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Stadt St. Gallen
09.02.2021
10.02.2021 08:37 Uhr

Lockdown: Aussteigen oder Abwarten?

Bild: zVg
Einerseits werden die Stimmen, die einen Lockdown-Ausstieg fordern, immer lauter. Andererseits befürchten Bundesrat und Experten – mal wieder – eine neue Welle. Auch die stgallen24-Redaktion ist geteilter Meinung.

Seit Wochen befindet sich die Schweiz in einem harten Lockdown – und das könnte noch eine Weile so bleiben, wenn man den neusten Informationen, die aus dem Bundesrat durchgesickert sind, glauben möchte. Lockerungen im März werden immer unwahrscheinlicher. Und das trotz sinkender Fallzahlen.

Wie lange geht das noch gut? Die Bevölkerung ist Corona-müde, und auch in der Politik erheben sich immer mehr Stimmen, die einen Ausstieg aus dem Lockdown fordern. So beispielsweise die SVP St.Gallen, wie sie in einer Mitteilung am Sonntag schrieb. Oder die FDP St.Gallen: Sie schlägt vor, auf drei Ebenen zu handeln, um möglichst rasch aus dem Lockdown zu kommen: Schützen, entschädigen, impfen. 

FDP will Gastrobetriebe öffnen

Besonders die jüngsten Massnahmen des Bundesrats, die am 13. Januar getroffen wurden, sind der FDP-Kantonalpartei ein Dorn im Auge: «Wir sind nicht gegen alle Massnahmen. Im privaten Bereich waren und sind die Einschränkungen richtig, denn dort kommt es am häufigsten zu Ansteckungen», sagt Geschäftsführer Christoph Graf zu stgallen24.ch. «Allerdings macht es aus unserer Sicht Sinn, dass man in der Gastronomie und im Detailhandel die Massnahmen lockert. Also dort, wo es bewährte Schutzkonzepte gibt.»

Es werde immer schwieriger, die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit der Massnahmen zu überzeugen. Schliesslich sinken die Fallzahlen seit Wochen. «Das Vertrauen der Leute geht so langsam, aber sicher verloren», sagt Graf. Er befürchtet, dass der volkswirtschaftliche Schaden immens sein wird, sollte der Bundesrat nicht bald eine Ausstiegsstrategie präsentieren. Es brauche endlich wieder Perspektiven – und einen Lichtblick am Ende des Tunnels.

 

FDP-Geschäftsführer Christoph Graf Bild: zVg

Verzweifelte Unternehmer

«Für Unternehmen wird es immer schwieriger, sich zu behaupten. Viele Dienstleister bemühen sich seit bald einem Jahr, ihre Geschäfte am Leben zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und irgendwie durch die Krise zu kommen. Solche haben auch nicht so eine grosse Lobby wie die Gastronomie oder die Spitäler. Damit wird es sehr schwierig, an finanzielle Unterstützung zu kommen. Wir haben sehr viele verzweifelte Anrufe erhalten.» Sollte der Lockdown noch länger dauern, so fordert die FDP St.Gallen, dass Solidarbürgschaftskredite neu aufgegleist sowie Härtefallhilfen beschleunigt und ausgebaut werden. «Damit verschulden wir aber die künftigen Generationen», gibt Graf gleichzeitig zu  bedenken.

Weiter kann man sich bei der FDP vorstellen, dass Restaurants für geimpfte Personen oder jene mit Antikörpern geöffnet werden: «Das soll aber nur eine vorübergehende Lösung sein und keine Diskriminierung fördern. Aber so könnten Betriebe wenigstens etwas anstatt gar nichts erwirtschaften», so Christoph Graf. Er findet, dass die aktuelle Impfaktion zu schleppend vorangeht: «Natürlich hat das auch etwas mit den Lieferengpässen zu tun. Aber auch sonst scheint es, dass der Kanton St.Gallen nicht bestens vorbereitet war – beispielsweise, was die Logistik angeht.»

So hat sich die Corona-Kurve im Kanton St.Gallen in den vergangenen Monaten entwickelt (Quelle: sg.ch) Bild: zVg

Spaltung der Bevölkerung immer grösser

SVP-Stadt-St.Gallen-Präsident Donat Kuratli sieht die Situation ähnlich und findet noch klarere Worte gegen die Corona-Politik des Bundesrates: «Es ist nicht zu erkennen, wie der Bundesrat die Pandemie auf längere Zeit bewältigen möchte. Es braucht aber zwingend eine Strategie! Für Bevölkerung und Wirtschaft ist es von grosser Bedeutung, frühzeitig zu wissen, nach welchen Kriterien der Bund entscheidet. Ein Gastronom oder ein Detailhändler benötigt doch eine gewisse Zeit, um seinen Betrieb wieder hochfahren zu können. Ohne klare Ausstiegsstrategie wird es unübersichtlich – und die Massnahmen scheinen nicht nachvollziehbar. Die Spaltung der Bevölkerung wird so immer grösser.»

