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Kanton
14.04.2021

«St.Gallen muss attraktiver werden»

Bild: Linth24 / Web /freie Nutzung
Der Kanton St.Gallen hat bei der Standortqualität gegenüber anderen Landesteilen an Terrain verloren. Das zeigt eine neue Studie des Hauseigentümerverbands (HEV). Er fordert die Verbesserung der Erreichbarkeit, den Ausbau von Siedlungsflächen und bessere steuerliche Rahmenbedingungen.

«Die Kritik, welche der HEV Kanton St.Gallen im Rahmen der Vernehmlassung zum Richtplan (2016) und zur Gesamtverkehrsstrategie (2017) geäussert hatte, ist und war – im Lichte der nun vorliegenden Studienergebnisse – begründet», sagte Walter Locher, Präsdent des HEV Kanton St.Gallen zu Beginn der heutigen Medienorientierung. Zusammenfassend habe der Kanton St.Gallen im Bereich Erschliessung/Erreichbarkeit gegenüber anderen Landesteilen klar an Terrain verloren.

Das Reineinkommen liege deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt, der Abstand zu andere Schweizer Regionen in Sachen Attraktivität sei grösser geworden. Die hohe Steuerbelastung mindere die Attraktivität für Familien wie. Gleichzeitig fehle es in den Gemeinden an erforderlichen Siedlungs- und Arbeitsplatzreserven, welche Voraussetzung für eine aktive Wohnstandort- und Ansiedlungspolitik seien, so Locher weiter.

Rechts Patrick Dürr, Vize-Präsident HEV Kanton St.Gallen, in der Mitte Walter Locher, Präsident HEV Kanton St.Gallen und links Karl Güntzel, Vorstand und GL-Mitglied HEV Kanton St.Gallen. Bild: Matilda Good

Erhebliche Defizite bei Erreichbarkeit

In punkto Erreichbarkeit zeigen sich gemäss der Studie im gesamten Kanton St.Gallen erhebliche Defizite. Fahrzeiten beim motorisierten Individualverkehr (MIV) legen die teils starke Überlastung der Verkehrsinfrastruktur offen (Umfahrung Winterthur, Brüttisellerkreuz, Stadtautobahn St.Gallen, Agglomerationszentren Rapperswil-Jona und Wil, verschiedene Ortsdurchfahrten).

Auch bei der Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr fallen die Unterschiede in Bezug auf Fahrzeiten im Vergleich zu anderen Schweizer Regionen deutlich schlechter aus. «Gute Verbindungen wären ein wesentlicher Faktor, insbesondere etwa, um wissensbasierte Unternehmensdienstleistungen anzuziehen», erklärte HEV-Vizepräsident Patrick Dürr. Lichtblicke sind neue Bahnverbindungen nach Zürich und München. Es zeigt sich, dass das Bewertungssystem für die kantonale Gesamtverkehrsstrategie (GVS) klare Fehlentwicklungen fördert, da die Erreichbarkeit viel zu tief und ökologische und soziale Aspekte viel zu hoch gewertet werden.

Hohe Steuerbelastung für Familien

Das durchschnittliche Reineinkommen liegt im Kanton St. Gallen mit rund 78'000 Franken deutlich unter dem Schweizer Mittel von rund 87'700 Franken. Zudem hat sich dieser Unterschied seit 2009 vergrössert. Karl Güntzel, Vorstand und GL-Mitglied des HEV Kanton St.Gallen betonte: «Währendem in den meisten Gemeinden der Nachbarkantone die Steuerbelastung für einen Referenzhaushalt ‹Verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern› zwischen 2010 und 2018 gesunken ist, hat sich die Steuerbelastung in praktisch allen St.Galler Gemeinden erhöht. Insgesamt präsentiert sich die mittlere Steuerbelastung über alle Einkommensklassen hinweg, sowohl bei Familien wie bei Ledigen, im Kanton St.Gallen als vergleichsweise hoch.»

Bild: Pixabay

Zu kleine Siedlungsreserven

Die überwiegende Mehrheit der St.Galler Gemeinden weist gemäss der HEV-Studie zu kleine und teils deutlich zu kleine Siedlungsreserven auf. Dies trifft insbesondere auf Gemeinden in den Wahlkreisen Wil, St.Gallen, Rorschach zu sowie auf einzelne Gemeinden in den Wahlkreisen Sarganserland, Werdenberg und Rheintal. Die kantonale Raumplanung versage aber auch bei der Bereitstellung von Wirtschaftsflächen sowohl im Hightech-Bereich wie auch bei wissensbasierten Arbeitsplätzen. Walter Locher: «Wir sprechen hier sogar von einem Totalversagen.»

Eine kantonale Flächenpotenzialanalyse hat ergeben, dass die sofort verfügbaren und auch als marktfähig geltenden Flächen lediglich 6 % aller Arbeitsplatzpotenziale ausmachen. Ausgerechnet diese Flächen, die für die Wirtschaft attraktiv sind, haben sich seit 2011 mehr als halbiert. Nur geringe Anteile der vorhandenen Arbeitsplatzpotenziale erfüllen die notwendigen Qualitäten, um den Standortanforderung für wissensintensive Dienstleistungsunternehmen (inkl. ICT) oder technologieintensive Produktion / Präzisionstechnologien gerecht zu werden.

Ebenso knapp sind die passenden Arbeitsplatzpotenziale für die industrielle Massenproduktion oder grössere Dienstleistungsunternehmen bzw. Verwaltungs− und Hauptsitze. Berücksichtigt man zusätzlich die zeitliche Verfügbarkeit wird klar, dass im Bereich des Flächenbedarfs für Arbeitsplatzpotentiale grosser Handlungsbedarf besteht, ist man beim HEV Kanton St.Gallen überzeugt.

Bild: zVg

Massnahmen rasch einleiten

Entsprechend fordert der Verband, dass umfassende Massnahmen ergriffen werden, damit die zahlreichen Handlungsfelder adressiert werden können. Der Wohn- und Wirtschaftsstandort Kanton St.Gallen müsse – insbesondere auch im Hinblick auf die Folgen der anhaltenden Covid19- Pandemie – wieder auf seine Erfolgsspur geführt werden.

Im Rahmen der April-Session 2021 werden deshalb zwei parlamentarische Vorstösse eingereicht, welche die Themen Erreichbarkeit sowie Siedlungsreserven gezielt adressieren. Verschiedene Sektionen führen derzeit zudem regionale Vertiefungen der kantonalen Studie durch, damit die Umsetzung des neuen kantonalen Planungs- und Baugesetzes im Rahmen der kommunalen Revisionen von Bau- und Zonenordnungen eng begleitet werden können.

«Wir sind alle daran interessiert, dass unser Kanton prosperiert. Helfen Sie uns also, unseren Kanton aufzuwecken», so Karl Güntzel abschliessend.

stgallen24/pas