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Stadt St.Gallen
11.09.2021
16.11.2021 11:20 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwlder-Brändle
Susan Osterwlder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Thek».

Thek (männlich, Singular) steht für: Behältnis, Schülerthek, Ranzen, Tornister.

Der Schulanfang – gerade erst ein Thema für tausende von Schülerinnen und Schüler in der ganzen Schweiz. Ein Zeitpunkt, zu dem der «Thek» früher zentrales Thema war. Meiner war rot. Dunkelrot, und er duftete noch Jahre nach dem ersten Gebrauch nach echtem, handgenähtem Leder. Die meisten Mädchentheks waren rot oder dunkelblau.

Als ich kürzlich die Tochter einer Bekannten fragte, ob sie wisse, was ein Thek sei, blickte ich in ein fragendes Augenpaar. Als ich ihr ein bisschen auf die Sprünge half meinte sie: «Easy, du meinsch en Backpack!» Nein. Ich meinte einen Thek. Aber das sagt heute keiner mehr. Googelt man Thek, erscheint nebst Schauspielerin Thekla Carola Wied eine Vielzahl an Schulrucksäcken, die zum Teil an Hässlichkeit kaum zu überbieten sind. Doch ich stellte fest, dass es ihn immer noch gibt, den Lederthek, den man zum Schulanfang geschenkt bekam, der mindestens die Primarschule überstehen sollte und sämtliche Schulhefte, Etuis, Zeichnungen, das Znünibrot und die ersten Liebesbriefe enthielt.

Heute in trendigem Pink mit aufgenähten Lederblumen.

Ich war stolz auf meinen schönen, teuren Thek und behandelte ihn entsprechend pfleglich, bis ich in der ersten Sek fand, ich sei jetzt zu alt für einen Thek und ihn durch eine grosse schwarze Ledertasche ersetzte. Trotz des schönen, roten Ledertheks, gab es etwas, um das ich die Buben unendlich beneidete: ihre Theks oder «Tornister» waren meist aus braunem Leder gearbeitet, mit einem Deckel aus Kuhfell!

Wie gern hätte ich auch so einen Kuhfell-Tornister gehabt. Aber ein Mädchen mit einem Buben-Tornister – damals ein absolutes «no go»! Beim Wort Tornister sind wir auch schon bei der eigentlichen Herkunft des Theks. Seine Vorläufer waren der Habersack aus dem Militär und der eigentliche Militärtornister. Der Thek ist von seiner Bedeutung her übrigens durchaus verwandt mit der «Theke», dem Laden- oder Schanktisch (lateinisch theca, griechisch theke) – auch diese gilt als ein Behältnis, ein Kasten.

Das angenehme Erstaunen darüber, dass es den guten alten Thek – wenn auch selten – tatsächlich noch gibt, gipfelte darin, dass ich im Internet auch Bilder des Etuis fand, welches man meist passend zum Thek geschenkt bekam. Doch auch das lederne Edeletui hat bei vielen – vermutlich aus monetären Gründen – ausgedient. Ersetzt wird es offensichtlich – und diesen Begriff habe ich noch nie gehört – durch die «Schlamperbox»! Man lernt doch nie aus!

Zur Autorin     

Die Ostschweizer Publizistin und Kunstschaffende Susan Osterwalder-Brändle landete mit ihrem dritten Buch, dem 1.St.Galler Mundartwörterbuch «Hopp Sanggale!» einen Sachbuch-Bestseller. Die ehemalige TV-Frau und Therapeutin widmet sich heute vor allem ihrer analogen und digitalen Kunst in der eigenen Galerie in Oberuzwil, sowie ihren publizistischen Projekten. Für stgallen24 erklärt Susan Osterwalder-Brändle regelmässig einen Mundartbegriff oder eine Redensart, verbunden mit kleinen Geschichten zum Schmunzeln.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin