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Stadt St. Gallen
23.10.2021
16.11.2021 11:04 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Chog» und «Cheib».

Chog und Cheib (männlich, Singular) sind als Kraftausdrücke, verstärkende Beschreibungen zu verstehen.

Den Bereich der Schimpfworte, Kraftausdrücke und verstärkenden Beschreibungen finde ich in der Mundart besonders interessant. So ein urchiges Schimpfwort oder ein deftiger Dialekt-Fluch hat doch etwas Ehrliches, Authentisches. Und wirkt erst noch befreiend, erdend und psychohygienisch! Zugegeben, der Cheib und der Chog kommen dabei noch sehr moderat daher. Doch beide lassen sich wunderbar kombinieren und zum durchaus träfen Schimpfwort steigern.

Der «cheibe Chog», «Saucheib», «Sauchog» zum Beispiel. Der Ausruf «Du verreckte Cheib!» muss nicht mal persönlich gemeint sein, sondern umschreibt lediglich einen Ausdruck des Schockiert- oder Erstaunt-Seins, der unverhohlenen Überraschung. Jemanden abzuwerten gelingt einem jedenfalls mit der Bezeichnung «Du fuule Chog!» oder «Du tomme Cheib!».

Als «cheibe Chögli» bezeichnet man wiederum liebevoll ein schlaues Kind oder eine Person, die man nicht wirklich beleidigen oder tadeln will. Und mit «alle Chog», «alls Chogs» oder «alle Cheib», «alls Cheibs» stehen uns Dialekt-Wortkreationen zur Verfügung um «alles Mögliche» zu beschreiben. Zudem finden wir vieles «choge guet» und «cheibe schöö», beschreiben eine unmögliche Situation als «Chogezüüg» oder finden etwas «zom Devoocheibe!» Auch als verstärkende Begriffe lassen sich «Chog» und «Cheib» prima verwenden: «Du choge Trogge!», «Du cheibe Löli!»

Da die beiden Begriffe an sich nicht als heftige Kraftausdrücke zu verstehen sind, bieten sie sich an als moderate Varianten für Schimpfworte. Ein allzu heftiges «Gopferttammi!» liesse sich zum Beispiel mit einem «Huere Chog nomol!» oder «Huere Cheib!» leicht abschwächen; obschon ich kürzlich auch die Vollversion eines «Huere Gopferttammi Cheib!» gehört habe. Der Kreativität sind in der Mundart keine Grenzen gesetzt!

In der Alltagssprache wurden die Wörter «Cheib» und «Chog» in verschiedenen Schweizer Dialekten zu Universal-Adjektiven bzw. Adverben, («cheibe», «umecheibe»: laufen, herumrennen) oder zu männlichen Universal-Substantiven. Diesen muss nicht einmal eine negative Bedeutung anhaften: «Dä Cheib gfallt mer etz no!», klingt doch voll bewundernd!?

Betrachtet man die deutsche Sprache des Mittelalters genauer und wirft einen Blick ins Wörterbuch der Gebrüder Grimm, dürfte im Mittelhochdeutsch das Wort «keibe» und Althochdeutsch «koggo» etwas ganz anderes, weitaus Schwerwiegenderes bedeutet haben, nämlich «Leichnam, Aas, Kadaver» oder gar «ansteckende Tierseuche». Dass die Begriffe in der Tat mit Tod und Verderben zu tun haben, merkt man nicht nur beim Studium des mittelalterlichen Wörterbuchs; es reicht der Blick nach Westen, in die Limmatstadt.

Hier ist der «Chreis-Cheib» beheimatet. «Aussersihl», wie der Zürcher Stadtkreis auch heisst, hat seit den 1960er-Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich, und heute seinen Platz irgendwo zwischen Arbeiterviertel, Rotlichtmillieu und Ausgehmeile mit keinem allzu ehrenhaften Ruf, gefunden. Auch hier gab es im Mittelalter schon Dinge, die in der Kernstadt nicht erwünscht waren. So zum Beispiel das Siechenhaus zur Aufnahme Aussätziger, der städtische Galgen und die Tierkadaver, die so genannten «Cheibe».

«Potz Cheib!» – da bin ich doch froh, leben wir nicht mehr im Mittelalter!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin