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Stadt St.Gallen
02.07.2022

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Bild: pd
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Widergänte».

Widergänte; Bedeutung: Muskelkater

«Wedegehnte» heisst es so schön im urchigen Innerrhödler Dialekt. Und klingt dabei – leidend-langezogen – etwa so wie es sich anfühlt. Ein kräftiger Muskelkater wird auch in der St.Galler Mundart Widergänte oder Widergente genannt. Leider habe ich zu diesem Begriff etymologisch rein gar nichts über dessen Ursprung gefunden. Schade, wäre sicher interessant gewesen. Jedenfalls wird es dieses Wochenende einige in St.Gallen geben, die unter Widergänte leiden werden. Also, viele davon wären vielleicht auch froh, wenn sie nur unter Widergänte leiden werden. Wenn ich so ans OASG, ans Oper Air St.Gallen denke, spannen sich meine Muskeln schon mal präventiv an.

Schlafen im Zelt. Schlafen im Zelt auf hartem Boden. Schlafen im Zelt auf hartem Boden bei Kälte. Schlafen im Zelt auf hartem Boden bei Kälte und Nässe. Schlafen in einem fremden Zelt auf hartem Boden bei Kälte und Nässe und mit einem Kater… In meinem Alter macht man das nicht mehr. Muss man das nicht mehr machen!

Widergänte kriegt man zum Festivalpass kostenlos dazu. Und das ist nicht das Einzige, was man kostenlos dazu kriegt. Aber ich möchte jetzt nicht maulen. Geniesst es, denn der Aufenthalt am OASG ist zumindest ein Zeichen für unbeschwerte Jugend, sinnbefreites Stapfen durch den Schlamm, ekstatisches Tanzen unter der Sonne und noch viele andere Dinge, von denen ich mich – bedingt durch ein höheres Lebensalter – nur allzu gerne verabschiedet habe. Ausser vielleicht das ekstatische Tanzen unter der Sonne vermisse ich. Dieses Hochgefühl habe ich immerhin Jahre nachdem ich aus dem Open Air-Alter herausgewachsen war in Zürich an der Street-Parade noch weiter ausgelebt. Und es gibt schliesslich Leute, die wachsen nie aus dem Open-Air- und Street-Parade-Alter heraus. Gut so.

Aber es ist schon so: kennt man plötzlich keinen Bandnamen mehr auf dem Open Air-Plakat, ist man zweifelsohne alt geworden. Immerhin kenne ich in diesem Jahr noch Deichkind und Patent Ochsner. Es ist also noch nicht aller Tage Abend. Entsprechend älter dürfte dieses Jahr also das Publikum bei Patent Ochsner auch vor der Bühne sein.

Gibt es eigentlich auch einen Stand für Weihrauch-, Teufelskralle- oder Wallwurzcreme am Open Air St.Gallen? Für die Widergänte meine ich. Also zumindest für die schon etwas reiferen Jahrgänge. Aber es gibt sicher CBD-Öl für alle möglichen und unmöglichen Wehwehli oder vielleicht einen nachbarschaftlichen Joint unter Zelt-Kollegen, der das Ziehen in der Lendenwirbelsäule oder den Krampf in der Wade mindert.

Und am Schluss kommt wohl der grosse Muskelkater beim Aufräumen. Ich würde mir wünschen, dass alle St.Galler DemonstrantInnen der Fridays-for-Future-Jugend am Open Air anwesend wären. Sie würden dafür sorgen, dass jedes mitgebrachte Zelt, jeder Sitzsack wieder mitgenommen und jede Bierflasche und anderer Abfall ordentlich entsorgt wird. Die Organisatoren sind jedenfalls bemüht um ein möglichst umweltverträgliches Festival und schreiben unter anderem: «Bringt nur mit, was ihr wirklich braucht und lasst euren Hausrat zu Hause. Entsorgt euren Abfall in den dafür vorgesehenen Säcken und Behältern. Nehmt euer Zelt nach dem Festival wieder mit nach Hause. Benutzt die WCs bzw. Pissoirs und nicht die Bäume oder Sitter.» Jawoll! Geradezu passend der Text von Deichkind dazu:

«Dinge interessant, Dinge lame. Dinge wollen haben, alle hinterher. Dinge wegschmeissen, Dinge leer.»

Jedenfalls wünsche ich allen von Herzen ein tolles Open Air, gutes Wetter, geile Musik, eine weiche Isomatte, ein dichtes Zelt, genügend Abfallsäcke und möglichst wenig Widergänte!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin