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Stadt St. Gallen
21.06.2021
21.06.2021 16:32 Uhr

Party-Reportage: «St.Gallen mieft!»

Erneut kam es in der Stadt St.Gallen zu einem wilden Party-Wochenende.
Erneut kam es in der Stadt St.Gallen zu einem wilden Party-Wochenende. Bild: Matilda Good
Das «Bermuda-Dreieck» kämpft weiter mit Abfallbergen und Lärm. Dafür sorgt eine unbelehrbare neue «Klientel» im Quartier. Die halbbatzigen Gegenmassnahmen zeigen wenig Wirkung. Die Rufe nach hartem Durchgreifen werden lauter.

Nach wochenlangen Party-Exzessen im St.Galler Bermuda-Dreieck reagierten Stadt und Polizei mit einer Plakatkampagne in den geplagten Gassen. Die Gastronomen mussten Abfallbehälter bereitstellen, die Polizei versprach mehr Präsenz. Gewerbe, Anwohner und Eigentümer im Quartier waren skeptisch. Zurecht? Die Bilanz ist ernüchternd: Die Massnahmen wirkten wenig, die spärlichen Polizeipatrouillen wurden kaum wahrgenommen.

Inakzeptables Treiben

Kurzer Rückblick: Seit rund einem Monat erlebt das «Dreieck» an Wochenenden einen Ausnahmezustand in fast rechtsfreiem Raum – mit inakzeptablen Ausschreitungen. «Seit dreissig Jahren wohne ich an der Engelgasse, sowas habe ich noch nie erlebt», erzählt E. R.* Massive Lärmbelästigungen, Aggressionen, Massenbesäufnisse, Sachbeschädigungen, Entwendungen, Verunreinigungen, Abfallberge und öffentliches Urinieren wurden zur neuen Realität im Ausgehviertel. Jugendliche Partygänger versammelten sich immer zahlreicher – mit viel mitgebrachtem Alkohol zum kollektiven Wegtreten. Auch die Polizei stellte fest: «Gespräche waren aufgrund des teils stark alkoholisierten Zustands der Partygäste schwierig.»

Unterbinden wollte die Polizei das Treiben aber nicht. Ausrücken musste sie nicht nur wegen Lärm, sondern auch wegen Handgreiflichkeiten unter den Feiernden. Man wisse nicht, wie die Leute auf eine Auflösung reagieren würden, wiederholte der Polizeisprecher hinterher.

So gipfelten die Exzesse am Wochenende vom 11. und 12. Juni mit dem illegalen Installieren professioneller DJ-Anlagen durch Private, Verkehrssicherheitsproblemen am Unteren Graben und einem Abfallberg, der medial einigen Staub aufwirbelte. Um die dröhnenden Musikboxen und omnipräsenten Marihuanawolken fernzuhalten, schliessen die Speisewirte ihre Fenster. Früher taten sie dies, damit die Gäste die Nachbarn nicht störten – neuerdings sollen die eigenen Gäste vom Strassenvolk beschützt werden.

Respektlose Gruppen kapern Dreieck

Die Abende an der Engelgasse begannen auch letztes Wochenende, wie man sich «mediterrane Nächte» vorstellt: Die Terrassen füllten sich mit Geniessern, auch der Grappa durfte draussen getrunken werden, und danach gab es einen Cocktail um die Ecke. Ab 22 Uhr füllten sich die Gassen mit ersten Partygängern – wie seit je.

Obwohl dann offiziell die «Ruhezeit» beginnt, stört das kaum jemanden im toleranten Viertel. Sobald die Restaurant schlossen, fand aber eine Art Schichtwechsel statt. Das ist so neu. «Das Abfall-Video schockierte uns und andere anständige Bermuda-Gänger», sagt Z. M.* aus St.Gallen. Man stelle neuerdings eine ungewohnte Aggressivität fest. «Zuvor hat es hier keine Schlägereien gegeben.»

Vor dem Sturm: Gemütliche Abendstimmung an der Engelgasse. Bild: zVg

Ähnlich berichtet L. W.* aus Teufen: «Es kommen nun viel jüngere Leute mit billigem Alkohol aus dem Supermarkt, um sich die Kante zu geben.» Unter ihren Bekannten kursierte das Video ebenfalls. Sie sind sich einig: «Das geht gar nicht.» An der Engelgasse bat ein Anwohner um ein Uhr Jugendliche, die Musik auszuschalten. Die Antwort: «Fick Dich! Das ist unser Wochenende!»

Während sämtliche Gastronomen um diese Zeit die Schotten dichtmachten, verkaufte der «Schwarze Engel» über die Polizeistunde hinaus Getränke über ein Fenster. Bis um 2:30 Uhr wurde gelärmt, Flaschen herumgekickt oder volle Bierdosen an die Hauswände geworfen. Trotzdem hielten sich die Ausschreitungen am Freitag einigermassen Grenzen; der kurze Regen schien dabei effektiver als die Präventionskampagne...

Mediterranes Zeitgefühl um 1.20 Uhr: Was darf’s noch sein? Bild: zVg

Erneute Grenzüberschreitungen

Am Samstag sah es anders aus: Die Bar «Rock Story» muss inzwischen ihre Aussentische mit Absperrungen abriegeln und Türsteher beschäftigen. Die Meute soll von wirklichen Gästen getrennt werden – nur: Die Tische für bezahlende Gäste sind nicht vollständig besetzt. «Das aktuelle Mass an Abfall kommt nicht von den Gästen der Bars», weiss Thomas Peter von der «Rock Story». Gegen halb eins wird das Terrasseninventar anderer Restaurants kurzerhand beschlagnahmt – für mitgebrachtes Essen und Getränke.

Gestapelte Stühle und Tische werden auseinandergenommen (und nachher auf der Gasse stehengelassen). Dutzende portable Musikboxen werden angeworfen. Die Augustinergasse dient zunächst als öffentliche Toilette, dann wird sie selbst zum Outdoor-Club.

Kurz nach Mitternacht sind die Gassen so voll, das ein Durchkommen zwischen Augustinergasse, Engelgasse und Metzgergasse nicht mehr möglich ist. Wohlgemerkt: Um die Ecke beim Blumenmarkt oder der Südbar gelten Corona-Regeln: Maximal sechs Personen pro Tisch mit verordnetem Abstand und Sitzpflicht, Maske wird nur am Tisch ausgezogen – und Kontaktdaten werden erhoben. In den Gassen des «Dreiecks» dulden die Behörden anderes.

Das «Dreieck» kurz nach Mitternacht: Welche Pandemie? Bild: zVg

Die Polizei hält sich zurück. Wenn sie da ist, dann eher am Rande des Geschehens – etwa am Unteren Graben, wo der Verkehr gefährlich nahe kommt. Sämtliche Betriebe schliessen pünktlich, spätestens um eins. Um 1.20 Uhr statuiert eine Patrouille endlich ein Exempel im Pulk der Engelgasse. Ein Jugendlicher mit Musikbox wird gebüsst, der daneben nicht. Das Littering im grossen Stil interessiert kaum.

Der Gebüsste reagiert mit Unverständnis: «Andere reden viel lauter als meine Musik.» Dabei sind es gerade die Musikboxen, die den Anwohnern an den Nerven zerren. Die Polizei zieht sich danach an die Ecke Augustinergasse-Metzgergasse zurück.

Randnotiz: Die Polizei beobachtet am Unteren Graben. Bild: zVg

Kaum ist die Polizei weg, werden die Musikboxen wieder laut – mindestens ein halbes Dutzend. T. H. wohnt an der Engelgasse und mag eigentlich, wenn was los ist. «Die Anwohner verlegten ihre Schlafzimmer schon lange an die ruhige Augustinergasse. Da diese nun ebenso laut ist, gibt es aktuell kein Entkommen für uns. Wir schlafen in einem Club.» Die aktuelle Situation sei «krass». Z. M. ist auch wieder da, geht aber gegen 2 Uhr, denn «die Stimmung kippt und wird wieder aggressiv.» Die Polizei ist nicht zu sehen. Der Lärm im «Dreieck» bleibt nun bis 4.30 Uhr unerträglich. Es wird geschrien, gesungen, mit Flaschen geworfen, gestritten, uriniert und freimütig gekotzt.

Der Tag danach

Eine Schar Tauben holt sich ihr Frühstück im Morgengrauen. Es gibt reichlich: Pommes, Pizza, Burger – mehr oder weniger vorverdaut. Die Schuhsohlen bleiben auf den Pflastersteinen kleben. Die sommerlichen Temperaturen tun bereits das ihre: Das ganze Quartier mieft stark nach schmierigem Asphalt, schalem Bier, Alkohol- und Essensresten, Urin sowie einem gigantischen Aschenbecher. Eine private Reinigungsfirma sammelt die Abfalleimer ein – finanziert durch die Beizen. Städtische Mitarbeiter müssen den Unrat aus den Hauseingängen und von den Fenstersimsen räumen. Sie alle schütteln ihre Köpfe: «Man sollte das mal liegen lassen.»

Sie finden: Manche Jugendliche machten sich einen Spass aus der Verunreinigung. Die Reinigung beginnt gegen sechs Uhr. Die Putzmaschine dreht bis fast neun Uhr Runden im Quartier. Nach eineinhalb Stunden Ruhe scheppert es dabei noch einmal so, dass der kurze Schlaf der Anwohner wieder endet.

Quartier erwartet ein klares Zeichen

«Die Situation bleibt inakzeptabel», sagt Alex Häusler, Hauseigentümer an der Engelgasse. «Wir erwarten, dass die Stadt den notwendigen Aufwand betreibt, um das Problem jetzt zu lösen. Entscheidend ist die personelle Präsenz der Polizei.» Falls nötig sei auch das Stadtparlament mit gesetzlichen Anpassungen gefragt. In den meisten Liegenschaften sind aktuell zwingend Wohnnutzungen vorgeschrieben. Gleichzeitig werden Lärmimmissionen toleriert, die die Mieter vertreiben.

«Das Ruhebedürfnis der Anwohner muss endlich respektiert und durchgesetzt werden», so Häusler. Die Besucherzahlen müssten wieder zurückgehen. «Im Bermuda-Dreieck braucht es wieder einen gesetzeskonformen Zustand. Personen ausserhalb der bewilligten Aussenflächen der Bars und Restaurants muss man wegweisen.»

  • Morgen des 20. Juni Bild: zVg
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  • «Lärm & Abfall verdienen keinen Respekt» Bild: Matilda Good
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  • Sankt Super frisch: Wunsch und Wirklichkeit Bild: zVg
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Die Partyexzesse bleiben Thema Nummer eins im Quartier. Anwohner, Gewerbe und Eigentümer in der nördlichen Altstadt erhoffen sich endlich eine realistische Beurteilung der Situation und wirksame Massnahmen. Dazu gehören: aktives und rasches Unterbinden von Musik, Littering-Bussen sowie die effektive Durchsetzung der Ruhe ab ein Uhr – mit dem notwendigen Personal.

Die Augustinergasse – eine reine Wohngasse ohne Bars und Geschäfte – muss abends wieder publikumsfrei werden. Zielgruppe der Massnahmen sind weder in erster Linie die Gastronomen noch die traditionellen Dreieck-Gäste. Die Massnahmen müssen sich gegen eine neue Klientel von Partygängern in den Gassen richten: sehr jung, sehr betrunken, sehr respektlos, mit aggressiven Neigungen.

Da sich das Abfall-Video vom Vorwochenende grosser Beliebtheit erfreute, sei hier ein neues vom 20. Juni nachgeschoben. Es zeigt: Mit Plakaten, Abfalleimern und spärlichen Patrouillen ist nichts gelöst.

*Namen der Redaktion bekannt.

TSP/stgallen24