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Gesundheit
10.03.2021
11.03.2021 11:47 Uhr

«Der Task-Force fehlt der Blick aufs Ganze»

Dr. med. Daniel Holtz, Initiant der «Ärzte mit Blick aufs Ganze», fordert zusammen mit 112 Ärzten vom Bundesrat eine breiter ausgelegte Corona-Strategie und Korrekturen von SWISSMEDIC.
Dr. med. Daniel Holtz, Initiant der «Ärzte mit Blick aufs Ganze», fordert zusammen mit 112 Ärzten vom Bundesrat eine breiter ausgelegte Corona-Strategie und Korrekturen von SWISSMEDIC. Bild: Linth24
112 «Ärzte mit Blick aufs Ganze» kritisieren das Bundesrats-Regime gegen Corona. Inititiant Daniel Holtz erklärt, was falsch läuft und was zu tun wäre.

Daniel Holtz, in einem offenen Brief an den Bundesrat forderten 112 Ärzte im Namen der Organisation «Ärzte mit Blick aufs Ganze» (AMBAG) eine breiter ausgelegte, effizientere Covid-Gegenstrategie. Die Vorschläge reichen von Impfanreizen über schnelle Lockdown-Lockerungen bis zu ethischen Fragen. Den Brief haben die Ärzte vor drei Wochen geschrieben. Was geschah seither?

Von Seiten Bundesrat nichts. Er zieht sein Regime bisher weiterhin durch. Die Bevölkerung ist verängstigt und viele leiden unnötig. Gehört haben wir Ärzte ausser vom Departement für Finanzen vom Bundesrat nichts.

Um was geht es der Ärzte-Organisation?

Wir unterbreiten zehn Vorschläge, basierend auf einem Fünfsäulen-Konzept, welches wir dem viel zu schmalspurigen Zweisäulen-Konzept des Bundesrates entgegenstellen. Alle unsere Vorschläge hängen zusammen. Es ist das ganze Bündel, das uns voranbringt.

Was heisst Zweisäulen- und Fünfsäulen-Konzept?

Der Bundesrat setzt praktisch nur auf Impfung und Lockdowns. Wir dagegen fordern die Erweiterung um die drei Säulen «gezielte Entlastung der Spitäler», «Vorsorgliche Einarbeitung von Pflege- und Hilfspflegepersonal» sowie «ein anderes Verhältnis zu Sterben und Tod». Lockdowns würden damit weit weniger einschneidend ausfallen oder ganz entfallen.

Die erste Massnahme Ihrer Ärzteorganisation lautet: Impfanreize schaffen. Aber es fehlt an Impfstoffen. 

Die Vorbereitung des Bundesrates in Sachen Impfen war mangelhaft. Nun gilt es, darauf zu reagieren und auch Nicht-mRNA-Impfstoffe anzubieten. Zudem schlagen wir vor, dass Menschen mit durchgemachter Covid-Infektion und Geimpfte, bei welchen die Antikörper positiv sind, eine «Greencard» erhalten und keine Maske mehr tragen müssen. Das würde die Impfmuffel dazu bringen, sich impfen zu lassen. Nicht-Geimpfte sollen aber genau gleich wie die Antikörper-Positiven ins Restaurant und ins Kino gehen dürfen, aber mit Maske.

Sie wollen die Belastung der Akutspitäler reduzieren. Waren die Schweizer Spitäler je überlastet? 

Sie kamen nur in seltenen Fällen und lokal an ihre Grenzen. Überlastungen gab es praktisch keine. Dies, weil zeitlich nicht dringliche Eingriffe massiv zurückgefahren wurden. Bezüglich Spital-Strategie schlägt AMBAG vor, die Zahl hospitalisationsbedürftiger Patienten durch Medikamenten-Einsatz im Frühstadium so zu senken, dass die Spitäler wieder normal arbeiten können. Vor diesem Hintergrund erachten wir es als unerhört, dass SWISSMEDIC ein von Prof. Paul R. Vogt vom Universitätsspital Zürich eingereichtes Studien-Protokoll zur Prüfung solcher Medikamente mit fadenscheinigen Argumenten ablehnte. AMBAG erwartet von SWISSMEDIC eine Korrektur.

Was sagen Sie zum Mangel an Pflegepersonal?

AMBAG empfiehlt Personalengpässen in den Spitälern und bei der Spitex nicht mit Feuerwehrübungen, sondern nachhaltig durch systematische Anwerbung und vorsorgliche Einarbeitung von ehemaligem Pflegepersonal, mit Aufstockung der Sanitätstruppen und der Schaffung eines neuen Typs von Sanitätssoldaten, dem «Sanitätssoldat Zivilspital», zu begegnen.

Und wie soll dies umgesetzt werden?

Der Bund soll in den Medien ehemaliges Fachpersonal anwerben. Dessen Einführung soll dann dezentral, in den Spitälern, für welche das Personal vorgesehen ist, erfolgen.

Und der «Sanitätssoldat Zivilspital»: Militär in den Spitälern, gibt es da keinen Widerstand?

Angesichts der immensen Schäden, welche die Pandemie anrichtet, darf nüchtern darüber nachgedacht werden, was unsere Armee zur Meisterung der Krise beitragen kann.

Haben Sie Vorstellungen zu diesem speziellen Sanitätssoldaten?

Voraussetzung für eine Ausbildung zum «Sanitätssoldat Zivilspital» wären ein Eignungstests und die Bereitschaft, Militär mit zusätzlichen Diensttagen zu leisten. Wir gehen davon aus, dass es genügend junge Menschen gibt, die sich für diesen sinnreichen Dienst an der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

In ihrem Brief forderten sie schon Mitte Februar die Öffnung von Restaurants und Läden auf den 1. März. Haben Sie keine Angst vor der Ausweitung der Pandemie?

Alle Zahlen verlaufen seit längerem günstig, auch wenn es immer wieder Ausschläge gibt. Damit müssen wir aber ohne immer in Panik zu verfallen leben lernen, denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann das Virus nicht ausgerottet werden. Zudem dürfen die Szenarien, die der Bundesrat für seine Entscheide heranzieht, in Frage gestellt werden. In der ersten Welle prophezeite man 30'000 bis 100'000, ja sogar 200’000 Tote in wenigen Wochen. Jetzt sind wir bei 9'000. Sehr viele von ihnen sind mit und nicht wegen Corona verstorben. Und die meisten waren hochbetagt und litten an mehreren Erkrankungen. Ein sofort beginnendes und eng gestaffeltes Herunterfahren aller Lockdown-Massnahmen ist also mehr als angezeigt.

Sie fordern vom Bundesrat auch das Anstossen einer Diskussion über das Tabu-Thema «Sterben und Tod». Ist das eine Aufgabe des Bundesrats? 

Er könnte die Diskussion in solchen Fragen anstossen und forcieren. Wir hinken in diesem Thema gegenüber Ländern, wie z.B. Holland, eh weit hinterher. Allenfalls könnte dazu eine Arbeitsgruppe in der Taskforce des Bundesrates geschaffen werden.               

Sie fordern auch eine neue, breiter aufgestellte Taskforce. Warum?

Den Mitgliedern der heutigen Task Force mangelt es am Blick fürs Ganze und am Geschick, wie man die Bevölkerung für das wirklich Wichtige wie das Testen und Impfen bei der Stange hält. Man denke nur daran, dass die Taskforce dem Bundesrat während der ersten Corona-Welle zu einem Spitalbesuchsverbot selbst bei Sterbenden geraten hat. Man stelle sich vor: Menschen im Sterben, ohne dass Ihnen jemand die Hand hält! Wo ist da die Verhältnismässigkeit, der Blick aufs Ganze, die Menschlichkeit? Hier fehlten Hausärzte, Heimleiter, Lehrer, Unternehmer und Geistliche, die den Bundesrat differenzierter beraten hätten.

Sind die Menschen langsam müde, glauben Sie überhaupt noch an dem Bundesrat?

Als Arzt erlebe ich täglich, wie Viele, die bislang stramm hinter dem Bundesrat standen, heute viele Massnahmen nicht mehr nachvollziehen können und von Machtdemonstration und Schikanen sprechen.

Gibt es noch andere wichtige Schritte, die AMBAG vom Bundesrat fordert?

Das Öffnen der Hochschulen und Unis mit gemischtem Präsenz- und Fernunterricht. Es ist wichtig, endlich etwas für die junge Generation zu tun. Diese ist seit einem ganzen Jahr mustergültig solidarisch mit den älteren Menschen. Kein einziger Studenten-Protest gegen die unhaltbare komplette Schliessung dieser Lehrstätten!

In der Aargauer Zeitung stand, der Unterzeichner und Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Aargau, Dr. Jürg Lareida, habe seine Unterschrift zu den Forderungen von AMBAG nicht gegeben. Was geschah da? 

Dr. Lareida war bei der Ausarbeitung des Briefs in unserer Kerngruppe dabei. Nicht als Präsident der kantonalen Ärztegesellschaft, sondern als Facharzt mit Spezialarztpraxis, was er in erster Linie ist. Er hat sich, wie andere auch, kritisch gegen einige Vorschläge geäussert. Im Rahmen der Differenzbereinigung konnten aber natürlich nicht alle Vorbehalte berücksichtigt werden. Die letzte Version des Briefs wurde nochmals allen Mitgliedern der Kerngruppe zugestellt, verbunden mit der Mitteilung, ohne Gegenbericht liege das Einverständnis vor. Dr. Lareida hat keine Rückmeldung gemacht, weil er die Mail übersehen hat. Auf der definitiven Liste der Unterzeichner wird Dr. Lareida selbstverständlich nicht mehr erscheinen.

 

 

 

Bruno Hug, linth 24