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18.08.2022
19.08.2022 09:08 Uhr

Social-Media-Konsum: Zwischen Ablenkung und Betäubung

Bild: annamachtart/pinterest
Wie oft habe ich heute schon zum Handy gegriffen? Warum brauche ich ständig Ablenkung und wieso ertrage ich keine Stille? Im dritten Teil der Kolumne «Gedanken einer Generation» fühlt sich unsere Autorin selbst auf den Zahn – und das schmerzt.

Hello, it’s me. Nein, nicht Adele. Sondern Miryam. Meine letzte Kolumne ist schon eine Weile her, aber das ist wahrscheinlich nicht vielen aufgefallen – wieso auch, es gibt ja genügend andere Unterhaltung: Podcasts, Instagram, TikTok, Youtube, Onlyf… ihr wisst schon. Social Media halt.

In den letzten Monaten habe ich mich bewusst – und so gut es in meinem Job geht – aus der virtuellen Welt zurückgezogen und ziemlich viel über mich selbst, aber auch über mein Umfeld nachgedacht. Diese sehr persönlichen Gedanken will ich mit euch teilen – vielleicht bin ich ja damit nicht allein.

Der Hauptauslöser war Scham. Ich habe mich für mich selbst geschämt, als ich – wie ich es immer mal wieder tue – aus meiner Haut schlüpfte, in der Vogelperspektive die Rolle einer Richterin (meistens Barbara Salesch haha) einnahm und gnadenlos die Taten dieser dann mir fremden Frau be- und verurteilte.

Diese Übung, die auch gerne in psychotherapeutischen Behandlungen angewandt wird, hilft mir dabei, meine Kopfkirmes mal auf «Mute» zu schalten und eine Distanz zu mir selbst zu schaffen. Den berühmten Wald statt nur die verteufelten Bäume zu sehen.

Dabei stellte ich fest, wie viel Zeit ich damit verschwende, mich abzulenken – bewusst oder unbewusst. Auf dem Weg zur Arbeit höre ich einen Podcast oder Musik, in der Pause texte ich Freunden und gleich nach dem Sport checke ich meine Notifications auf allen Sozialen Kanälen wie eine exzessive Raucherin, die sich nach dem Essen sofort die Kippe in den Hals stecken muss.

Und immer wieder dieser reflexartige Griff zum Smartphone – einfach so – ohne irgendeinen Scheiss-Grund. Überall.

Es ist kein Geheimnis, dass Apps wie TikTok oder Instagram genau so konzipiert sind, dass Nutzer darauf hängenbleiben, bei Push-Mitteilungen Glückshormone ausgeschüttet werden, unsere Aufmerksamkeitsspanne sich peinlich verkürzt hat und wir es nicht mal mehr hinkriegen, einen Film ohne Handy zu schauen. All diesen Tatsachen bin ich mir bewusst und trotzdem falle ich drauf rein – und das macht mich sauer.

Es macht mich sauer, dass ich verlernt habe, was Langeweile bedeutet, dass ich wertvolle Zeit damit verschwende, auf irgendwelchen Profilen von irgendwelchen Leuten verdödle und jeden Moment der Stille versuche durch Nebengeräusche zu übertönen. Obwohl ich meinen Medienkonsum nicht als überdurchschnittlich beschreiben würde, war ich einfach nur übersättigt wie von einem Buffet eines zehntägigen All-Inclusive-Urlaubs auf Antalya.

Also zog ich mich zurück, setzte mich hin und zwar mit mir selbst – ohne jegliche Ablenkung. Nur meine Gedanken und ich.

Zugegeben, das war komisch und diese Stimmen im Kopf können beängstigend sein, was wahrscheinlich der Hauptgrund ist, warum wir uns ständig berieseln lassen. Sie zuzulassen, bedeutet nämlich, sich mit seinen dunkelsten Flecken auseinanderzusetzen.

Jene Gefühle, Gedanken und Erlebnisse, die wir im Alltag so gut zu verdrängen wissen. Aber sie sind der einzige Zugang zu unserem tiefsten Inneren, an dem Ort, wo neben viel Schatten auch viel Licht ist. Kreative Gedanken und Ideen, die darauf warten, freigelassen zu werden, wir sie aber durch den ständigen Konsum an der Leine halten – und ihnen die Entfaltung verwehren. 

Ich begann meine Gedanken auf Papier zu bringen und füllte innert wenigen Monaten ein ganzes Buch. Nach einigen Heulsessions konnte ich aber meine selbstgebaute Wand langsam durchbrechen und hatte nicht mehr das Bedürfnis, mich ständig durch irgendetwas oder irgendjemanden ablenken zu müssen. Da war keine Leere, sondern im Gegenteil: Mein Inneres hat sich wieder wie Zuhause angefühlt und nicht wie ein Ort, von dem ich flüchten wollte. Der impulsive Griff zum Handy und «The Fear Of Missing Out» verblassten. Es war okay, einfach mal nichts zu tun.

Ich habe wieder mehr das Gefühl gekriegt, bei mir selbst zu sein, selbst zu bestimmen, was ich wann und wie konsumiere – und nicht mehr so fremdgesteuert zu sein. Das fühlt sich extrem gut an.

Werde ich jetzt Instagram und Co. löschen? Wahrscheinlich nicht – denn ich teile gerne Momente mit meinen Freunden, lasse mich inspirieren und probiere mich kreativ aus, und glaube auch nicht, dass jede Ablenkung per se schlecht ist, aber ich werde den Konsum weiterhin extrem tief halten, nur Seiten folgen, die mir einen Mehrwert bieten und das Ganze als das betrachten, was es wirklich ist: ein Spiel. Das wahre Leben findet offline statt. Und das sollte uns allen wieder ein bisschen mehr bewusst werden.

Über mich
Ich bin Miryam, meine Freunde nennen mich mal Mimi, mal Miri. Seit ich 17 bin, schreibe ich für verschiedene Zeitungen und Portale. Meine Zwanziger hätte ich mir eher so als «Roaring Twenties» statt Apokalypsenstimmung gewünscht. Schreiben ist mein Ventil und hilft mir dabei, Dinge einzuordnen und zu verarbeiten. Weil ich weiss, dass man weniger Herzschmerz hat, wenn die beste Freundin ebenfalls eine Trennung durchmacht, teile ich hier Gedanken unserer Generation. So können wir zusammen Vanilleglace löffeln, bisschen weinen, aufregen und lachen.

Hast du Fragen, Kritik und Anregungen? Dann schreib mir an miryam.koc@stgallen24.ch oder auf Instagram.

Miryam Koc/stgallen24