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Bildung
19.01.2021
19.01.2021 13:36 Uhr

«Beschämend: Schulen schliessen, um Homeoffice zu erzwingen»

Leiter St.Galler Bildungsdepartement Stefan Kölliker: «Die Primarschulen sind tabu! Sie müssen offen bleiben.»
Corona-Mutationen treten auch an Schulen auf. Soll man sie deswegen schliessen? Bildungsvorsteher Stefan Kölliker verrät im stgallen24-Interview, wie der Kanton St.Gallen vorgeht.

Schulschliessungen für die ganze Schweiz werden auf allen Ebenen heftig diskutiert. In einigen Kantonen werden ganze Klassen wegen des Mutanten-Virus in Quarantäne geschickt. In zwei Dörfern sind die Schulen bereits zu. Wie sieht es im Kanton St.Gallen aus? stgallen24 bat Regierungsrat Stefan Kölliker, Leiter des St.Galler Bildungsdepartementes, zum Interview. 

stgallen24: Der aktuelle R-Wert in der Schweiz liegt bei 0.81, der vom Kanton St. Gallen bei 0.78, also weit unter 1.0. Trotzdem sind wir wieder im Lockdown. Zu Recht?

Stefan Kölliker: Ich persönlich habe diese massiven Massnahmen nicht erwartet, weil die Zahlen rückläufig sind. Die Massnahmen über Weihnachten-Neujahr zeigen Wirkung, was erfreulich ist. Der Bundesrat hat aber entschieden, dass aufgrund der Sorgen wegen des mutierten Virus die Massnahmen verschärft werden. Das müssen wir akzeptieren und umsetzen.

St. Moritz hat gestern wegen Corona-Mutationen aus Südafrika alle Schulen geschlossen. Ein mögliches Szenario auch für St.Galler Gemeinden?

Es ist schon möglich, dass eine Klasse oder eine Schule in Quarantäne muss. Wir müssen die Situation im ganzen Kanton weiter beobachten. Aber es gibt keine Messgrösse, wir beurteilen und entscheiden stets situativ.

Gab es denn schon Schulschliessungen im Kanton?

Auch wir hatten einige heikle Momente und standen kurz davor, ganze Schulen zu schliessen. Bis anhin konnten wir es aber immer gut retten. Deshalb wollen wir keine flächendeckenden Massnahmen, sondern lokal entscheiden.

Und wenn zu viele Lehrpersonen ausfallen, weil sie in Quarantäne müssen?

Bei einem Riesenausfall müsste man irgendwann den Schulbetrieb einstellen, ja. Aber die zwei Wochen seit Schulstart haben gezeigt: Wir haben deutliche Abnahmen der Fallzahlen und der Hospitalisierungen. Die Massnahmen haben gegriffen.

Sie haben also genügend Lehrpersonal?

Ja, die Ausfälle bewegen sich da auf sehr tiefem Niveau, und die Zahlen sind weiter abnehmend. Wir reden von 1 % der Lehrer, die zurzeit ausfallen.

«Es gibt keine Messgrösse, wir beurteilen und entscheiden stets situativ»

Wer entscheidet im Kanton St. Gallen über eine Schulschliessung?

Für Primar- und Oberstufe entscheidet der Bildungsrat, ausser wenn der Bundesrat wieder die ausserordentliche Lage ausrufen würde. Wenn es einen schnellen Entscheid braucht, kann es sein, dass ich auch mal direkt entscheiden muss. Für Sekundarstufe II, also Berufsschulen und Gymi, gibt es eine geteilte Zuständigkeit von Bund und Kanton.

Also kann der Bundesrat in der Primarschule keine Maskenpflicht verordnen?

Nein, im Moment ist das nicht seine Zuständigkeit. Und Maskenpflicht in der Oberstufe hat der Kanton verordnet. Wir wollen da aber so schnell wie möglich wieder raus – sobald es die Erkenntnisse über das mutierte Virus zulassen.

Was passiert zurzeit im Kanton St.Gallen, wenn eine Lehrperson positiv getestet wird?

Sie muss in Quarantäne sowie alle andern, die engen Kontakt mit ihr hatten. Wenn es keinen engen Kontakt unter 1.5 Metern und über 15 Minuten gegeben hat oder stets Masken getragen wurden, kann es Ausnahmen geben. Jeder Fall wird individuell durch das Kantonsarztamt beurteilt. Die Schule informiert die Eltern aller betroffenen Klassen.

Und wenn ein Schüler positiv ist?

Wenn 2 oder mehr Schüler in einem Abstand von weniger als 10 Tagen in derselben Klasse positiv getestet werden, nimmt die Kantonsärztin mit der Schulleitung Kontakt auf und entscheidet, ob Klasse und Lehrperson unter Quarantäne gestellt werden müssen.

«Wir reden von 1 % der Lehrer, die zurzeit ausfallen»

Eine Umfrage bei Schulleitern in der Region hat ergeben, dass alle «so lange wie möglich Präsenzunterricht» wünschen. Sie auch?

Unbedingt! Wir haben Befragungen gemacht im Kanton und dabei viele Erkenntnisse gewonnen. Die Vorteile von Präsenzunterricht gegenüber reinem Fernunterricht überwiegen um ein Vielfaches. Bei Schulschliessungen werden benachteiligte Schüler völlig abgehängt, es fehlen soziale Kontakte und Online-Prüfungen sind ebenfalls suboptimal.

Es gibt aber verschiedenste Kreise auf Bundesebene, welche eine Schulschliessung fordern.

Das stimmt leider. So will man versuchen, Eltern ins Homeoffice zu zwingen. Das finde ich extrem stossend, weil man so unsere Kinder missbraucht. Das Kindswohl und das Recht auf ordentlichen Schulunterricht wird ausgehebelt zugunsten von anderen Interessen, die höher gestellt werden. Das ist beschämend – ich verurteile das in hohem Masse!

«Die Primarschulen sind tabu! Sie müssen offen bleiben»

Wären Sie oberster Schulleiter der Schweiz – wie würden Sie für unser Land entscheiden?

Die Primarschulen sind tabu! Sie müssen offen bleiben. Primarschüler sind auch nicht die grossen Überträger des Virus, erst ab 12 Jahren nimmt das Risiko zu. Unsere Schutzmassnahmen funktionieren, sie greifen. Präsenzunterricht ist möglich, und das darf man nicht leichtfertig übergehen. Erst wenn die Lage wirklich dramatisch ist, sollte man daran etwas ändern.

Sibylle Marti, Linth24/stgallen24