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Stadt St.Gallen
04.12.2021
03.12.2021 17:40 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Tschugger».

Tschugger (männlich, Singular) steht für Polizist

Eine neue TV-Serie hat mir das Stichwort für die aktuelle Mundartkolumne geliefert. Zwar wird in der Schweizer Fernseh-Serie «Tschugger» erdiges «Wolliser-Diitsch» gesprochen. Nichts desto trotz existiert der Tschugger auch in der Ostschweiz. Und nicht nur das. Für den Polizisten gab es in der Vergangenheit noch weitere Begriffe.

Diese klangen um einiges schöner als die heutigen Cops, Bullen oder Polypen. Neben dem Tschugger, der in der Tschuggerei (Polizeistation) arbeitete, gab es auch den Schroter (Schroterei), den Schmierler (von der Schmier) oder den Lanteger (Landjäger)! Ich kann mich noch gut an den Warnruf eines Schulkollegen erinnern, der unsere Töfflirennen jeweils mit einem heiseren «Obacht, de Schroter!» abrupt beendete, so dass wir mit unseren Puchs, Ponys, Piaggos und Zündapps in alle Himmelsrichtungen stieben. Da ich weder ein übermässig frisiertes Töffli fuhr, noch klaute oder kiffte, hatte ich mit der Polizei nie Probleme. Mit einer Ausnahme.

Ich war Neunzehn und wohnte noch Zuhause. An Weihnachten kauften wir einen exotischen Weihnachtsbaum. Der Verkäufer meinte, es sei eine Tanne von den Kanaren, die besonders lange halte, wenn man sie in Wasser stelle. Genauso war es. Die Tanne blieb den Dezember durch frisch. Auch im Januar war sie noch knackig und wir stellten sie auf den Balkon. Da sie auch Februar und März locker überstand ohne Nadeln zu verlieren, konnten wir sie nicht entsorgen.

Und dann kam Ostern. April. Die Tanne stand stramm in ihrer Balkonecke und grünte voll grün vor sich hin. Natürlich musste man sie regelmässig giessen. Zum Beispiel am Ostersamstag bei strahlendem Frühlingswetter. Ich goss sehr reichlich, damit das bei der Frühlingshitze ein Weilchen hielt. Plötzlich klingelte es an der Tür. Draussen stand der Dorf-Polizist. Triefend wie ein begossener Pudel. Was ich gerade auf dem Balkon gemacht hätte, fragte er mit vor Wut zitternder Stimme.

Automatisch musste ich grinsen. Doch innert Sekundenbruchteilen wurde mir bewusst, dass ich nun ein Problem hatte, wenn ich bei der Wahrheit blieb. Ich hörte auf zu grinsen. «Ich habe gerade den Christbaum gegossen. Der von den kanarischen Inseln. Der braucht drum viel Wasser.» Es war mir klar, dass das ziemlich dämlich klang. Aber was will man machen...

Der Gesetzeshüter blickte mich mit starren Augen an. Von der Mütze tropfte es immer noch und langsam stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht. Er glaubte mir kein Wort, wollte hereinkommen und sich selbst ein Bild vom «Tatort» machen.

Tja, manchmal ist es im Leben halt so, dass man im falschen Moment am falschen Ort steht. So wie der Tschugger, direkt unter dem Wasserablauf unseres Balkons. Und das am Ostersamstag.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin