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Stadt St. Gallen
24.02.2021
01.03.2021 11:32 Uhr

Bar kämpft ums Überleben – Bauamt bleibt hart

Die bunten Stühle im «Vibez» passen nicht zum St.Galler Stadtbild, so das Amt für Baubewilligungen. Bild: zVg
Die St.Galler Bar «Vibez» steckt tief in den Corona-Schulden. Als wäre das nicht genug, klopft nun auch das Bauamt an und verbietet unter anderem farbige Stühle im Garten. Die Empörung auf Social Media ist gross.

Sebastian Amiel ist Inhaber vom «Vibez», der ersten Bar in der Stadt St.Gallen, die neben Drinks und Snacks auch CBD verkauft. Vor Corona war die Bar immer sehr gut besucht, an den Wochenenden drängten sich die Gäste dicht aneinander und warteten darauf, vom Barkeeper gesehen zu werden. Doch seit Monaten ist es still im und um das «Vibez» an der Brühlgasse 19.  Am Montag meldete sich Inhaber Sebastian Amiel auf Instagram zu Wort, machte auf die finanzielle Notlage der CBD-Bar aufmerksam und startete ein Crowdfunding-Aktion. 

Keine finanzielle Untersützung

«Im Moment haben wir offene Rechnungen im Wert von 24'000 Franken. Wir können zurzeit keine Miete, keine Versicherungen und keine Lieferanten bezahlen. Wie auch? Wir haben ja gar keine Einnahmen», sagt der 29-Jährige zu stgallen24. Im ersten Lockdown habe man noch Kurzarbeitsentschädigung erhalten, aber seit dem Sommer gehe gar nichts mehr.

«Wir mussten unser Personal aufstocken, weil nach den ersten Lockerungen sehr viel los war. Deshalb konnten wir keine Kurzarbeit beantragen.» Das Hilfegesuch für Härtefälle sei zwar eingereicht, aber eine Antwort hätte man noch nicht erhalten. «Andere Bar-Betriebe wurden abgewiesen. Da es uns erst seit zwei Jahren gibt, gehen wir wohl nicht als Härtefall durch.»

  • Bunte und knallige Stühle würden nicht ins Stadtbild passen. Bild: zVg
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  • Auch dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Bild: zVg
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«Stühle passen nicht ins Stadtbild»

Als wäre das nicht genug, klingelte vor einigen Tagen auch das Amt für Baubewilligungen bei Sebastian Amiel. «Eigentliche wollte ich einen überwachsenen Garten machen, damit wir bald wenigstens die Terrasse öffnen können, und habe Visualisierungen davon vorgelegt. Sie haben jedoch alles abgelehnt. Auch die farbigen Stühle dürfen wir nur noch diesen Sommer aufstellen, danach müsse eine andere Lösung her. Grund dafür sei, dass sie nicht zum konservativen St.Galler Stadtbild passen. Diese Aussage hat mich schockiert», erzählt der 29-Jährige.  

Empörung auf Social Media

Auch eine kleine Hütte, die laut Amiel 18 Jahre lang im Garten stand, musste auf Anordnung des Bauamtes entfernt werden – und den hinteren Teil darf Amiel gar nicht mehr bestuhlen. Der Barbetreiber fühlt sich schikaniert und teilt seine Unmut auf Instagram. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten; die User zeigen sich empört über die Anordnungen des Bauamtes: «Das St.Galler Bauamt ist eine Katastrophe. Von wegen, die Stühle passen nicht ins Stadtbild!», schreibt eine Userin. Ein anderer findet noch klarere Worte: «Traurig, wie die Stadt St.Gallen handelt. In einer Krise sollte man zusammenhalten und nicht noch mehr Hass verbreiten.»

Bauamt beruft sich auf Statut von 1929

stgallen24 hat beim St.Galler Amt für Baubewilligungen nachgefragt: «Der Aussenbereich der Bar Vibez liegt am östlichen Rand der Altstadt. Die Altstadt gehört zu einem der wichtigsten geschützten Ortsbilder in der Stadt St.Gallen. Hier gelten hohe denkmalpflegerische Anforderungen, wovon auch der sogenannte Grabengarten (Aussenbereich Vibez) betroffen ist. Neben den Vorschriften in der städtischen Bauordnung gilt im Grabengarten das Grabengartenstatut aus dem Jahr 1929. Somit hat sich das Mobiliar in Form und Farbe ins Ortsbild einzufügen. Knallige und überdurchschnittlich bunte Farben erfüllen erfahrungsgemäss diese Vorgabe kaum. Die bereits vorhandenen farbigen Sitzmöglichkeiten können im gedeckten Bereich jedoch weiterhin verwendet werden», sagt Diensstellenleiter Ivan Furlan.

Flugaufnahmen würden Grünraum zeigen

Mit Bedauern sagt Sebastian Amiel, dass er seine kleine Hütte und das Graffiti, an dem ihm sehr viel liege, wegmachen müsse. Das Bauamt begründet seinen Entscheid so: «Die Lage in der Altstadt hat im Übrigen zur Folge, dass sämtliche gestalterischen Eingriffe im Aussenbereich der Baubewilligungspflicht unterliegen. Wie der Innenbereich jedoch gestaltet wird, ist dem jeweiligen Betreiber überlassen.»

Amiel dürfte laut dem Bauamt den ganzen Garten gar nicht benutzen, da er keine Bewilligung habe, um da zu wirten. Nun muss der Barbesitzer eine Bewilligung für die eine Hälfte des Gartens einholen. «Grundsätzlich ist festzuhalten, dass für die Restauration im Aussenbereich formell nie eine Baubewilligung erteilt wurde. Flugaufnahmen zeigen den fraglichen Aussenbereich bis mindestens in das Jahr 2011 als Grünraum ohne Nutzung. Eine Flugaufnahme aus dem Jahr 2014 zeigt, dass der Aussenbereich teilweise befestigt war. Und gemäss Flugbild aus dem Jahr 2018 war der gesamte Bereich wieder als Grünfläche zurückgebaut», so Furlan.

  • Die kleine Hütte musste auch abgebaut werden. Bild: Matilda Good
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  • Der Kiselsteinplatz wurde 18 Jahre mitbenutzt. Nun wurde es verboten. Bild: Matilda Good
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  • Die Stühle die «zu farbig» sind um sie aufzustellen. Bild: Matilda Good
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  • Hier hätte der überwachsene Garten enstehen sollen. Bild: Matilda Good
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Kein Mitgefühl von der Stadt?

Für den Barbetreiber und seine Gäste ist die Handhabung der Stadt unverständlich. Man zeigt sich darüber schockiert, wie wenig Mitgefühl sie in der schwierigen Zeit aufbringt.

«Die Stadt ist sich der besonderen Situation für die Gastronomen durchaus bewusst. Sie bietet deshalb auch proaktiv gewisse Erleichterungen an, wie zum Beispiel das Aufstellen von mobilen Bauten und Anlagen ohne Bewilligung von Januar bis März und von Oktober bis Dezember in diesem Jahr. In Bezug auf die Situation der Vibez-Bar wurde ebenfalls bereits eine Übergangslösung diskutiert: So kann für die anstehende Sommersaison die bis anhin genutzte Kiesfläche auch ohne Bewilligung weiterhin in Anspruch genommen werden. In Bezug auf die kommenden Jahre steht Herr Amiel mit dem Amt für Baubewilligungen in Kontakt, um eine bewilligungsfähige Lösung gemeinsam zu suchen», sagt Diensstellenleiter Ivan Furlan.

Grosse Solidarität von den Gästen

Sebastian Amiel fühlt sich im trotzdem im Stich gelassen und sorgt sich um die Zukunft seiner geliebten Bar: «Wir können nichts für diese Situation, es geht allen Gastrobetrieben gleich. Bars und Clubs können nicht einmal Take-Away anbieten.» Einen Mieterlass vom Vermieter gab es ebenfalls nicht.

Also sah der Vater eines kleinen Sohnes keinen anderen Ausweg mehr, als einen Spendenaufruf zu starten. «Mir ist es sehr unangenehm, meine Gäste nach Geld zu fragen, aber ich sehe einfach keinen anderen Ausweg mehr.» Innerhalb von zwei Tagen sind bereits 15'000 Franken zusammengekommen und das Instagram-Video vom Vibez wurde knapp 50'000 Mal aufgerufen und x-fach geteilt. «Die Solidarität bei der Community ist unglaublich. Danke, danke, danke.»

Die St.Galler Bar «Vibez» kämpft ums Überleben. Nun erschwert aber das St.Galler Bauamt die Situation zusätzlich. Bild: Matilda Good

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Matilda Good