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Stadt St. Gallen
08.12.2021
08.12.2021 14:21 Uhr

«Es waren viele schlaflose Nächte»

Cartoonist Stefan Tobler veröffentlicht die Graphic Novel «Heartbreak Opel»
Cartoonist Stefan Tobler veröffentlicht die Graphic Novel «Heartbreak Opel» Bild: zVg
Der St.Galler Stefan Tobler veröffentlicht seinen dritten Comic «Heartbreak Opel», der in St.Gallen spielt. Im Interview stellt er sein neues Werk vor und gibt Einblicke in die St.Galler Cartoon-Szene.

Johnny arbeitet als Barkeeper im Restaurant Militärkantine. Doch damit soll endgültig Schluss sein. Er hat beschlossen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – darum das Kostüm, darum die Pistole. Nur mit Schnee hat er nicht gerechnet – schon gar nicht im April, als alles begann ...

«Heartbreak Opel» ist eine Weihnachtsgeschichte ohne Stern, ohne Hirten, ohne Engel und Lametta, doch mit viel Herz, Rock ’n’ Roll und einem realen Hintergrund. Denn die Story spielt in der Gegenwart in der Stadt St.Gallen, in bekannten und unbekannten Ecken, und erzählt die Geschichte von Johnny, einem kleinen Ganoven mit Herz. Im Interview mit stgallen24 spricht der 54-jährige  Cartoonist Stefan Tobler über seine Hommage an die Stadt.

Stefan Tobler, «Heartbreak Opel» ist bereits Ihr dritter Comic. Was unterscheidet ihn von den anderen beiden?

Sehr viel. Anders als bei den beiden anderen Comics habe ich kein frankobelgisches Konzept angewendet, sondern mein eigenes Konzept kreiert. Dazu gehören auch ganz neue Charaktere und Figuren. Die Story richtet sich vor allem an Erwachsene, ist weniger politisch und die Graphic Novel beginnt in medias res – startet also mitten in der Geschichte und wird durch Flashbacks weitererzählt.

Inspiriert durch Paul Austers Erzählung «Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte» sollte die Story ein Gegenstück zu den üblichen Weihnachtserzählungen bilden, welche oft nicht mehr sind als «schmalzige Ergüsse von Wunscherfüllungsträumen» oder «Märchen für Erwachsene», wie sie Auster in seiner Erzählung bezeichnet.

Die Story spielt sich in St.Gallen ab. Welchen Bezug haben Sie zur Gallusstadt?

Ich bin hier geboren, lebe hier und habe hier zwölf Jahre unterrichtet. Ich bin also ein waschechter St.Galler. Schon als Kind habe ich in Comics ab und zu Gebäude und Schauplätze gezeichnet, die ich kenne. Die Idee, die eigene Heimatstadt als Szenerie für eine Story zu verwenden, ist nicht neu, wenn man beispielsweise an die unzähligen Abenteuer von Netor Burma in Paris von Jaques Tardi denkt. 

Haben Sie also am Marktplatz gesessen und Gebäude abgezeichnet?

Tatsächlich ist es einfacher, wenn man die Schauplätze schon kennt und einfach hingehen und reproduzieren kann. Manchmal habe ich Gebäude fotografiert, manchmal habe ich mich auf Google Street View orientiert und Lücken, die mir fehlten, selbst hinzugefügt. Auch der Instagram-Account «thisismystgallen» von Clarissa Schwarz war beim Zeichnen hilfreich.

Das Projekt begann als Kurzgeschichte in der Grabenhalle. Nun sind daraus 100 Seiten geworden. Eine Schnapsidee oder Kalkül?

Eine kleine Schnapsidee war das schon. Ich habe einfach gesehen, dass die Kurzgeschichte in der Grabenhalle gut ankam und so klopfte ich beim Kulturverein «Solarplexus» an – ohne dass ich verraten wollte, worum es überhaupt in der Geschichte geht, hat man mir vertraut. Ich wusste nämlich selbst nicht genau, welche Story ich tatsächlich aufs Papier bringen wollte. Man hat mir vertraut und so hatte ich bei der Entwicklung freie Hand.

Sie arbeiten in einem 80 Prozent Pensum als Sekundarlehrer. Zeichnen Sie, wenn Ihre Schüler Prüfungen schreiben?

(lacht)

Nein, leider geht das nicht. Dafür stellen die Schüler zu viele Fragen. Ich habe tatsächlich dann gezeichnet, wenn andere geschlafen haben und das führte zu sehr vielen schlaflosen Nächten. Zum Glück habe ich eine Frau, die sehr organisiert ist und Kinder, die nicht mehr so klein sind. Das Projekt zog sich fast zwei Jahre, aber auf das Endergebnis bin ich wirklich stolz.

In der Graphic Novel spielt auch die Militärkantine eine besondere Rolle. Haben Sie den Ort zufällig gewählt?

Nein, in der Militärkantine trifft sich die St.Galler Cartoonszene zwei Mal im Monat und zeichnet. Wir nennen das «Drink and Draw». Dabei tauscht man sich aus und lernt voneinander. 

Von Euch hört man aber nicht viel, oder?

Wir sind ein harter Kern von etwa fünf bis sechs Leuten und ja, es stimmt, dass Cartoonisten nicht sehr mediengeil sind. Wenn sie Aufmerksamkeit wollen, laufen Sie heutzutage besser betrunken in eine Glasscheibe und stellen das Ganze auf Youtube ... ist mit weniger Aufwand verbunden. Viele von uns sehen sich auch nicht unbedingt als Künstler, sondern kreieren einfach das, was ihnen Spass macht. Es ist also eine eher bodenständige Szene.

Der Marktplatz und die Militärkantine in der Graphic Novel Bild: pd

Sie erzählen mit Ihren Zeichnungen die Geschichte von Johnny, einem Ganoven mit Herz. Steckt da auch ein bisschen Autobiographie dahinter?

Es ist oft so, dass man Erlebnisse in seinen Zeichnungen verarbeitet und ja, es steckt auch ein bisschen Autobiographie in «Heartbreak Opel», aber so nah will ich gar nicht darauf eingehen. Menschen die mich kennen, werden die Parallelen erkennen. Die Playlist, die es als Bonusmaterial zur Geschichte gibt, ist ebenfalls sehr persönlich. Darin sind verschiedene Songs aufgeführt, unter anderem auch solche von Bands aus der Ostschweiz. Die Stücke bilden in bestimmten Schlüsselszenen den Soundtrack zur Geschichte.

Das Buch ist eine 100-prozentige St.Galler-Produktion. Wie wichtig war Ihnen das?

Sehr. Für die Gestaltung des Buches war die junge St.Galler Grafikagentur «Schwarzmatt» verantwortlich, gedruckt wurde es bei «Typotron» und Herausgeber ist «Solarplexus». Klar, ist man der Regisseur und der Cartoonist der Graphic Novel, aber es war ein Gemeinschaftsprojekt mit wirklich engagierten Leuten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Neugierig auf «Heartbreak Opel»? Hier können Sie es bestellen:
ISBN 978-3-7291-1197-4 / Solarplexus / VGS-SG
Und mehr von Stefan Tobler gibt es hier

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Miryam Koc/stgallen24