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Stadt St. Gallen
21.09.2021
21.09.2021 09:07 Uhr

Ist St.Gallen eine Auto- oder Velostadt?

Immer wieder kommen sich Velo- und Autofahrer in die Quere.
Immer wieder kommen sich Velo- und Autofahrer in die Quere. Bild: Stadt St.Gallen
Studenten der OST haben die Radmobilität in St.Gallen im Rahmen des «Stadt-Verstehen-Kurses» untersucht und unterschiedliche Perspektiven dargestellt. Die Erkenntnisse wurden nun präsentiert und zeigen, wo Handlungsbedarf besteht.

Wie viel Raum wird durch Mobilitätsinfrastruktur und -bedürfnisse beansprucht? Wie wirkt sich der Verkehr auf die Lebensqualität in Siedlungsgebieten aus? Und wie verschränken sich Berufsleben, Freizeitaktivitäten, alltägliche Tätigkeiten und Mobilität generell im gesellschaftlichen Alltag?

Diese Fragen stellten sich Studenten der OST. Vier Gruppen bestehend aus je fünf Personen der Fachrichtungen Architektur, Betriebsökonomie und soziale Arbeit, untersuchten das Phänomen des Fahrradfahrens und der Fahrradinfrastruktur in St.Gallen. Im Forschungsmodul geht es darum, die verschiedenen Rationalitäten und Perspektiven sichtbar zu machen, die beim Umgang mit dem Fahrradfahren und Fahrradinfrastruktur in städtischen Gebieten zum Tragen kommen.

Dies fand im Rahmen von «Stadt verstehen» statt, einem Kurs, bei dem sich die Hochschüler nach draussen begeben und sich mit der sozialen Realität beschäftigen. Während der letzten Woche führte eine Gruppe problemzentrierte Interviews mit Velokurieren, eine andere führte dies mit Busfahrern durch, die dritte beobachte ethnographisch und die letzte Gruppe führte mit zwei Primarschulklassen Workshops durch. Am Freitag, 17. September, präsentierten die Gruppen ihre Erkenntnisse.

Nebenstrassen attraktiver machen

Die erste Gruppe interviewte zwei Buschauffeure: Rauszuhören war, dass es viele Fahrradfahrer gebe, die zu wenig Rücksicht auf die Busfahrer nehmen und es passieren auch viele Unfälle, vor allem auf Hauptstrassen. Das belegten die Stundeten auch mit einer Statistik: E-Bike- und Velofahrer tauchen in der Unfallstatistik am zweit­häufigs­ten auf. Als Grund wurde unter anderem auch genannt, dass viele E-Bike-Fahrer keine geübten Fahrer seien.

Die Studenten-Gruppe brachte auch einen Lösungsvorschlag: Man sollte einen Teil des Velo-Verkehrs auf Nebenstrassen lenken. An den Beispielen Rorschacherstrasse und Lindenstrasse wurde gezeigt, welche Vorteile die Lindenstrasse gegenüber der Rorschacherstrasse hat, wie man die Lindenstrasse besser sichtbar macht und wie man sie umgestalten kann.

Zum Schluss der Präsentation zeigte die Gruppe noch den Wunsch der beiden Busfahrer: «Wir wünschen uns mehr Rücksicht füreinander».

  • Gruppe Busfahrer Bild: Patrice Ezeogukwu
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  • So könnte die Lindenstrasse aussehen Bild: Patrice Ezeogukwu
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Unterer Graben als Problemzone

Die zweite Gruppe befragte Velokuriere: Diese sind täglich mit dem Velo unterwegs und kennen die Stadt so gut wie ihre Westentasche. Die Studenten baten die Kuriere auch problematische Zonen auf einer Karte einzuzeichnen. Anschliessend wurden die Karten der Kuriere übereinander gelegt und mit dem Schwachstellenplan der Stadt verglichen.

Der Untere Graben wurde als erste Problemzone genannt. Zwar sei er für alle Verkehrsteilnehmer ein schwieriger Punkt, aber vor allem für Velofahrer sei er mühsam, weil der Velostreifen mittendrin aufhört und von den Autofahrern abgedrängt werden. Als zweites wurde das Waaghaus genannt. Die Wartezeiten sind dort sehr lange, besonders für Fahrradfahrer, weil diese als letzte weiterfahren dürfen. Das dritte Problemgebiet ist die St.Leonhardsbrücke. Die Signalisierung sei zwar gut, jedoch sei die Mischzone mit den Fussgängern schwierig.

Als gut empfand man die Lindenstrasse. Dort werde der Fahrfluss nicht unterbrochen und die Kuriere fühlen sich auch sicherer.

