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Stadt St. Gallen
28.02.2021
01.03.2021 08:54 Uhr

Verhüllungsverbot: Ja oder Nein?

Wie stimmen Sie ab? Bild: Illustration von Markos Braham Koc für stgallen24
Am 7. März stimmen wir über das Verhüllungsverbot in der Schweiz ab. Miryam Koc, leitende Redaktorin von stgallen24, und Stephan Ziegler, Chefredaktor der MetroComm AG, haben dazu unterschiedliche Meinungen.

Die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» verlangt, dass in der Schweiz niemand sein Gesicht verhüllen darf. Diese Vorschrift würde an allen öffentlich zugänglichen Orten gelten. Bundesrat und Parlament stellen der Initiative einen indirekten Gegenvorschlag gegenüber. Dieser verlangt, dass Personen den Behörden ihr Gesicht zeigen müssen, wenn es für die Identifizierung notwendig ist.

Verhüllungsverbot: Ja oder Nein?

Miryam Koc, leitende Redaktorin von stgallen24, und Stephan Ziegler, Chefredaktor der MetroComm AG, nehmen Stellung.

Pro:

Mir fällt es schwer, ein Argument zu finden, dass gegen ein Verhüllungsverbot spricht – wer nichts zu verbergen hat, zeigt in der Schweiz sein Gesicht. Punkt. Darum ist mir die ganze Diskussion darüber suspekt; wie kann man ernsthaft dagegen sein?

Das dümmste Argument, das ich in diesem Zusammenhang gehört habe: «Ich lehne die Initiative ab, weil sie von der SVP kommt.» Eigentlich hätten Feministinnen ja schon längst eine ähnlich lautende Initiative vors Volk bringen müssen, denn Frauenrechte beinhalten auch, dass niemand sich verhüllen muss, nur weil ein Mann oder eine Glaubensgemeinschaft es so verlangt.

Weil es die Frauenrechtlerinnen aber versäumt haben, selbst aktiv zu werden, kommt nun die SVP mit der Initiative an – und bringt damit die Feministinnen in ein Dilemma: Eigentlich wäre man ja für den Schutz der Frau, aber wenn es aus der rechten Ecke kommt ... Damit machen sie sich zu Dienerinnen von Fanatikern, die eine Frau als ihr Eigentum betrachten, das niemand anders sehen darf; zum Objekt, das sich einem – männlichen – Willen unterzuordnen hat.

Denn viele Musliminnen verhüllen sich nur aus Angst – entweder vor dem eigenen Mann, der physische oder psychische Konsequenzen androht, direkt oder indirekt, sollte sie sich nicht seinem Willen fügen. Oder aus Angst vor der Familie oder der Gemeinschaft, aus der sie mehr oder weniger subtil ausgegrenzt würde, sollte sie sich nicht züchtig verhüllen. Freiwillig wird sich kaum jemand diesen Zwang antun, auch wenn hin und wieder das Gegenteil behauptet wird. Der gesunde Menschenverstand lässt hier wenig Interpretationsspielraum zu.

Daneben wird auch argumentiert, eine Kleidervorschrift gehöre nicht in die Verfassung. Damit wird der Verhüllungszwang für Musliminnen zur Kleiderfrage verharmlost. Es geht hier aber nicht um eine Kleiderfrage, sondern darum, ob wir tolerieren wollen, dass totalitäre Gedanken – seien sie religiös oder politisch motiviert – ihren Ausdruck darin finden dürfen, sich hinter einem Stück Stoff zu verstecken.

Das dritte Scheinargument dagegen ist, es würde ja nur ganz wenige betreffen, die meisten Musliminnen würden sich nicht verhüllen. Stimmt – zurzeit: Wenn wir hier aber die Zügel schleifen lassen und den Anfängen nicht entgegentreten, wird es auch in Teilen der Schweiz bald aussehen wie in den französischen Banlieus. Die Franzosen haben (zu) lange gedacht, das Problem beträfe nur eine verschwindende Minderheit. Und nun haben sie den Salat; ganze Vorstädte sind inzwischen in den Händen der Islamisten – weil ihnen niemand Grenzen gesetzt und gesagt hat: Bei uns nicht!

Dazu haben wir am 7. März die Gelegenheit.

Stephan Ziegler

Contra:

Mein erster Impuls war der gleiche: Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau freiwillig ihren ganzen Körper unter schwarzen Stoff verstecken möchte. Das muss erzwungen sein, und die Feministin in mir schrie: «Befreit sie!» Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich Menschen die Augäpfel tattoowieren lassen oder freiwillig nach Zürich ziehen, aber auch das gibt's!

Um jetzt mal die romantisierte Vorstellung der Befürworter zu nehmen: Ich glaube nicht, dass wir Frauen vor Unterdrückung, Unterordnung und Sexualisierung mit einem Verhüllungsverbot werden retten können. Im Gegenteil: Die Praxis zeigt, dass sich diese Frauen dann nicht mehr in den öffentlichen Raum begeben und damit noch weiter in die Isolation getrieben werden. Die Initiative versteckt sich hinter Scheinargumentationen, aber will vor allem eines: die Angst vor dem Unbekannten schüren und Stereotype fördern.

Verbote sollten doch vor Gefahren schützen; allerdings kann ich mich an keine angsteinflössende  Burkaträgerin in der Schweiz erinnern - und Google spuckt auch nichts dazu aus. Ein konstruiertes Problem also? Könnte man meinen, wenn man sich diese Zahlen anschaut: Laut einer neuen Studie von Andreas Tunger-Zanetti, Leiter des Zentrums für Religionsforschung an der Uni Luzern, tragen etwa 20 bis 30 Frauen in der Schweiz eine Burka oder einen Nikab. Der Kanton Tessin hat ein Verhüllungsverbot seit 2016: In dieser Zeit registrierten die Behörden 60 Verstösse. In 28 Fällen handelte es sich um Burka- oder Nikabträgerinnen, in den restlichen 32 Fällen um vermummte Eishockey- und Fussballfans. In St.Gallen, wo es das Verbot seit zwei Jahren gibt, wurde bislang keine einzige Frau wegen Verschleierung gebüsst oder angezeigt.

Die meisten Frauen, die einen Nikab in der Schweiz tragen, sind übrigens Konvertitinnen, die sich aus freiwilligen Stücken dem Islam verschrieben haben. Frauen, die aus einem modernen Umfeld, ja vielleicht sogar aus einer Schweizer Familie kommen - denn die allermeisten Musliminnen lehnen den Nikab ab. Dies bestätigt auch die französische Soziologin Agnès De Féo, die seit 15 Jahren zum Thema Vollverschleierung forscht, und Hunderte Frauen mit Nikab begleitet hat. In Frankreich führte die Verbotsdiskussion übrigens zu einem Nikab-Boom, denn das Verbot (seit 2010) hatte einen Anreizeffekt geschaffen - und viele Frauen fühlten sich dazu berufen, ihren Glauben noch offensiver auszuleben.

Ein anderer Punkt, den ich in dieser Debatte sehr grotesk finde: Weshalb geht man nicht auf die Männer los? Weshalb verbietet man nicht die salafistischen Vollbärte und die langen, weissen Gewänder, wenn diese religiösen Symbole so bedrohlich sind? Sind es nicht die Männer mit giftigem Gedankengut, vor denen wir unterdrückte Frauen schützen müssen? Sind es nicht Männer, die sich auf Konzerten in die Luft sprengen oder mit einem Lastwagen in Menschenmengen rasen? 

Ich wette mit Ihnen, keiner der Initianten hat sich jemals mit einer Nikab-Trägerin unterhalten, aber vielleicht hat man auch einfach keine finden können…

Miryam Koc

stgallen24