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Stadt St. Gallen
16.06.2021
16.06.2021 15:37 Uhr

Stadt kündigt langjährigem Palace-Mieter

Der Künstler mietet bereits seit zwölf Jahren ein Atelier im Palace.
Der Künstler mietet bereits seit zwölf Jahren ein Atelier im Palace. Bild: Palace St.Gallen
Im Kulturhaus Palace in der Stadt St.Gallen wird einem Mieter Antisemitismus und Rassismus vorgeworfen. Die anderen Mieter forderten deshalb seine Kündigung – und die Stadt knickt ein.

Dicke Luft im Palace: Ein 69-jähriger Deutscher mietet im Gebäude an der Zwinglistrasse 3 ein Atelier – und das schon seit zwölf Jahren. Soweit, so unproblematisch. Schliesslich gilt das Palace als Ort der Kreativität und Toleranz. Doch was der Mann auf seine Leinwände pinselt und im Internet postet, geht den anderen Mietern deutlich gegen den Strich.

«Menschenverachtendes Gedankengut»

Er bezeichnet seine Bilder als «arische Kunst» und äusserte sich auf Facebook abschätzig gegenüber Juden und Migranten. Unter anderem teilt er Beiträge mit Titeln wie «Holocaust ist die schwärzeste Lüge der Geschichte». Per Zufall sei Jonas Huber gemeinsam mit zwei Kollegen, die eine Kommunikationsagentur im Palace betreiben, auf die Postings des Deutschen aufmerksam geworden, wie er gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» erzählt. Sie finden online noch mehr «menschenverachtendes, antisemitisches und rassistisches Gedankengut».

Huber informiert die restlichen Mieter und so schreiben sie im Dezember 2020 einen Brief an die damalige und heutige Stadtpräsidentin Maria Pappa. Eigentümer des Gebäudes ist die Stadt St.Gallen. Diese fordert eine Stellungnahme vom Mieter und droht mit der Kündigung des Mietvertrags. Der 69-Jährige nimmt in zehn Seiten Stellung und trifft sich im Februar mit dem heutigen Baudirektor Markus Buschor zu einer Unterredung.

Der Mieter hätte ihm glaubhaft darlegen können, dass er keine Werke mit «arischer Kunst» verfasse. Auch verneinte er, eine nationalsozialistische Gesinnung zu haben. Die Stadt verzichtete daraufhin auf eine Kündigung. 

«Das Vorgehen der Stadt ist befremdlich»

Dieser Entscheid war für die Mietparteien unverständlich und befremdlich, sagen sie gegenüber der Zeitung. Auch die Grabenhalle, die nur einige Meter vom Palace entfernt liegt, schreibt in einer Medienmitteilung:

«Wir stehen solidarisch mit dem Palace und den anderen Mieter:innen, die sich nicht mit den Aussagen des Künstlers abfinden wollen, welche die Grenze freier Meinungsäusserung längst überschritten haben und unverhohlen rassistisch und antisemitisch sind. Umso befremdlicher ist es für uns, dass die Stadt so lange zögert und zaudert. Schliesslich geht es auch um Glaubwürdigkeit. Eine Stadt, die sich immer wieder öffentlichkeitswirksam zu Vielfalt, zu gesellschaftlicher Offenheit bekennt, die Antirassismus-Kampagnen und Begegnungstageorganisiert und inszeniert, die sollte diesen Worten auch Taten folgen lassen und alle ihre Mittel nutzen, dagegen vorzugehen. Jede Ateliervergabe ist an Kriterien gebunden. Dass darin keine rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Inhalte verbreitet werden, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.»

Auch Staatsanwaltschaft ermittelt

Daraufhin haben die Mietparteien sich nochmals an Markus Buschor gewendet und ihm neue Postings, die der Deutsche auf Telegram publizierte, dargelegt. Darin soll er Joachim Löw als Juden und Gott als Satan bezeichnet haben. 

Die Stadt ging den neuen Vorwürfen nach und kündigte dem 69-Jährigen den Mietvertrag mit der Begründung die Mietersorgfaltspflichten verletzt zu haben, wie das «St.Galler Tagblatt» schreibt. Grund seien nicht die rassistischen Äusserungen gewesen, sondern mietrechtliche Verfehlungen des Mannes. Details verschweigt der Stadtrat.

Der Maler selbst zeigt sich auf Telegram empört über den Entscheid und schreibt, dass «ein Konglomerat aus vermeintlich Linken, Deutschenhassern und Menschenhassern im Verbund mit der Stadtregierung und der einzigen Tageszeitung des Kantons versucht, einen deutschen Künstler in den Tod zu jagen, um sich anschliessend gegenseitig die blutigen Hände in vermeintlicher Unschuld zu waschen.»

Nun hat auch noch die St.Galler Staatsanwaltschaft von Amtes wegen ein Verfahren eröffnet.  Ob sich der kritisierte Künstler strafbar gemacht hat, wird abgeklärt.

mik/stgallen24