Weiter fragte die Studenten-Gruppe, wie sich die Kuriere am Gestaltungsprozess der Veloinfrastruktur beteiligen. In den Interviews merkten sie, dass der Wille vorhanden ist und die Kuriere sich sehr gerne beteiligen würden. Jedoch ist zu bemängeln, dass die Möglichkeiten sich zu beteiligen, zu wenig beworben werden.

Handlungsbedarf sehen die Velokuriere auch in der Innenstadt – inklusive Marktplatz. Eine Möglichkeit die Verkehrssituation dort zu verbessern, wäre ein Lieferverbot für Lastwagen ab 9 Uhr. Ab dieser Uhrzeit sollen Lieferungen von den Velokurieren übernommen werden.

Gruppe Velokuriere Bild: Patrice Ezeogukwu

Zwischen Velo- und Autostadt

Ist die St.Galler Innenstadt ein Kampfgebiet? Dieser Problematik wollte die dritte Gruppe auf den Grund gehen. Deswegen suchten sie zuerst nach Konfliktstellen und beobachteten, ob diese überhaupt welche sind. Genauer untersucht wurde der Gallusplatz und der Marktplatz. Auf einer Karte stellte die Gruppe dar, wie viele Velofahrer innerhalb einer Stunde wo durchfahren. So wurden auch Konfliktbereiche gefunden. Doch grundsätzlich schätzte man den Gallusplatz als sicher ein.

Beim Marktplatz sieht das jedoch anders aus: Es sei nicht klar, wo genau man durchfahren soll, aber es gibt keine einzelnen Problemstellen. Es sei eher so, dass der Marktplatz allgemein unübersichtlich für Velofahrer ist, stellten die Studenten fest.

Die Gruppe untersuchte auch die Abstellplätze. Zu unterschiedlichen Zeiten liefen die Studenten durch die Innenstadt und fotografierten herumliegende Fahrräder. So stellten sie fest, dass es an Abstellplätzen mangelt. Auf einer Karte zeigte die Gruppe auf, wo Velos herumliegen und wo Abstellplätze sind. So wurde ersichtlich, dass in der Altstadt einige Velos falsch abgestellt werden. Als Grund nannten die Studenten, dass viele mit dem Velo einkaufen gehen und es dann kurz an ein Schaufenster gelehnt wird.

Viele falsch geparkte Fahrräder sind auch neben Abstellplätzen aufzufinden. Gründe dafür sind, dass die Plätze bereits überfüllt sind oder die Personen schlichtweg zu faul seien, noch 50 Meter bis zum nächsten Parkplatz zu fahren.

Abschliessend hält die Gruppe fest, dass die Stadt St.Gallen momentan in einem Zwiespalt zwischen Velo- oder Autostadt sei. Die Studenten wünschen sich, dass die Velofahrer mehr Rücksicht auf die Fussgänger und die Fussgänger mehr Rücksicht auf die Velofahrer nehmen.

  • Gruppe ethnografische Feldforschung Bild: Patrice Ezeogukwu
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  • So fuhren die Velofahrer innerhalb einer Stunde Bild: Patrice Ezeogukwu
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  • Bild: Patrice Ezeogukwu
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Velofahren in der Stadt aus Kinderaugen

Die letzte Studenten-Gruppe versuchte die Velo-Situation in der Stadt St.Gallen aus Kinderaugen aufzuzeigen. Die fünf OST-Schüler gingen in zwei Primarschulklassen und führten während zwei Lektionen Workshops durch. Die erste Aufgabe der Schulkinder war es, ihren Schulweg aufzuzeichnen. Als dies erledigt war, durften die Kinder einzeichnen, wo sie sich auf ihrem Schulweg und den in der Freizeit zurückgelegten Weg unsicher fühlen und wo sie sich wiederum gerne aufhalten.

Mit diesen Informationen erstellten die Studenten einen Plan. Auf diesem wurden dann auch die als gefährlich angesehenen Stellen gut sichtbar. Vor allem die Zürcherstrasse stach heraus. Auch Fussgängerstreifen wurde von den Kindern als problematisch empfunden. Weiter wurde auch eine Unterführung von mehreren Schülern markiert. Diese sei sehr eng, steil und nicht gut überschaubar.

Letztendlich wünscht sich die Gruppe, dass die Kinder mehr in die Planung miteinbezogen werden. Es sei besser ein Kind zu fragen, als einen Erwachsenen, der sich versucht zurückzuerinnern, so die Studenten.

Gruppe Schulkinder Bild: Patrice Ezeogukwu
pez/stgallen24