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15.10.2020
15.10.2020 09:36 Uhr

Was Individualbesteuerung mit Erziehung zu tun hat

Lisa Vincenz, 24, ist die Tochter und persönliche Mitarbeiterin der Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher, Vorstandsmitglied der FDP Regionalpartei St.Gallen-Gossau und frischgebackene Juristin MLaw HSG
In ihrer ersten Kolumne beleuchtet Lisa Vincenz die Individualbesteuerung in der Schweiz und erklärt, warum es einen Systemwechsel für Frauen brauche.

Zum Hintergrund der Kolumnenserie

Zugegeben: Es ist nicht immer einfach, mit der eigenen Mutter in der gleichen Kanzlei zu arbeiten, für sie politisch tätig zu sein und auch noch in einem gemeinsamen Haushalt zu wohnen. Aber mein Motto: Geniessen, solange es geht! Lustigerweise waren wir schon immer sehr eng; ich war und bin ein richtiges «Mami-Chind». Doch seit Dezember 2019 und ihrem Ständeratswahlkampf hat sich unsere Beziehung nochmals auf ein ganz neues Level begeben: Die gemeinsame Passion für die Politik wollten wir nutzen, und so durfte ich kurzerhand Einsitz in ihren Kernwahlstab nehmen. Den darauffolgenden Nationalratswahlkampf durfte ich sogar leiten.

Dies ist unsere kurze Geschichte, wieso ich mit 24 Jahren noch immer sehr viel mit meiner Mutter zu tun habe. Im Rahmen meiner Kolumne werde ich verschiedene Aspekte unserer Zusammenarbeit beleuchten: Positive, negative, lehrreiche und lustige – sie wird es mir verzeihen. 

Was hat die Individualbesteuerung mit der Erziehung zu tun? Ich bin in einem bürgerlichen Haushalt aufgewachsen mit einer Mutter, welche trotz Mutterschaft immer ihrer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist. So hat dies auch schon ihre Mutter getan.

Es verwundert also nicht, dass es bei uns am «Zmorgetisch» nicht darum ging, dass ich einmal einen tollen Mann finden werde, der mir dann ermöglicht, dass ich nie wieder arbeiten muss. Im Gegenteil: Schon mit der Muttermilch bekamen meine Schwester Lara und ich eingeimpft, dass die Frau selber ihres Glückes Schmiedin sei und wenn immer möglich auch als Mutter ihren beruflichen Weg nicht aus den Augen verlieren soll. Dies jedoch ganz und gar nicht auf eine männerverachtende Weise – im Gegenteil: Die Beziehung meiner Eltern dient mir bis heute als grosses Vorbild.

«Ich würde gerne in einem Land leben, in dem Chancengleichheit herrscht und die Frauen, welche einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen, dies auch ungehindert tun können.»

«Warum ist nur eine Steuererklärung im Briefkasten?»

Bekommt man einen solchen Kompass schon in Kindstagen mit auf den Weg, sollte es nicht verwunderlich sein, wenn mit zunehmendem Alter einmal die Frage auftaucht, wieso es denn für meine Eltern immer nur eine Steuererklärung im Briefkasten hatte und nicht zwei, handelt es sich doch um zwei eigenständige Personen? Dies war mir unverständlich – gerade auch vor dem Hintergrund, dass es doch als Frau viel cooler ist, finanziell unabhängig vom allfälligen Ehepartner zu sein.

Die Frage hat sich denn bis heute auch noch nicht geklärt: In der Schweiz werden Ehegatten als Einheit besteuert. Tönt auf den ersten Blick voll romantisch. Doch gerade als junge Frau frage ich mich dann, ob es vielleicht einen Zusammenhang gibt zum Umstand, dass Frauen – gerade auch gut ausgebildete – nach der Geburt eines Kindes nicht wieder ins Erwerbsleben eintreten wollen? Nun, die Antwort ist simpel: Aufgrund der Steuerprogression lohnt es sich vielmals für Familien nicht, dass ein Zweiteinkommen überhaupt generiert wird, weil die Familie so automatisch in eine höhere Progressionsstufe rutscht und deshalb überproportional mehr Steuern bezahlt werden müssen.

Meistens handelt es sich dabei (immer noch) um das Einkommen der Frau. Und weil die Kita-Plätze sowieso (zu) teuer sind, ist es für die Frau dann auch schlicht günstiger, weiterhin zu Hause zu bleiben und sich nicht um ihr eigenes wirtschaftliches Fortkommen zu kümmern – trotz guter Ausbildung. Das ist in meinen Augen schlicht eine Verschwendung.

Chancengleichheit für Frauen

Es ist mir ein Anliegen, mich gerade als junge, bürgerliche Frau für Hebel für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie einzusetzen – und mit der Einführung der Individualbesteuerung in der Schweiz kämen wir diesem Ziel einen grossen Schritt näher. Ich würde gerne in einem Land leben, in dem Chancengleichheit herrscht und die Frauen, welche einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen, dies auch ungehindert tun können.

Deswegen werde ich mich mit Kräften für diesen «Systemwechsel» der Besteuerung einsetzen. Denn nicht nur hat die Individualbesteuerung etwas mit der Erziehung zu tun, sondern auch die Erziehung mit der Individualbesteuerung.

Lisa Vincenz, stgallen24-Kolumnistin