Kuratli findet, dass die aktuellen Massnahmen willkürlich entschieden wurden. «Wieso soll es einen Unterschied machen, in einem Schuhgeschäft einzukaufen oder in einem Lebensmittelladen? Schuhe gehören auch zum Grundbedarf, gerade in der Winterzeit. Blumen sind kein Grundbedarf, ich kann sie aber kaufen. Solche Entscheide sind doch absurd.»

SVP-Stadt-St.Gallen-Präsident Donat Kuratli Bild: zVg

Warum zögert der Bundesrat?

Nun stellt sich die Frage, warum der Bundesrat keine Lockerungen in Erwägung zieht? Schliesslich sind Fallzahlen in den vergangenen Wochen gesunken, es gibt mittlerweile vielversprechende Impfungen, und die Spitäler stehen mitnichten vor dem Kollaps. Die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Personen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt, lag am 26. Januar bei 0,88.

Ein neuer Faktor bei der aktuellen Corona-Politik sind die Virusmutationen. Diese seien viel ansteckender als das «normale» Coronavirus, sagt der Bundesrat, und begründet damit seine weitere harte Linie. Denn Experten befürchten (mal wieder, möchte man hinzufügen), dass die Mutationen Überhand gewinnen und sich wöchentlich verdoppeln könnten. Gesundheitsminister Alain Berset nannte diesen Zustand «Pandemie in der Pandemie».

Zu frühe Lockerungen könnten zu einer dritten Welle führen; das möchte der Bundesrat mit allen Mitteln verhindern. «Wir sollten jetzt das, was erreicht wurde, nicht aufs Spiel setzen.» Es brauche noch etwas Geduld und Disziplin, so Berset.

Lexit: Ja oder Nein?

Sollen wir sofort aus dem Lockdown aussteigen oder noch zuwarten? Miryam Koc, leitende Redaktorin von stgallen24, und Stephan Ziegler, Chefredaktor der MetroComm AG, haben unterschiedliche Meinungen.

Pro:

Inzwischen wird wohl jeder gemerkt haben, dass es dem Chinavirus so ziemlich egal ist, welche Massnahmen wir anordnen: Es kommt in Wellen und foutiert sich um Lockdown-Szenarien, die wir ihm entgegenstellen. Wir wissen schlicht noch nicht, welche Massnahmen greifen und welche nutzlos sind. Macht es da Sinn, mit der Schrotflinte auf das Virus zu schiessen, in der Hoffnung, dass vielleicht eines der vielen Kügelchen trifft, die anderen aber - bestensfalls - nutzlos verpuffen oder - schlechtestenfalls - massive Kollateralschäden hervorrufen?

Ich finde: Beschränken wir die Massnahmen auf persönlichen Schutz wie Maske, Abstand und Impfen - und lassen wir die Finger von Schliessungen und dergleichen, da deren Nutzen mehr als angezweifelt werden darf. Was soll es bringen, Fitnesscenter und Einkaufsläden zuzumachen, bei denen die Besucherzahl einfach über Quadratmeterregeln gesteuert werden könnte, aber Coiffeure und Massagestudios offenzulassen, bei denen sogar anhaltender körperlicher Kontakt stattfindet?

Beendet diesen Unsinn, und zwar besser heute als morgen. Zu hoch ist der Preis, den wir für unsichere Resultate bezahlen. 

Stephan Ziegler

Kontra:

So verlockend ein Lockdown-Ausstieg auch klingen mag, so verheerend könnte er zu diesem Zeitpunkt sein: Wir wissen noch nicht, wie sich die Mutationen in den nächsten Wochen entwickeln werden; ein Superspreader-Event könnte ausreichen, um die Zahlen wieder nach oben zu katapultieren. Dann würden wir ein Déjà-Déjà-vu erleben: Wir hätten an der Freiheit geschnuppert, um sie uns kurze Zeit später wieder wegnehmen zu lassen. Das wäre selbstzerstörerisch und würde der Reputation des Landes erneut schaden.

Mit der Öffnung von Betrieben würde ausserdem der Zuspruch auf Hilfeleistungen entfallen. Ein weiterer Punkt: Sollte es grosse Lockerungen geben, obwohl erst ein kleiner Teil der Bevölkerung geimpft ist (aktuell wurden knapp 800‘000 Impfdosen verabreicht), könnte sich eine «Impf-Faulheit» einschleichen. Warum sollte man sich die Spritze geben, wenn man auch ohne normal leben kann?

Früher oder später käme es zur dritten Welle. Je mehr Menschen bis dann geimpft sind, desto besser könnte man sie abfedern. Deshalb finde ich, dass wir die Massnahmen noch eine Weile aushalten, unsere lokalen Betriebe mit Spenden und Take-Aways unterstützen sollten - und Bund sowie Kantone an den finanziellen Hilfspaketen und an der Impfkampagne dringend feilen müssen.

Neidisch können wir nach Neuseeland blicken, wo ein nahezu normales Leben ohne Einschränkungen möglich ist. Wieso? Weil die Bevölkerung monatelang auf die Zähne gebissen hat und sich die Regierungen nicht von ihrem Weg hat abkommen lassen - trotz tiefen Fallzahlen.  

Miryam Koc

 

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