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Stadt St. Gallen
28.02.2021
01.03.2021 00:22 Uhr

Ein St.Galler kämpft in Marignano

In der Schlacht von Marignano starben 12 000 bis 14 000 Menschen – mehrheitlich Eidgenossen. Bild: Unbekannter Künstler
Im September 2020 hat sich die Schlacht von Marignano zum 505. Mal gejährt. Mit dabei war der St.Galler Söldner Niklaus Guldi.

Über die Bedeutung dieser Niederlage der Eidgenossen für die Schweiz wird viel gestritten. Aus Sicht der Wirtschafts- und Sozialhistoriker ist ein anderer Aspekt interessanter, nämlich Leben und Alltag derjenigen, die als einfache Soldaten in fremden Heeren kämpften. Niklaus Guldi aus St.Gallen war einer davon.

Er kämpfte 1535 in der Schlacht von Tunis im Heer von Kaiser Karl V. gegen die Osmanen. Davon berichtet er in einem langen Brief an Vadian. Guldis Aufzeichnungen bieten Einblick in ein Leben geprägt von Ausweglosigkeit, Reisestrapazen, Hunger und Krankheit, aber auch von Abenteuerlust, Siegestaumel und Kriegsbeute.

Gedenkbild "zu Ehren und zum Ruhme Seiner Allerchristlichsten Majestät Franz von Angoulême, König von Frankreich, und der erlauchten Republik Venedig". In Venedig gedruckter Monumentalholzschnitt von Giovanni Andrea Vavassore, um 1515. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Angeworben im Südtirol, zog Guldi gemeinsam mit Hunderten anderer Soldaten nach La Spezia. Begleitet wurden sie von einem Tross aus Frauen und Kindern, Händlern und Gauklern, Prostituierten und Lastenschleppern. Auf den Schiffen lebte man zusammengepfercht auf engem Raum, ansteckende Krankheiten verbreiteten sich in Windeseile.

Über Sardinien und Sizilien erreichte die Flotte Tunis. In verlustreichen Kämpfen eroberten die kaiserlichen Truppen die Stadt. Nach der Schlacht plünderten marodierende Söldnertruppen die Stadt – eine willkommene Ergänzung zum knappen Sold.

Der Kaiser liess sich auf seinem Feldzug von holländischen Künstlern begleiten, die – wie Kriegsfotografen heute – das Geschehen in Zeichnungen festhielten. Daraus fertigte der kaiserliche Hoftapessier dekorative Wandteppiche. Bild: Der Tunis-Feldzug Karls V. (Ausschnitt), 7. Tappisserie, Patrimonio Nacional, Madrid, Inv. Nr. A 227-6203

Niklaus Guldi beschreibt nicht nur das grausame Schlachtgeschehen, sondern auch Land und Leute. Aus der Leinwandstadt St.Gallen herkommend, fällt ihm auf, dass in Tunis Umgebung Flachs angebaut und zu Leinen verarbeitet wird. Guldi schätzt, dass die Produktion vor Ort nicht allen Bedarf abdecken kann. Er nimmt an, dass Leinwand aus St.Gallen bis nach Tunis exportiert wird.

Tatsächlich war St.Galler Leinwand im 16. Jahrhundert ein fast ebenso wichtiges Exportgut wie Söldner und wurde sogar im Orient gehandelt.

Joachim von Watt (1484-1551), genannt Vadian, war von 1526 bis 1551 im üblichen Dreijahresturnus Bürgermeister, Altbürgermeister und Reichsvogt von St.Gallen. Dass Niklaus Guldi dem höchsten St.Galler per Brief ausführlich vom Feldzug berichtete, entsprach vermutlich dem Wunsch Vadians. Denn Vadian erhielt auffällig viele Briefe aus ganz Europa von Freunden, Bekannten und Verwandten, die ihn über das aktuelle Zeitgeschehen informierten. Bild: Historisches und Völkerkunde Museum St.Gallen, Inv. Nr. 13495

Die Schlacht von Marignano

Am 13. und 14.9.1515 standen sich die Truppen des franz. Königs Franz I. und die das Herzogtum Mailand verteidigenden Eidgenossen gegenüber. Hzg. Massimiliano Sforza, dem die Eidgenossen ihren Schutz zugesichert hatten, war zudem mit Papst Leo X. und Ks. Maximilian I. verbündet. Im Herbst 1515 befanden sich 40'000-50'000 Mann der Verbündeten in Norditalien, die aber nicht alle an der Schlacht von M. teilnahmen. Franz I. überquerte die Alpen mit 30'000 Fusssoldaten und Bogenschützen, mit Reiterei und einer starken Artillerie (72 schwere Kanonen, 200-300 leichte Geschütze) auf dem schwierigen Weg durch das Tal der Durance und über den Col d'Argentière. Die 20'000 eidg. Infanteristen, die ihn in Pinerolo und in Susa erwartet hatten, zogen sich nach Mailand zurück. Der König stiess in Richtung M. vor und traf 16 km südöstlich der Stadt auf die mit ihm verbündete Armee Venedigs.

Unter diesen Bedingungen war ein Teil der eidg. Hauptleute, namentlich die Berner, Solothurner und Freiburger, zu Verhandlungen bereit. Am 8. Sept. unterzeichneten sie mit Franz I. den Vertrag von Gallarate, der Frieden und die Zahlung einer Million Kronen an die Eidgenossen in Aussicht stellte. Der Vertrag wurde jedoch nicht von allen anerkannt, insbesondere die Urner, Schwyzer und Glarner waren dagegen. Am 13. Sept. stürmte eine Söldnertruppe, angestachelt von Kardinal Matthäus Schiner, Richtung M. Die Vorhut, eine Elitetruppe von rund tausend Büchsenschützen, hatte um 17 Uhr Feindberührung, aber es gelang den Eidgenossen nicht, sich der franz. Artillerie zu bemächtigen. Am 14. Sept. richtete diese bei Tagesanbruch in den Schlachthaufen der Eidgenossen, die wieder zum Sturm übergangen waren, ein Blutbad an. Nachdem die Eidgenossen zurückgewichen waren, starteten sie einen neuen Angriff, der siegreich hätte sein können, wenn nicht im Verlaufe des Morgens 12'000 Mann Verstärkung der Republik Venedig angekommen wären. Die Eidgenossen zogen sich nach Mailand zurück. Die Schlacht verursachte den Verlust von 5'000-8'000 Mann auf der Seite des Königs und von 9'000-10'000 eidg. Söldnern, nahezu der Hälfte der angeworbenen Kontingente.

Die Eidgenossen, die vorzugsweise im Schlachthaufen kämpften, wurden durch die Artillerie und die Ankunft der Venezianer besiegt. Ihre Hauptschwäche bestand in ihrem kollektiven Führungssystem und in der mangelnden Disziplin auf allen Stufen. 1515 hatte die Tagsatzung den Hauptleuten die Kompetenz erteilt, den Feldzug fortzusetzen oder Frieden zu schliessen. Sie hatte entschieden, dass zwei von den Kontingenten gewählte Oberbefehlshaber zusammen mit den andern Hauptleuten und den Vertretern der Gemeinden (Vollversammlungen der Söldner eines jeden Orts) das Kommando auszuüben hätten. Jeder Ort besass eine Stimme in diesem Kriegsrat, aber die Beschlüsse wurden von der Gemeinde gefasst. Am 13. Sept. hatten die Hauptleute den Vertrag von Gallarate einhalten wollen, doch die Gemeinden der Inner- und der Ostschweiz hatten sich in der Hoffnung auf Beute für die Schlacht entschieden.

Nach M. gaben die eidg. Orte ihre Expansionspolitik auf. Im Nov. 1516 schloss Franz I. mit ihnen einen Ewigen Frieden, der ein Bündnis sowie die Bereitstellung von eidg. Regimentern für Frankreich vorsah. Dieses polit.-militär. System hatte bis zur Franz. Revolution Bestand.

(Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz)

Der französische König Franz I. wird noch auf dem Schlachtfeld vom Chevalier de Bayard zum Ritter geschlagen Bild: Unbekannter Künstler
Rezia Krauer, Leiterin Forschungsstelle Vadianische Sammlung der Ortsbürgergemeinde