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Stadt St.Gallen
09.07.2022
08.07.2022 17:55 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Bild: pd
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «plegere».

Plegere; Verb; Bedeutung: faulenzen, herumliegen

Die «Ukraine Recovery Conference», die Ukraine Konferenz für einen effektiven Wiederaufbau einer kriegsgeschüttelten Nation in Lugano ist wieder vorbei. Was davon nachhaltig geblieben ist, ist noch unklar. Zumindest für die Menschen in Lugano, die die Ergebnisse der Konferenz zwar indirekt mitbekommen haben, dafür aber im Alltag direkt mit deren Begleiterscheinungen konfrontiert waren.

Zu Beginn dieser Woche, im Lido in Lugano: Da plegeret ein Mann in einer schrecklich grün-gemusterten Badehose auf einem noch schrecklicheren, blaugemusterten Badetuch... Er fühlt sich eigenartig berührt, berichtet er den Medien, weil eine Fliegerabwehrkanone im Hintergrund fast «auf ihn gerichtet» ist. Strassen und Quartiere sind abgesperrt. Bewaffnete Soldaten, Militärfahrzeuge, Panzer. Lugano gleicht – in seinen Sicherheitsbemühungen gegenüber den KonferenzteilnehmerInnen und politischen EntscheidungsträgerInnen –einer Festung.

Der Mann lässt sich jedoch nicht vom omeplegere abhalten. Genau so wenig wie Luganesi und Touristen, die sich ausserhalb der Sperrzonen auf den Ruhebänken niederlassen. Ein bisschen in der Sonne omeplegere am See tut in dieser verrückten Zeit gut und vertreibt negative Gedanken. Plegere: mein Wort der Woche. Sitzen oder liegen wir faul herum, dann tun wir es: (ome)plegere. Das schöne Wort hat eine weniger schöne Herkunft: plegere geht etymologisch auf «Blag» zurück, ein altes Wort für Tierleiche, Aas, Kadaver. Plegere meint somit eigentlich «in Fäulnis übergehen», «dahinsiechen». Es dürfte einmal mehr ein beinahe ausgestorbener Begriff sein, der auch für «behäbiger, langsamer, fauler Mensch; fule Pleger» steht. Es handelt sich zudem, um einen sogenannten Pleonasmus, (Verdoppelung, weisser Schimmel, etc.) wurde aber früher oft verwendet. Daneben existiert auch die Form Plegeri, welche ebenfalls auf das Verb plegere zurück geht.

So, wie in Lugano, na ja gut, ohne Flap, dafür mit viel Centurions und Schüpas, sah es in meiner Jugend in Schweizer Dörfern und Städten ungefähr alle vier Jahre aus. Dann, wenn grosse Manöver wie zB. die «Panzerjagd» angesagt waren und die Centurion-Panzer mit lautem Getöse dutzendweise durch unsere Dörfer donnerten. Dannzumal strömten vom Knirps bis zum Opa alle aus den Häusern und freuten sich auf die Manövertage. Wir beherbergten währenddessen zuhause Offiziere, boten Kost und Logis und bekamen die heissbegehrten Militärguetsli und -schoggitafeln. Unterdessen tobten in unseren Gassen Häuser-Kämpfe und mitunter knallte es schon mal heftig. Doch wir wussten: wir sind in der Schweiz und das ist alles nur eine Übung. Ich bedauerte damals als Kind sehr, wenn das Militär wieder abzog und der ganz normale Alltag einkehrte. Heutzutage wären solche Manöver nicht mehr denkbar. Allein aufgrund der kaputten Strassen, die nach der Durchfahrt von Centurion-Panzern neu asphaltiert oder zumindest ausgebessert werden mussten und des unsäglichen Verbrauchs von Dieselöl sowie dem entsprechenden CO2-Ausstoss wegen – heute undenkbar.

Wenn sie sich davon ein Bild machen möchten: Wer «Panzer im Manöver» googelt, findet in der SRF-Sendung «Antenne» einen nostalgisch anmutenden Beitrag zum Thema. Ähnlich «gemütlich» muteten die Stimmen auf Luganos Strassen in den letzten Tagen auf SRF an. Selbstverständlich nicht bei allen!

Doch das Fernseh-Team fing an der Ukraine Konferenz in Lugano die Stimmung in der Stadt ein und interviewte neben dem Herrn in der schrecklichen Badehose auch Menschen auf der Strasse. «Ist noch spannend hier. Mit Flap-Kanonen, Panzern und so», «So viele bewaffnete Soldaten; man fühlt sich gut geschützt», «Ist noch cool, läuft wenigstens mal was!» Hmhh… ist also alles eine Frage der Dosierung? Der Absicht? Der Einstellung?

Obwohl ich die Menschen auf der Strasse gut verstehe und selber mit ein wenig Wehmut – im Vergleich zu heute – an die Zeit des kalten Krieges und das langsame, schrittweise Abflauen der Atomangst in Europa zurückdenke, mutete die eingefangene Stimmung letzte Woche im TV für mich leicht surreal an. Ganz nach dem Motto:

Ein bisschen «Krieg» mit Panzern und Flap ist noch cool – zum Chillen und Plegere! Aber bitte nicht zu viel…

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin