Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Stadt St.Gallen
20.08.2022
21.08.2022 15:55 Uhr

«Die Frau mit dem Köfferli», Teil 2: Die erste Stadtführung

Maria Hufenus (*1945) lebt im Riethüsli
Maria Hufenus (*1945) lebt im Riethüsli Bild: Archiv
Stadtführerin Maria Hufenus erinnert sich in ihren Memoiren «Die Frau mit dem Köfferli» an so manche Episode aus rund einem halben Jahrhundert Führungen durch die Gallusstadt. stgallen24 stellt jede Woche exklusiv ein neues Kapitel vor. Heute: Die erste Stadtführung.

«Das Verkehrbüro St.Gallen suchte um 1971 eine Frau mit guter Allgemeinbildung und Fremdsprachenkenntnissen. Verkehrdirektor war damals Armin Moser, ein aktiver Mann und einer der wenigen, die sich für Komplimente über eine gute Führung ohne Neid freute.

Ich meldete mich bei seinem Angestellten Werner Boss, nicht wissend, dass der auf grosse, blonde Frauen stand. Ich war klein und schwarzhaarig. Darum war die Stelle somit vergeben.

Sein Kollege, Kurt Kern, meinte: „Aber sie spricht französisch, italienisch und englisch, die andere Dame, die sich gemeldet hat, nur deutsch; sie könnte doch wenigstens die fremdsprachigen Führungen machen.“ So wurde ich trotzdem angestellt.

Die Ausbildung übernahm Monika Strässle. Sie hatte ein unglaubliches Wissen. Wir nannten sie nur das lebende Lexikon. Auch Rosmarie Täschler half bei der Ausbildung. Sie brachte mir bei, dass Humor ein sehr wichtiger Bestandteil einer Führung ist, sozusagen das Salz in der Suppe.

Nach einer Einführung in der Stiftsbibliothek wollte meine Mitbewerberin nicht mehr als „Hostess“, wie das damals hiess, arbeiten. Sie hatte sich die Sache einfacher vorgestellt, so nach dem Motto, rechts ist das und links ist das, oben der Himmel und unten die Erde.

Boss war ungehalten; er glaubte, Monika hätte uns überfordert. „Und Sie, Frau Hufenus, wollen Sie auch nicht mehr?“ Meine Antwort: „Ich will nur eines, den Tag erleben, wo ich gleich viel weiss wie Monika Strässle!“ So wurde ich „Stadthostess“ in Uniform.

Nach Mini wurde Maxi Mode; ich sah darin aus wie eine versoffene Maus. Als die Textiler realisierten, dass sie bei jedem Modewechsel wieder gefordert würden, durften wir tragen, was wir wollten; es musste nur gediegen sein, wenn möglich mit St.Galler Stickerei. Ich löste dieses Problem, indem ich zuerst italienische Mode trug, später für immer Akris.

Die ersten Führungen waren Stadtrundfahrten. Ich sass ganz vorne in einem Autobus, mit Mikrofon und niemand sah, dass ich einen Spickzettel hatte.

Ich klärte jeweils zuerst ab, welche Sprache gewünscht war. Als einmal alle deutschsprachig waren, sagte ich: „Schön, dann können wir an den verschiedenen Orten länger verweilen.“

Meistens kam jemand von der Presse mit. Ein Journalist schrieb dann freundlicherweise: Die Führerin war sichtlich froh, dass sie nur deutsch sprechen musste!

Das Kreuz mit der Presse hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt; aber nicht nur mich. Wer kommt, fragte man stets mit Bangen? Hoffentlich Hermann Bauer oder später Josef Osterwalder, die zwei besten.

Auch bei meinen Vorträgen und jenen der Kolleginnen oder den Stadtarchivaren fürchtete man die sogenannten „Praktikanten“, im Fachjargon „Ignoranten“ genannt.

Maria Hufenus an einer ihrer ersten Führungen Ende der 1970er-Jahre Bild: Privatarchiv Maria Hufenus

Den Namen „Stadtführerin“ bekamen wir 1978, weil der Begriff „Hostess“ zu Unsicherheiten geführte hatte, indem wir nach einer Führung oft gefragt wurden, ob wir am Abend frei wären.

Es gab Anlässe, an denen wir als „Hostessen“ eingesetzt wurden, das heisst, wir durften den Apéro servieren, z. B bei den „Managementgesprächen“ der Hochschule St.Gallen (HSG). Da kam es dann vor, dass eine Nation organisierte und eine andere den Apéro etwas früher stürmte, und die schön angerichtete Herrlichkeit war im Eimer.

Die Gäste mussten oft zur Diskussion in ein bestimmtes Restaurant begleiten werden, das dann sinnigerweise auch mal geschlossen war. Aber die Studenten sollten ja „Management“ lernen... Für solche Anlässe waren wir dann nicht mehr zu haben.

Maria Hufenus (2. v. r.) mit Kolleginnen Bild: Privatarchiv Maria Hufenus

Von Johannes Duft habe ich am meisten gelernt. Stiftsbibliothekar Duft war ein glänzender Rhetor und schrieb Bücher auf hohem Niveau, die trotzdem leicht verständlich waren. Ich habe sie alle gelesen. Er war am Anfang bei allen Führungen dabei und kritisierte streng. Er hat mich aber bei wichtigen Gästen eingesetzt mit der Bemerkung: „Sie sind jetzt bei Frau Hufenus in besten Händen.“

Für Professor Dufts Nachfolger Peter Ochsenbein musste ich oft „notfallmässig“ einspringen, wenn es ihm gesundheitlich schlecht ging. Auch bei fremdsprachigen Gästen durfte ich ihn vertreten; das war allerdings bei allen Stiftsbibliothekaren der Fall.

Die Ausbildung für die Stadt besorgten vor allem die Stadtarchivare Ernst Ziegler und Marcel Mayer. Nach erfolgreich besuchten Schriftenlesekursen und Paläografieübungen an der Universität Konstanz konnte ich im Stadtarchiv arbeiten und dort später die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen.

Die Konservatoren Ricco Labhardt und später Louis Specker führten mich im Historischen Museum ein. Auch die Silbersammlung von Giovanni Züst erklärte mir Konservator Specker. Ich hätte sie in vier Sprachen anbieten können, was leider nie benutzt wurde. Roland Wäspe ermöglichte mir Führungen im Kunstmuseum. Dort beschränkte ich mich allerdings auf Hodler und Segantini.

Die Kunst an der HSG erklärte mir Monika Strässle, wie immer perfekt. Auch die Bücher über das Katharinenkloster und St.Laurenzen ergänzte sie mir mit ihren geschickten Erklärungen.

Im Textilmuseum wurde ich durch Marianne Gächter und Anne Wanner eingeführt.

Maria Hufenus (rechts) im Kunstmuseum Bild: Privatarchiv Maria Hufenus

Die erste Stadtführung

Die erste Führung war für Armin Moser und seine Gäste, Graf Lennart Bernadotte und die Obrigkeit von Mönchengladbach. Als die Gäste eintrafen, wurde ihnen zuerst Kaffee offeriert, worauf einer meinte: „Darf es auch Weinbrand sein?“

Bernadotte hätte ich mit „Ihro Durchlaucht“ oder ähnlich anreden sollen, was ich als Schweizerin natürlich nicht tat. Er nahm mir das auch nicht übel. Im Gegenteil, ich war am Abend zum Essen eingeladen. Immer wenn der Graf jodelte, durfte man anstossen. Er hat dann sehr oft gejodelt. Am Schluss begleitete ich die Gruppe zum Bahnhof, wo die Herren „Maria zu lieben“ sangen, ziemlich falsch aber laut. Der Graf lud mich auch für den Neujahrsball auf sein Schloss ein, mit dem Auftrag, ein langes Kleid zu kaufen. Dass er die Einladung vergass, belegt das Sprichwort: „Ein Mann ein Wort ...“

Viele Führungen kamen von der Stadt; es war vor allem Stadtschreiber Otto Bergmann, der mich engagierte. Eine Gruppe aus Deutschland fragte, ob Otto dreissig Flaschen „Birne Morant“ besorgen könne. Ich erklärte Otto, dass die Gäste wahrscheinlich „Williams Morand“ wollten, was dann tatsächlich der Fall war.»

Den ersten Teil von «Die Frau mit dem Köfferli» finden Sie hier.
Maria Hufenus im Web: stadtfuehrungen.sg

stgallen24/Maria Hufenus