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Stadt St. Gallen
04.09.2021
16.11.2021 11:21 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwlder-Brändle
Susan Osterwlder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Zom Hooröl seiche!».

Etwas «zom Hooröl seiche» finden, bedeutet, dass einen etwas beinahe zur Verzweiflung bringt, ärgert, nervt. Ich verzichte auf die etymologische Herkunft, denn sie ist weitgehend ungeklärt und wird sehr unterschiedlich interpretiert. Klar ist, dass der Begriff in ähnlicher Art in einem enzyklopädischen deutsch-französischen Wörterbuch bereits 1871 genannt wurde.

Im Moment gibt es ziemlich viel, das ich «zom Hooröl seiche» finde.

Es gibt den Begriff übrigens auch bei unseren nördlichen Nachbarn. Dort umgangssprachlich als «zum Haaröl pissen» bekannt.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass wir alle irgendwie – vielleicht coronabedingt – hässiger geworden sind. Unzufriedener, gereizter und intoleranter? Öfters als früher spüre ich, dass es mich fast «verjagt» und dann gehe ich laufen. Raus in die Natur. Mit meinem englischen Windhund. Frische Luft atmen, die Geräusche des Waldes geniessen, die Haare im Wind – ohne Haaröl, aber meistens wenns «seicht»! Denn das tat es diesen Sommer ja meist. Vielleicht kommt auch daher die Gereiztheit.

Letzte Woche beim Kopf-frei-Laufen kreuze ich auf einem Feldweg eine andere Hundebesitzerin. Beide haben wir unsere Hunde an der Leine. Da kommt ein Biker entgegen. Vermutlich ein Kravattenträger, der die kleine Feierabendfreiheit dazu nutzt, einmal am Tag auf dem Velo so richtig «das Borstenvieh rauszulassen». Eine Sekunde später: Bremsenquitschen und Reifenschleudern auf dem Feldweg und aufgeregtes Hundegebell. Erschrocken drehe ich mich um. Der Biker bretterte in die Hundeleine zwischen Hund und Halterin und verhedderte sich.

Reflexartig entfährt mir ein wütendes „Isch doch efang zom Hooröl seiche!“ Der fremde Hund hat zum Glück nichts abbekommen (der Velofahrer ausser einem gewaltigen Schreck leider auch nicht) und die Halterin ringt um Fassung.

«Ich habe ja gerufen», so der Biker kleinlaut. «Hat ja viel genützt, wenns keiner hört», erwidere ich. «Tempo verringern wäre noch eine Idee. Und Bremsbereitschaft!»

Ich habe mich wirklich schon gefragt, ob ich nur noch mit dem Aufdruck auf dem Rücken: «Hinten habe ich keine Augen!» auf den Hundespaziergang gehen sollte, denn 99 Prozent aller Biker scheinen weder eine «Schälle, Glogge, Lüüti» an ihrem «Göppel» zu haben, geschweige denn eine Bremse, oder eine Stimme, um «Obacht!» zu rufen oder sich zu bedanken, wenn andere ihren Lauf-Rhythmus alle 100 Meter unterbrechen müssen, um den Hund festzuhalten. Nicht etwa, weil er den Biker in die Wade beissen könnte, sondern schlicht damit er nicht überfahren wird!

Also echt, liebe Biker: Wisst ihr wirklich nicht, dass ihr mit eurem Schweissgeruch, den ein Hund schon von weitem wahrnimmt, eurem bedenklichen Gekeuche und der masslos übertriebenen Geschwindigkeit in der ihr Wald- und Feldwege unsicher macht, für Vierbeiner naturgemäss eine potentielle Bedrohung darstellt? Das könnte einen Hund schnell mal dazu verleiten, sein Frauchen und sich selbst vor der drohenden Gefahr beschützen zu wollen. Aber ihr seid euch keiner Gefahr bewusst, gell? Geschweige denn, einer Schuld.

«Wörkli zom Hooröl seiche!» Biker sind mein erklärtes Feindbild. Bürolisten-Rennbiker, Waldweg-Rowdies und Senioren-E-Biker! Alle gefühlt ohne Glocke, Bremsen und Stimme unterwegs! Viele ohne Ver- und Anstand!

Wenn schon alles reglementiert wird, bin ich dezidiert dafür, dass die alle künftig im Wald geblitzt und zünftig gebüsst werden, dass sie auf IQ, Fahrtüchtigkeit, Drogeneinfluss und Sehkraft getestet werden und einen Biker-Knigge mit Diplomabschluss absolvieren müssen! Und wenn nicht: lasse ich das nächste Mal meinen Hund von der Leine – und der Natur buchstäblich ihren freien Lauf.

Sollten sie also einer Frau mit Windhund und Rossschwanz begegnen – sagen sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt!

Zur Autorin     

Die Ostschweizer Publizistin und Kunstschaffende Susan Osterwalder-Brändle landete mit ihrem dritten Buch, dem 1.St.Galler Mundartwörterbuch «Hopp Sanggale!» einen Sachbuch-Bestseller. Die ehemalige TV-Frau und Therapeutin widmet sich heute vor allem ihrer analogen und digitalen Kunst in der eigenen Galerie in Oberuzwil, sowie ihren publizistischen Projekten. Für stgallen24 erklärt Susan Osterwalder-Brändle regelmässig einen Mundartbegriff oder eine Redensart, verbunden mit kleinen Geschichten zum Schmunzeln.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin