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Stadt St. Gallen
20.11.2021
22.11.2021 10:03 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Tubetänzig mache».

«Tubetänzig mache» heisst, jemanden ärgern, zur Verzweiflung bringen

Im Moment macht es «eim komplett tubetänzig». Einmal impfen, zweimal impfen, dreimal impfen, gar nicht impfen, künftig jedes Jahr impfen? Corona hier – Corona da. Zertifikat auf dem Handy, Stäbli in der Nase, Trychle auf dem Bundesplatz. «Es löscht mir langsam ab. Es macht mi richtig tubetänzig!»

Denn mit Corona ist es nicht getan. Es macht keinen Spass mehr, Zeitungen zu lesen. Die Erde erwärmt sich über Erwarten schnell. Die Gletscher sind wiedermal geschmolzen, Menschen kaufen Tiere und Kinder aus dem Katalog und wir stehen vor dem kompletten Stromausfall. 2025 oder so. Und schon jetzt: steigende Preise an der Tankstelle, im Supermarkt und überhaupt. Muss ich jetzt wieder WC-Papier bunkern? Reis, Kerzen, Zündhölzli und Magnesium? Weil das auch massiv teurer wird. Die Weihnachtsgeschenke sollten auch schon gekauft sein, weil sie sonst möglicherweise erst an Ostern geliefert werden. Und das alles, weil China mit der Produktion des ganzen, eh schon unnützen Konsumkrimskrams nicht mehr nachkommt? Sind wir noch zu retten?

Und plötzlich hat es keine Lastwagenchauffeure mehr und bald auch keine Pflegefachpersonen. Und während der Wahnsinn auf dieser Erde im Wochentakt in die nächste Runde geht, schiesst Elon Musk hunderte von Satelliten ins All, einen Tesla und einen greisen Captain Kirk.

Hatten wir uns das mal so vorgestellt? Also ich weiss ja nicht. Mir persönlich jedenfalls wär's ein bisschen weniger digital, viral, asozial und anormal, lieber. Unsere Welt, nein wir Menschen, so scheint es mir, sind komplett verrückt geworden. Und die Antwort ist leider mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Nein; wir sind definitiv nicht mehr zu retten!

Da gibt's nur eins: Sich aus dem ganzen alltäglichen Wahnsinn ausklinken. Abschalten, durchatmen und sich vielleicht zur Abwechslung mal auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben besinnen.

Einfach mal auf ein Bänkli sitzen. Ohne Handy, ohne Tablet. Herumhetzende Menschen beobachten. Und Tauben. Vielleicht bekommt man dann auch einen Taubentanz vorgeführt. Aber nur, wenn man genügend Zeit hat und warten kann. Die Männchen führen nämlich ein Mega-Theater auf, wenn sie ein Weibchen beeindrucken möchten. Einen Taubentanz eben. Und da sie sich manchmal fast ein bisschen zum Affen machen, die Taubenmännchen, wenn sie die holde Weiblichkeit einfach nicht beachten will beim herumtänzeln, nennt man es wohl auch in der St.Galler Mundart «tubetänzig mache», wenn einen etwas fast zur Verzweiflung bringt. Daher: Besser Taubentänze beobachten, statt sich selber «tubetänzig» machen lassen... Komme was wolle!

Und Toilettenpapier und Zündhölzli sicherheitshalber mal auf die Einkaufsliste setzen.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin