Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Stadt St.Gallen
02.10.2021
16.11.2021 11:19 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Ofloot».

Ofloot (männlich, Singular) bedeutet Unflat, grober, ungehobelter Mensch

Wer als «Ofloot» oder «Ufloot» bezeichnet wird, dem wird nicht gerade geschmeichelt. Ein Wort, welches den Betreffenden als groben, unflätigen Menschen bezeichnet, dem das Feingefühl für andere fehlt. Nicht selten wird oder wurde der Begriff auch nicht so ganz ernst gemeint und eher liebevoll verwendet. Zum Beispiel, wenn ein Kind über die Stränge schlug und sich im wilden Spielen und Toben vergass.

Wer sich also gemein, grob, rücksichtslos verhält, ist «oflöötig» (unflätig). Der Begriff, Unflat und unflätig besteht in dieser Form auch im hochdeutschen Sprachgebrauch. Wie schon in einem meiner letzten Kolumnen-Beiträge, bediene ich mich auch beim «Ofloot» Jeremias Gotthelfs Wortschatz, in welchem das Wort «Ofloot» – wie es im sanktgallischen ausgesprochen wird, gern und oft benutzt wurde. So mahnte im legendären Film «Ueli der Pächter» der Hagu-Hans den Ueli, der um die Patenschaft für sein erstes Kind anfragte: «Säg de i de Glungge-Püüri, wenn sie mer no mau so eine verbiischicki, sig de de Hagu-Hans gäng no de gliich Uflaat!»

Doch woher stammt der Begriff ursprünglich? Das Schweizerische Idiotikon, bezeichnet mit dem Begriff «Ufloot» eine Abwandlung des «Flot». Dieser ist ein unreinlicher, im übertragenen Sinn auch ein sittenloser, verächtlicher Mensch, häufig als Schimpfwort verwendet. «Ufloot» hat zwei Bedeutungen: Einerseits Unrat, Unreinheit, Kehricht und andererseits unsauberer, schmutziger Gegenstand, Tier oder Mensch. «Darum häufig Ausdruck des Widerwillens, wenn auch oft nur scherzweise angewendet», ist dem Idiotikon zu entnehmen.

An die praktische Verwendung im Alltag, die über die eigentliche Wortherkunft hinaus geht,  erinnere ich mich sehr gut, denn bei uns wurde das Wort «oflöötig» gern und oft verwendet. Wenn sich jemand verletzte hiess es schnell einmal: «da tuet etz doch oflöötig weh» oder «Goht  wieder en oflöötige cheibe Wind verosse!»

Hochdeutsch wird der Begriff als «Dreck, Unrat» noch heute verwendet. Ich habe das Beispiel gefunden: «Die Presse schüttete Unflat auf ihn.» Heute würde man dazu «Shitstorm» sagen...

Auch ich bekam als Kind das Wort ab und an zu hören, wenn ich mich mal wieder nicht angemessen benahm. Und ich erinnere mich, dass meine Grossmutter einmal den Nachbarsbuben scholt, der mir beim Spielen meinen schönen roten Holzlastwagen (!) um die Ohren haute und mir damit eine veritable Schnatter am Kopf verpasste: «Du bisch etz doch en chliine, cheibe Ofloot», wetterte sie und mein Gspänli erstarrte ehrfürchtig.

Ich nutzte diese Starre zeitnah aus und haute zurück. Aber erst als die Grossmutter schon wieder im Haus war.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin