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Stadt St.Gallen
06.11.2021
16.11.2021 11:05 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Tschumpel» und «tschumple».

Tschumpel (männlich, Singular) ist ein Synonym für Trottel, Tubel, Löli oder Latschi;
tschumple hingegen ist ein weniger feiner Ausdruck für «zu Fuss gehen».

Im Zeichen der Vollständigkeit müssen in einem Mundart-Wörterbuch wie «Hopp Sanggale!» aber auch im Schweizerischen Idiotikon Wörter dokumentiert sein, die nicht gerade eben als gehoben und fein gelten. Deftige Schimpfwörter und Flüche findet man deshalb auch bei mir. Einzig der «Schofseggel» – man möge mir diesen ausgesprochen undamenhaften Begriff an dieser Stelle verzeihen, hat es eben aus diesen Gründen nicht in mein Buch geschafft. Ansonsten habe ich kein Blatt vor den Mund genommen. Und es hat erst noch Spass gemacht sich mit allerlei Unflätigem eingehend zu beschäftigen.

Erstaunt war ich vor allem, wie viele weibliche Schimpfworte es gibt; dazu aber gern ein anderes Mal mehr. Heute widme ich mich dem «Tschumpel» und dem «tschumple». Leider habe ich etymologisch darüber nichts gefunden. Lediglich das «Tschumpeli» liefert fast selbstredend die Erklärung mit. Entweder es gilt ebenfalls einem «Tschumpel», den man jedoch nicht für einen ganzen, sondern nur für einen halben Trottel hält und ihn deshalb vielleicht in der Verkleinerungsform und fast liebevoll ein «Tschumpeli» nennt. Wer in einer St.Galler Beiz jedenfalls ein «Tschumpeli» bestellt, bekommt dafür ein Eindeziglas Wein.

Dafür erzähle ich ihnen nun eine kleine Geschichte von einem St.Galler über einen St.Galler, den wohl nur noch die älteren Semester kennen. Der St.Galler Werber Magnus Bosshard krempelte vor 20 Jahren sein Leben radikal um: Aus dem Erfinder der Lila-Milchkuh wurde Bruder Magnus in einem Benediktinerkloster in Disentis.

Das Leben von Marcel Bosshard – «teilweise verrückt und glamourös», so sieht es der heutige Bruder Magnus – war bis 1989 sehr erfolgreich, Es begann in Sankt Gallen 1941. Seinem Vater, der mit 46 Jahren starb, will er beruflich nacheifern. Seine Mutter sendet ihn, dem Rat guter Freunde folgend, nach Disentis in die Klosterschule. Sie hätte sich damals in ihren kühnsten Träumen und Phantasien wohl nie vorstellen können, dass ihr Sohn sehr viel später und für immer dahin zurückkehren würde. Ihr Sohn konnte sich das damals auch nicht vorstellen.

Er besuchte zwei Jahre die Kunstgewerbeschule St. Gallen und trat dann zur praktischen Ausbildung in das renommierte Atelier Geiser ein. 1962 begann seine steile berufliche Laufbahn: Er begann in einer der grössten Werbeagentur der Welt bei «Young and Rubicam» in New York zu arbeiten. Ein Leben sozusagen in Saus und Braus folgte, bis er wie erwähnt vor 20 Jahren seinem Leben eine ganz neue Richtung gab.

Und so erreichte mich ein Mail in den ersten Wochen nach der Veröffentlichung meines 1. St.Galler Mundartwörterbuches, das zu unser aller Erstaunen die Sachbuch-Bestsellerliste bis auf Platz 1 erklomm. Absender war eben dieser Bruder Magnus Bosshard aus dem Benediktiner Kloster Disentis.

Der überaus «prominente» Mönch, ehemalige Stadt-St.Galler, internationale Creative-Direktor, Werber, der mir mit seinen Buchbestellungen seine Freude über das 1. St.Galler Mundartwörterbuch mitteilte und mir unter anderem folgende, herrliche Geschichte erzählte:

«Wir müssen dafür sorgen, dass unsere eigene Sprach-Kultur weiter aktiv am Leben bleibt, denn es können nicht alle Menschen auf der ganzen Welt nur noch Englisch miteinander parlieren. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wenn sie mitten in New York, downtown Manhattan wieder ein paar Brocken Sanggallertütsch hören können! Das wusste schon der alte Johann Linder von der Seeger-Bar, als er in seinem alljährlichen Kabarett-Programm «Boit de Nuit» sagte: «Wenn ich heim komme mit dem Zug von Zürich und schräg über den Bahnhofplatz «tschumple» und dann von einem zu schnell daher fahrenden Automobilisten auf typisch st.gallerisch mit dem lieben Ausruf angeschnautzt werde – «Du huere Tschumpel, du alts Chalb, chasch nöd ufpasse!?» Dann weiss ich, jetzt bin ich wieder dihei in meinem St.Galle aachoo!»

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin