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Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Teigaff» und «Chleechue».

Ein Teigaff (männlich, Singular) ist eine linkische, unbeholfene Person oder ein Spitzname für Bäcker;
Chleechue (weiblich, Singular) hingegen ist ein Schimpfname für weibliche Person.

Es war definitiv das Lieblingsschimpfwort, welches mein Grossvater stets benutzte: «Teigaff!» Schon früher musste ich darüber immer lachen, weil ich mir diesen «Teigaff» bildlich vorstellte. Vor meinem geistigen Auge erschien eine Mischung aus Grittibänz und dem Meister Bäcker aus Max und Moritz’ «Sechstem Streich». So richtig böse klingt er ja auch nicht, der Teigaff. Nicht so wie der «Tubel», «Schofseckel» oder «Huere Löli». Jedoch dürfte mancher Bäcker, für den das Wort «Teigaff» als unschönes Synonym gebraucht wurde, das ein bisschen anders gesehen haben...

Schweizer Idiotikon und altdeutsche Wörterbücher wissen zu diesem Begriff:

«Teigaff bedeutet Tölpel, Pinsel, dumme, vorwitzige, unbesonnene Person, unreifes Bürschchen oder Mädchen, welches sich doch eine Bedeutung geben will und mit diesem Namen gedemütigt wird, mit dem Nebenbegriff der Bosheit!»

Früher wurde der Begriff vor allem in der Militärsprache für Teigwaren verwendet oder umgangssprachlich für ungeratene, blasse Brötchen oder Teiglinge in der Bäckerei.

Erstaunlicherweise wurde das Wort «Teigaff», sei es als allgemeines Schimpfwort oder als spezifische «Diskriminierung» der Bäcker-Gilde, nicht nur in der Schweiz verwendet. Auch in Schlesien, Berlin, oder Leipzig (und wohl auch noch in anderen deutschen Bundesländern) ist der Teigaffe nachweislich existent gewesen. Und übrigens auch in Bayern. Dort kernig als «damischer Doagaff!» bekannt.

Einst in einem Regionaljournal-Radiointerview nach meinen Schimpfwort-Favoriten befragt, kam auch bei mir der «Teigaff» als erstes zum Zug. Ihm gebührt für mich die gleiche Ehre wie der weiblichen «Chleechue.» Auch sie, in meiner Kindheit oft verwendet und gern gehört, verschwand jedoch mit den Jahren leider aus meinem Gedächtnis.

Sensibilisiert auf spezielle St.Galler Dialektwörter während der vierjährigen Recherchephase zu «Hopp Sanggale!» tippte ich mir permanent Mundartwörter, die mir noch fehlten, in mein Smartphone. Und plötzlich fiel in einem Gespräch von meinem Gegenüber der Satz «Da isch etz doch e cheibe Chleechue!»

Ich war wie paralysiert und reagierte mit höchster Verzückung, mein liebstes, weibliches Dialekt-Schimpfwort wiedergefunden zu haben, das so schändlich in Vergessenheit geraten war.

Uns Deutschschweizer verbindet doch nichts so sehr, wie unsere sprachliche Kultur, die zwar hier und dort ein bisschen anders gefärbt, die Aussprache mal offener und weicher, mal spitzer und greller, aber immer doch unsere Herkunft und Wurzeln repräsentierend, Gemeinsames verkörpert. Also benutzen wir sie doch wieder mehr; die wunderbaren alten Begriffe, Flüche, Redensarten und Schimpfwörter! Ersetzen sie doch mal das hässliche «A»-Wort mit einem originellen «Teigaff!» Auf die Wirkung bin ich gespannt!

Und übrigens: Wer mir die gute alte «Chleechue» wieder ins Gedächtnis gebracht hat, war nicht etwa eine bodenständige Schweizer Seniorin, sondern eine junge, temperamentvolle Italo-Schweizerin mit sizilianischen Wurzeln! Assolutamente fantastico – grazie!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin