidet Männer für den grossen Tag individuell ein
Es muss nicht immer traditionell sein: Mario Romano kleidet Männer für den grossen Tag individuell ein Bild: zVg
Seit über einem Jahrzehnt stattet Mario Romano im «Newman & Paul» in St.Gallen Männer aus. In seiner Kolumne auf stgallen24 geht er den grossen und kleinen Fragen der Männermode nach und erklärt, warum Kleidung oft ein Spiegel der eigenen Wahrnehmung ist.

Für den Tag, den bedeutend mehr Frauen als Männer als «den schönsten ihres Lebens» bezeichnen (zumindest wenn es um das Thema Bekleidung geht), gibt es heutzutage aus meiner Sicht zwei Positionen: die traditionelle und die individuelle Hochzeit.

Die traditionelle ist im Grunde selbsterklärend – vor unserem geistigen Auge flimmern aus eigenen Erfahrungen und unzähligen Filmen klassische Bilder auf: Die Frau trägt überwiegend Weiss, der Mann eine gesetzte Farbpalette von Schwarz über Grau bis Blau– und eher weniger helle Farbtöne.

Die individuelle Hochzeit feiert grad ein Revival

In meiner Studienzeit als Farbdesigner an der STF habe ich gehört, dass das weisse Spitzenkleid aus einer Marketingidee einer englischen Königin hervorgegangen sei. England besass einst auch eine blühende Stickereizeit – aber dann kam der Tweed. Neue, noble Stoffe fanden immer zuerst den Weg zu den Adligen und Besserbetuchten (wie das Wort schon sagt), so auch der grobe Wollstoff aus Schottland. Innert kurzer Zeit befand sich die englische Stickerei in einer schweren wirtschaftlichen Krise.

Um dieses edle Material wieder aufblühen zu lassen, gab die vor der Heirat stehende Königin ihren Schneidern den Auftrag, ein Hochzeitskleid von überfliessendster Schönheit und hervorragendster Handwerkskunst für diesen einen Tag zu erschaffen. Bis dahin heirateten die meisten Paare in den Farben ihres Standes oder ihrer Zunft.

Das Hochzeitskleid der Königin muss von solch einer opulenten Pracht gewesen sein, dass von diesem Moment an jede Frau in so einem märchenhaften Kleid heiraten wollte. Und das hält sich anscheinend bis heute

Aber auch dies ändert sich. Das ist bei mir im Geschäft vorwiegend über die Männer zu erfahren. Nicht wenige durfte ich in den letzten Jahren für diesen besonderen Tag einkleiden.

Was zurückzukommen scheint, ist die Haltung, in einer Kleidung zu heiraten, die der Lebensphilosophie eines Paares entspricht – ihrem Stand in der Gesellschaft entsprechend.

Was bleibt, ist ein liebevoller, feiner romantischer Anteil in ihrer Bekleidung, der ihren Liebesgefühlen viel mehr Ausdruck verleiht, als es eine traditionelle Hochzeit zulassen würde.

Es gibt beim Mann ein wichtiges Argument, warum er sich individuell einkleiden möchte: Er will nach der Hochzeit die gesamte Bekleidung weiter oder wieder tragen.

Viele Männer erachten es als sinnlos, sich für einen Tag einen Anzug zu kaufen, wenn dieser dann hinterher im Schrank verstauben oder über Online-Börsen vertschuttet werden muss. Die Hochzeits-Kleidung weiter zu tragen, ist für den Mann auch etwas Besonderes: So wird er stets an den Tag erinnert.

Es ist selbstverständlich, dass der Mann an diesen Tag keine Jeans tragen sollte. Aber er möchte am «schönsten Tag» schlicht und persönlich, ausgefallen und markant vor seine Braut treten. Das Budget ist angemessen hoch, die Bereitschaft für ein italienisches Jackett mit besonderen Mustern ist da, und Schuhe, die eine ganze Nacht voller Tanz standhalten, wurden anprobiert.

Manche Männer erwerben den Schuh für die Kirche und dann den Sneaker für den Tanz, vorzugsweise einen weissen. In ihrer ebenso rationellen wie nachhaltigen Logik kleiden sich diese Männer einerseits fürs Standesamt, andererseits mit einer neuen Kollektion für die kirchliche Trauung ein.

Als Ausstatter solch individueller Bräutigame sollte man wissen, was die Braut tragen wird – und zwar inklusive Schuhe. Somit kann man den Bräutigam nicht nur individuell, sondern auch passend zur Braut einkleiden, sodass es ihn selbst überrascht und man ihm ansieht, wie sehr er sich auf diesen Tag freut.

Es ist auch ein Zeichen der Zeit, der Gleichberechtigung, dass nicht nur die Braut in ihrem Kleid im Mittelpunkt steht, sondern das Paar als Ganzes

Mario Romano, «Newman & Paul»