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09.06.2021
09.06.2021 09:40 Uhr

Impfdiskussion: Wenn sich Kinder und Eltern uneinig sind

Bild: pexels/symbolbild/karolina grabowska
Die Impfung gegen das Coronavirus ist langsam aber sicher auch für Kinder auf dem Vormarsch. Doch was ist, wenn die Eltern für eine Impfung sind und das Kind sich wehrt oder umgekehrt? Ein Rechtsexperte gibt Auskunft.

Lisa* lebt mit ihrer Mutter Yvonne* und Bruder Marc* in Altstätten. Zurzeit sorgt die Corona-Impfung für regelmässige Diskussionen im Familienrat. Der 16-jährige Marc sieht das locker und lässt sich impfen, sobald er kann, denn er möchte nicht eingeschränkt werden. Die Mutter ist mittlerweile geimpft. Nur die 17-jährige Lisa ist dagegen und möchte sich nicht impfen lassen. 

Doch wie ist das? Dürfen die Eltern ihre Kinder zu einer Spritze gegen ihren Willen zwingen? Und was ist, wenn sich Minderjährige impfen lassen möchten, aber die Eltern dagegen sind?

Diskussionen am Mittagstisch

Bei der Familie aus Altstätten gehen die Wogen regelmässig am Mittagstisch hoch, wenn es ums Thema Impfen und Corona geht. Mutter Yvonne war zunächst gegen die Impfung, hat aber mittlerweile den Piks gekriegt, weil sie Risikopatientin ist und im Altersheim arbeitet. Sie hat ihre Einstellung zum Thema geändert und fände es sinnvoll, wenn sich auch Tochter Lisa impfen würde.

Doch die 17-Jährige ist strickt dagegen: «Ich will mich nicht impfen lassen, da es meiner Meinung nach zu wenig ausgetestet ist und es gibt keine Studien zu möglichen Langzeitfolgen. Vor allem auch wegen dem Kinderwunsch, denn man weiss nicht, ob die Impfung einen unfruchtbar machen kann oder das Kind gesund auf die Welt kommt.»

Lisa wird noch im Juni volljährig und will sich dann erst recht nichts von der Mutter einreden lasen. Aber was ist mit einem Kind, dass nicht gerade mündig wird und die Eltern darauf bestehen, dass es sich impft? 

Urteilsfähigkeit massgebend

Der Schweizer Rechtsdienstleister «Ylex» hat für rheintal24 eine rechtliche Einschätzung gemacht. Massgebend sei die Urteilsfähigkeit eines Kindes diesbezüglich. Das heisst: Sobald das Kind die Tragweite des Eingriffs für seinen Körper abschätzen kann, könne und dürfe es selber darüber entscheiden, ob es sich impfen lassen möchte oder nicht.

«Die Schweizer Gesetzgebung sieht keine Altersgrenze für die Gewährung der Urteilsfähigkeit vor. Nebst dem Alter ist für die Beurteilung der Urteilsfähigkeit auch die Reife, die Auffassungsgabe, die Fähigkeit zu differenzieren sowie die mündliche Ausdrucksfähigkeit eines Kindes zu berücksichtigen. Die Urteilsfähigkeit des Kindes muss dabei von Fall zu Fall beurteilt werden, wobei auch dessen persönliche Situation zu berücksichtigen ist», so Ioannis Martinis, Mediensprecher von «Ylex». Mit der Einschätzung der Urteilsfähigkeit des Kindes entsteht dann das Arztgeheimnis. Eine medizinische Fachperson sei in einem solchen Fall nicht mehr verpflichtet und berechtigt, den Eltern ohne Einwilligung des Kindes Auskunft zu geben, ob sich ihr Kind impfen lassen hat oder nicht.

Rundschreiben des BAG

Das BAG sieht eine Impfung für Kinder vor. Doch wer entscheidet? Wie bereits im zweiten Absatz beschrieben, darf das urteilsfähige Kind entscheiden. Das Bundesamt für Gesundheit hat das Problem erkannt und ein Rundschreiben an das Gesundheitswesen gerichtet. Das BAG legt fest und schreibt: «Ausschlaggebend sei nicht das Alter des Kindes, sondern dessen Urteilsfähigkeit.» Das BAG stütze sich auf den Gesetzesartikel 16 im Zivilgesetzbuch.

«Urteilsfähig im Sinne dieses Gesetzes ist jede Person, der nicht wegen ihres Kindesalters, infolge geistiger Behinderung, psychischer Störung, Rausch oder ähnlicher Zustände die Fähigkeit mangelt, vernunftgemäss zu handeln.»
Art. 16 ZGB

Es gebe aber eine gewisse Vorbeurteilung nach Alter: So sei zu vermuten, dass Kinder ab 15 Jahren urteilsfähig seien. Dies könne aber auch schon bei Kindern ab 10 Jahren gegeben sein und so könne die Urteilsfähigkeit von 10 bis 15 Jahren nach und nach zugestanden werden, wie der Rechtsdienst erklärt.

Die Eltern können nichts gegen den Willen ihrer Kinder tun

Auch wenn es zum Streit unter dem trauten Heim führt – die Kinder können ab einem gewissen Alter selbst über die medizinische Behandlung bestimmen. «Sobald ein Kind betreffend den Impfentscheid urteilsfähig ist, kann es eine Impfung verweigern resp. sich gegen den Willen der Eltern einer Impfung unterziehen», sagt der Experte.

Auch andere Impfungen haben schon zu Streitigkeiten geführt. Im letzten Jahr musste das Bundesgericht über die Masernimpfung von mehreren minderjährigen Kindern entscheiden, da sich in jenen Fällen die Eltern nicht einig waren. Es kann dadurch auch dazu kommen, dass das Gericht in Zukunft über die Corona-Impfung für Kinder entscheiden muss. Gemäss BAG wird dieser Entscheid als Leitfaden für zukünftige Fälle genommen. Ob bei Covid-19 auch zugunsten des impfwilligen Elternteils entschieden wird, ist zurzeit nicht einschätzbar.

Die Entscheidung jedes einzelnen

Zurück zu Lisa: «Ich finde es mega wichtig, dass jeder selber über seinen Körper entscheiden kann. Sehr schade wäre eine Ausgrenzung der Ungeimpften. Man soll jeden mit seiner Entscheidung akzeptieren. Es soll keine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen. Das ist nicht der richtige Weg.»

*Namen auf Wunsch der Betroffenen durch die Redaktion geändert.

 

Désirée Gächter/rheintal24/stgallen24