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Stadt St.Gallen
19.08.2022

Deshalb besuchte Guy Parmelin St.Gallen

Bundesrat Guy Parmelin in der Gallusstadt
Bundesrat Guy Parmelin in der Gallusstadt Bild: Marlies Thurnheer
Am Donnerstag tummelte sich Bundesrat Guy Parmelin in der Stadt St.Gallen. Der Grund: Am IHK Business Outlook vom 18. August diskutierte er mit den beiden Industrie- und Handelskammern St.Gallen-Appenzell und Thurgau und weiteren Gästen über die Schweiz-EU-Frage.

Die unklare rechtliche Situation zur EU beschäftigt die Ostschweizer Wirtschaft. Dies illustrierte der IHK Business Outlook vom 18. August: Rund 250 Gäste folgten der Einladung der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau, um im ausgebuchten Pfalzkeller die Frage «Schweiz–EU: Wie weiter?» zu diskutieren.

Höhepunkt des Abends bildete ein Referat von Guy Parmelin zum Vorgehen des Bundesrats in der Europapolitik. Zudem sorgten Anna Stünzi, Präsidentin des aussenpolitischen Thinktanks foraus und Forschende an der Universität St.Gallen, Ständerat Beni Würth und Publizist Gerhard Schwarz für ein hochdotiertes Podium, das von Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid moderiert wurde.

Aus Sicht der Unternehmen schätzten Andrea Berlinger, Verwaltungsratspräsidentin und Inhaberin des Toggenburger Medizintechnik-KMU Berlinger Group, sowie Andrea Roth, CEO des Romanshorner Metallbauunternehmens Geobrugg AG, die europapolitische Lage ein.

Bild: Marlies Thurnheer

Klarheit in den Beziehungen schaffen

Bundesrat Guy Parmelin betonte in seinem Referat die Wichtigkeit des EU-Dossiers: «Wir brauchen Klarheit in Bezug auf die Beziehungen zu Europa, und das bald.»

Die innenpolitische Ausgangslage analysierte der Bundesrat dabei als herausfordernd. In der EU verhandle die EU-Kommission mit einem klaren Mandat der Mitgliedstaaten, so Bundesrat Parmelin. Hierzulande müssten hingegen Bevölkerung, Parteien, die Wirtschaft, und die Sozialpartner eine Lösung gemeinsam mittragen: «In der Schweiz verhandeln wir alle mit.»

Bild: Marlies Thurnheer

Negative Folgen nehmen zu

Widerspruch äusserte Ständerat Beni Würth, der das Vorgehen des Bundesrats kritisierte. Weder Parlament noch Volk hätten jemals die Möglichkeit gehabt, Stellung zur Weiterentwicklung des bilateralen Wegs zu beziehen. Dies erschwere eine pragmatische Lösung massgeblich, so Würth.

Die negativen Folgen für die Exportwirtschaft in Folge mangelnder Rechtssicherheit nehmen derweil zu, wie unter anderem Andrea Berlinger anhand konkreter Beispiele aus ihrem unternehmerischen Alltag aufzeigte: «Strategisch müssen wir uns ernsthaft fragen: Kann ein Schweizer KMU seine Exporte in die EU überhaupt noch mit einem vernünftigen bürokratischen Aufwand stemmen?»

Zu reden gab auch die ausbleibende Assoziierung der Schweiz beim europäischen Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe. Durch den Drittlandstatus können Forschende aus der Schweiz unter anderem keine Projektleads mehr übernehmen. Bereits jetzt sei dies auch für Forschungskooperationen der Wirtschaft hinderlich, führte Andrea Roth aus.

«Die Uhr tickt, und sie tickt immer lauter», fasste Anna Stünzi als Vertreterin der Wissenschaft die Lage für den Forschungs- und Innovationsstandort Ostschweiz prägnant zusammen.

Andrea Berlinger, Verwaltungsratspräsidentin und Inhaberin des Toggenburger Medizintechnik-KMU Berlinger Group Bild: Marlies Thurnheer

Den bilateralen Weg stabilisieren und weiterentwickeln

Für Markus Bänziger, Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell, war deshalb klar, dass der aktuelle europapolitische Schwebezustand keine gangbare Alternative sein kann: «Erodieren die Bilateralen, verliert die Exportindustrie sukzessive die Vorteile der Teilnahme am europäischen Binnenmarkt.»

Ein zeitnahe Klärung der bilateralen Beziehungen sei zwingend notwendig, so Bänziger. Aus Sicht der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau ist dabei der bisherige bilaterale Weg zeitnah zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Denn die Alternativen dazu überzeugen nicht: Ein reines Freihandelsabkommen wird der Intensität der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen nicht gerecht; eine tiefere Zusammenarbeit im EWR oder gar als EU-Mitglied andererseits wären zu weitgehend, da mit zu grossen Nachteilen verbunden.

IHK-Vademecum zu den bilateralen Beziehungen
Die EcoOst-Publikation «Wie weiter in der Europapolitik? Handlungsbedarf und Alternativen» gibt einen Überblick über die europapolitischen Optionen der Schweiz und leitet die gemeinsame Position der IHK St.Gallen-Appenzell und der IHK Thurgau her. Das Vademecum soll den Mitgliedern und einer interessierten Öffentlichkeit als Nachschlagewerk in diesem komplexen Dossier dienen und sie zu einer detaillierten Befassung mit der europapolitischen Zukunft der Schweiz einladen.

mik/pd