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Stadt St.Gallen
09.10.2021
16.11.2021 11:18 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Pfnüsel».

Pfnüsel (männlich, Singular) steht für Schnupfen.

Jetzt beginnt sie wieder: die Pfnüsel-Zeit! Spätestens, wenn es im Herbst das erste Mal richtig frisch wird, rinnen sie, die Ostschweizer Nasen. Da kommt Stimmung auf! Denn seit Corona, ist «omeschnodere» oder «pfnüsle» wie wir alle wissen, eine heikle Sache. Ist es nun ein Pfnüsel oder nicht? Wenn ja, wäre das keine schlimme Sache, sondern saisonal bedingte Normalität. Aber eben. Man vermeidet heute tunlichst zu husten, zu niesen und mit einer Maske lässt sich schlecht die Nase schneuzen. Will man heute keine (ausnahmslos sehr strengen) Blicke auf sich ziehen, unterdrückt man sämtliche nasalen «Lautäusserungen» die einen schlimmstenfalls als Virenschleuder identifizieren könnten.

Woher Corona kommt ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Doch woher kommt das Wort «Pfnüsel»?

Die Berner haben ihren «Rhüüme», vom französischen «rhume», für Katarrh, Erkältung (welches wiederum vom griechischen «rheuma», für Strömung stammen dürfte). Ursprünglich offenbar ein vornehmes, einen unschönen Zustand verhüllendes Wort der Berner Aristokratie, heute durchaus salonfähig. Auch die Oberwalliser und Bündner Walser haben ihr eigenes Wort für den Pfnüsel: «Niiffa» (bzw. «Niffa», «Niiffu», «Niffu», «Niiffe»), die Deutschfreiburger ihr «Nööscha.» Die Solothurner ihren «Gflüsel» und «Pflüsel»; und der «Chnüsel» ist in der Innerschweiz zu Hause.

Wir St. Galler haben unseren Pfnüsel, wie alle in der Ost-, Nord-, und Nordostschweiz. Doch auch in anderen Ländern und Sprachgebieten, gibt es ähnliche Begriffe für eine laufende oder verstopfte Nase. Wenn Skandinavier niesen tun sie das, indem sie «fnyse» oder Kärtner beispielsweise «pfnausen». Es handelt sich dabei immer um lautmalerische Begriffe, die ein Geräusch, einen Laut umschreiben. Und dieser ist – egal in welcher Sprache, immer das schwer atmen, schnauben, keuchen, schnüffeln.

Dem Schweizerischen Idiotikon ist auch zu entnehmen, dass mancherorts in der Ostschweiz, vornehmlich in der Südostschweiz, für den Schnupfen das Wort «Struuche», «Struuchel» oder ähnlich verwendet wird. Bei uns zu Hause hiess das früher «Strüchel», und umschrieb ein kurzzeitiges Unwohlsein unterschiedlichster Ursache. Das Wort dürfte am ehesten mit dem Begriff «struuch» verwandt sein, welches «rauh» bedeutet.

Passt. Dann straucheln wir auf den Winter hin mal wieder rauhen Zeiten entgegen. Bleiben sie gesund!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin