Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Speicher
14.11.2020

Wie Private Lücken schliessen

Peder Koch, Bild: Marlies Thurnheer Bild: FS
Mitten in der Spitaldebatte im Kanton St.Gallen gibt es in Goldach eine neue Entwicklung: Die Berit Klinik aus Speicher kauft die ehemalige Klinik St.Georg. Per 2021 soll dort ein medizinisches Zentrum entstehen.

Peder Koch, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates der Berit Klinik, erklärt, wieso sich die Berit Klinik in Goldach engagiert und wie er die Entwicklung der Gesundheitslandschaft in der Ostschweiz beurteilt.

Peder Koch, wieso expandiert die Berit Klinik AG nach Goldach?
Die Berit Klinik hat sich stetig weiterentwickelt und ist inzwischen die grösste orthopädische Klinik der Ostschweiz. Wir verfolgen eine nachhaltige Entwicklungsstrategie in der Region, wobei Möglichkeiten an bestehenden sowie an neuen Standorten laufend geprüft werden. In Goldach bietet uns eine leerstehende Klinik mit moderner medizinischer Infrastruktur die Chance, eine Klinik als medizinisches Zentrum zu reaktivieren. Sie liegt rund 20 Minuten per Auto von der Berit entfernt und damit in unserem unmittelbaren Einzugsgebiet.

Die SP-Fraktion zeigte sich im Kantonsrat kürzlich besorgt darüber, dass kurz nach dem Vorentscheiden zur Schliessung von vorerst vier kantonalen Spitälern, darunter Rorschach, bereits eine Privatklinik in die Bresche springe. Welche Rolle möchte die Berit Klinik in der Region Rorschach übernehmen?
Es ist nicht entscheidend, wer die Trägerschaft einer Klinik ist, sondern in welche Institutionen die Patientinnen und Patienten Vertrauen haben und welche Dienstleistungen sie in Anspruch nehmen. Das medizinische Zentrum soll nach Inbetriebnahme bei der Gesundheitsversorgung der Region Goldach und Rorschach mitwirken. Es werden Kooperationen mit Ärzten der Region angestrebt, indem eine Klinikinfrastruktur mit den Qualitätsstandards der Berit zur Verfügung gestellt wird. Auch ist eine Zusammenarbeit mit den Alters- und Pflegezentren hinsichtlich eines komplementären Angebotes in der Altersmedizin denkbar.

Die Linken befürchten insbesondere, dass die ambulante und stationäre Versorgung in den nächsten Jahren teurer werde, wenn private, gewinnorientierte Spitalversorger in die Spitallandschaft «drängen». Die SP will, dass die Regierung die Spitalstrategie nochmals überdenke. Wie begegnen Sie diesen Bedenken?
Diese Aussage stimmt nicht. Unsere qualitativ hochstehenden Leistungen erbringen wir zu nachweislich günstigeren Tarifen als öffentliche Spitäler Ob ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist, hängt auch im Gesundheitswesen von vielen anderen Faktoren ab und nicht nur vom Preis für die Dienstleistungen oder Produkte. Ich wiederhole mich, aber in unserem Bereich soll der Kunde (Patient) entscheiden können. Zudem bietet die Berit in Ergänzung zur medizinischen Versorgung der Region attraktive Arbeitsplätze im Gesundheitssektor an und zahlt im Gegensatz zu öffentlichen Spitälern Steuern.

Voraussichtlich 2021 wird das Spital Rorschach zu einem Gesundheitszentrum umfunktioniert. Was heisst das für die Neuausrichtung der ehemaligen Klinik St.Georg?
Das Leistungsspektrum soll die Gesundheitsversorgung der Region qualitativ und nachhaltig stärken und als Unterstützung für die Hausärzte bzw. als Angebot für die Bevölkerung dienen. Die Voraussetzungen für eine Bewilligung als Klinik sind in der «Verordnung über den Betrieb privater Einrichtungen der Gesundheitspflege» des Kantons St.Gallen geregelt. Im Falle einer Reaktivierung der Leistungsaufträge durch das Gesundheitsdepartement des Kantons St.Gallen gelten weitere leistungsspezifische Auflagen.

Und welche Rolle spielte die Gemeinde Goldach?
Goldach ist an der Ansiedlung der Berit Klinik sehr interessiert. Ohne diese positive Haltung der Standortgemeinde hätte die Berit diese grosse Investition nicht getätigt. Sie unterstützt die Wiedereröffnung der Klinik deshalb ideell und erwartet wertvolle medizinische und volkswirtschaftliche Vorteile für die Region und den Kanton. Bislang bestehen keine Auflagen der Standortgemeinde.

Wie soll das künftige Angebot in Goldach aussehen, werden Sie z. B. auch in Goldach operieren?
Ja, in Goldach wird auch operiert. Das medizinische Zentrum verfügt über moderne Operationssäle, die für verschiedene Leistungsbereiche genutzt werden. Aufgrund der Verlagerung stationärer Leistungen in die ambulante Versorgung passen wir unsere Versorgungsstrukturen und -prozesse an. Mit dem medizinischen Zentrum erweitern wir die integrierte Versorgung der Berit Klinik durch vorgelagerte Angebote für unsere Patienten.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Spitalstrategie im Kanton St.Gallen?
Als Privatklinik verfolgen wir die Spitalstrategie in St.Gallen genau, welche die regionale Gesundheitsversorgung prägen wird. Die Berit und weitere Privatkliniken sichern bereits heute einen relevanten Teil der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung des Kantons. Mit dem medizinischen Zentrum in Goldach werden wir künftig im Sinne der integrierten Versorgung einen Mehrwert für unsere Patienten schaffen. Der Patient soll entschieden, welches Angebot er in Anspruch nimmt – es ist irrelevant, ob die Trägerschaft privat oder öffentlich ist. Was zählt, ist der beste Preis für die beste Qualität.

In welche Richtung müsste sich eine bezahlbare Gesundheitsversorgung bewegen?
Das Schweizer Gesundheitswesen ist eines der besten weltweit. Dafür leisten auch wir tagtäglich einen Beitrag. Im Spannungsfeld zwischen Qualität und Kosten setzen wir auf eine Qualitätsstrategie mit dem Patienten im Zentrum. Ein Umdenken bei den stetig steigenden und nur kostenerhöhenden Auflagen muss stattfinden. Je mehr ein Unternehmen eingeschränkt wird, desto mehr Kosten werden generiert, um die gleiche Leistung zu erbringen. Die Berit Klinik erhält seit fünf Jahren den gleichen Tarif (OKP-Baserate), die Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien stiegen in dieser Zeit jedoch stark an. Dies zur Richtigstellung, denn es sind nicht die Privatkliniken, welche die Kosten in die Höhe treiben.

Zum Schluss: Wieviel Staat ist in der Gesundheitsversorgung nötig?
Bei der Gesundheitsversorgung ist nicht die Trägerschaft eines Leistungserbringers entscheidend, sondern ein qualitativ hochstehendes und wirtschaftliches Leistungsangebot. Nicht nur die Privatkliniken sollten kundenorientiert dem Wandel im Gesundheitswesen und den damit verbundenen Herausforderungen begegnen! In meiner Ausbildung musste ich ein Referat halten mit dem Titel «Wie viel Service Public braucht die Schweiz?». Meine Kernbotschaft war bereits vor 25 Jahren: «Jeder soll das machen, was er am besten kann.»

Dieser Text von Tanja Millius ist aus der LEADER Ausgabe Oktober 2020. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch.

leaderdigital.ch