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Wirtschaft
26.06.2022

Damit Flüchtlinge wieder einen Grund zum Lächeln haben

Nina Braschler, Head of Delivery Managenment Deutschland und Schweiz bei Merkle DACH
Nina Braschler, Head of Delivery Managenment Deutschland und Schweiz bei Merkle DACH Bild: Marlies Thurnheer
Der Merkle-Standort St.Gallen ist Teil eines ambitionierten Mentoring-Programms der Dentsu-Gruppe für Flüchtlinge in Europa.

Seit dem Zusammenschluss mit Isobar Schweiz und Österreich ist der Name der St.Galler Full-Service-Digitalagentur Namics Geschichte: Die Agentur gehört heute zu Merkle DACH und ist damit Teil der internationalen Dentsu-Familie mit weltweit über 45000 Mitarbeitern. Fast 500 Angestellte von Tochterunternehmen haben ihren Arbeitsplatz in Kiew, dazu kommen Kollegen bei Partner-Firmen sowohl in der Ukraine als auch in Russland, weshalb der russische Überfall auf die Ukraine im Unternehmen tiefe Betroffenheit auslöste.

Insbesondere Dentsu-Mitarbeiter in den Nachbarländern Polen und in Tschechien helfen seit Wochen ganz unmittelbar: Sie fahren nach Büroschluss mit ihrem Auto an die Grenze und holen Flüchtlinge ab, viele beherbergen Ukrainer bei sich zu Hause. Tschechien gehört wie auch Portugal und Serbien zu Merkle DACH; diese Unternehmenseinheit umfasst somit nicht nur die DACH-Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz. Polen wiederum ist ein Dentsu-Standort.

Know-how sinnvoll einsetzen

Der CEO von Dentsu Polen, Sławomir Stępniewski, warf die Frage in die Runde, was man für die Leute tun kann, die aktuell in Polen bei Kollegen untergebracht sind. Roberto Galdo, der den Bereich Salesforce Solutions bei Merkle DACH leitet, entwarf daraufhin ein ambitioniertes Mentoring-Programm für Flüchtlinge. Für die Umsetzung holte er neben Stępniewski auch den CEO von Merkle DACH, Patrik Gamryd, und die Leiterin des Delivery Management Deutschland und Schweiz, Nina Braschler, ins Boot. «Wir fragten uns, wie wir mit unserem Know-how etwas sinnvolles tun können», erzählt Roberto Galdo. Und so entstand ein Schulungsprogramm, dessen Teilnehmer zumindest zeitweise auf etwas anderes als auf den Krieg fokussieren sollen. «Unser wichtigster Vorsatz war: Wir geben den Menschen einen Grund, heute zu lächeln», unterstreicht Roberto Galdo. Innert kürzester Zeit hat die Gruppe eine Online-Academy aufgebaut, während dreier Monate kann sich hier jeweils eine Klasse von etwa 50 Teilnehmern bei den Spezialisten für datengetriebene Kreativität und Marketing-Technologie weiterbilden. Dabei werden mit Media-Grundlagen, Projektmanagement oder IT-Themen wie Adobe und Salesforce vier unterschiedliche thematische Schwerpunkte angeboten.

Nina Braschler, die heute von St.Gallen aus über 60 Projektmanagerinnen und -manager von Merkle DACH in der Schweiz und in Deutschland führt, hatte noch zu NamicsZeiten das PM Basic Training, eine Schulung für Projektmanagement erarbeitet. «Diese Schulung hat sich seither weiterentwickelt», sagt Nina Braschler, «sie ist nach wie vor stark mit unserer Arbeitsweise verbunden. Es ist nicht eine Frontalschulung, in der wir Tools schulen. Wir vermitteln spezifische Kundensituationen, Methodiken und way of working.»

«Die ersten Reaktionen von Kunden und Partnern sind positiv.»

Dieses Trainingsprogramm hat Braschler nun auch für das Flüchtlings-Projekt adaptiert und daraus eine Grundausbildung gemacht für Leute, die noch nicht lange im Thema sind, aber ein Flair für Projektmanagement haben. «Kenntnisse in Projektmanagement sind später sehr wichtig, wenn es darum geht, die Kursteilnehmer in Merkle DACH oder einer anderen Firma unterzubringen.» Das Flüchtlingsprogramm soll sich nämlich nicht auf drei Monate Training beschränken, «unser Ehrgeiz ist es, den Flüchtlingen im Anschluss über unser Netzwerk eine Praktikumsstelle oder eine Festanstellung bei einer Dentsu-Firma oder bei unseren Kunden und Partnern zu vermitteln», betont Roberto Galdo. Und Nina Braschler ergänzt: «Am Schluss braucht es in jedem Fall auch Praxis, es reicht nicht, nur die Trainings anzubieten.»

Hilfe für mindestens 500 Familien

Die erste Durchführung des Trainings hat anfangs Mai begonnen, 63 Teilnehmer zählt die erste Klasse. Das sind zu einem beträchtlichen Teil Dentsu-Leute, die noch in Kiew sitzen – viele Männer dürfen die Ukraine ja nicht verlassen. Daneben sind auch geflüchtete Ukrainer in Polen, Tschechien, Deutschland, Italien und der Schweiz dabei, die bei Dentsu-Mitarbeitern Unterschlupf gefunden haben – sonst hätten sie bis heute wohl kaum von diesem Angebot gehört. Das Mentoring-Programm wurde bisher noch nicht öffentlich bekannt gemacht, trotzdem gingen bereits über 150 Bewerbungen ein. Die zweite Klasse wird deshalb wohl schon gestartet, bevor die erste abgeschlossen ist.

Insgesamt planen Merkle DACH und Dentsu Polen während fünf Jahren jeweils zwei Klassen à 50 Teilnehmern zu führen, also 500 Personen zu schulen. Alles Leute, die jetzt aufgrund des Kriegs kein Einkommen haben. Die Bewerber haben nicht zwingend einen IT-Background, «wir machen sie auch nicht über Nacht zu IT-Spezialisten, aber wir können ihnen helfen, eine Laufbahn zu starten», sagt Roberto Galdo. «So können wir auf pragmatische Weise die Zukunft von 500 Familien verbessern.»

Kunden zur Mithilfe eingeladen

Alle Führungskräfte von Merkle DACH haben ihre Unterstützung für das Projekt signalisiert, diese manifestiert sich vor allem in Zeit ihrer Mitarbeiter, die als Lehrkräfte im Training mitarbeiten. Neben den Kosten für die Zeit der Leute, die unterrichten und sich um die Flüchtlinge kümmern, haben die Träger des Programms auch substanzielle direkte Kosten. Alle Teilnehmer bekommen während des Trainings monatliche finanzielle Unterstützung für persönliche Ausgaben, denn «viele Flüchtlinge können kein Geld mehr von der Bank abheben», erklärt Roberto Galdo. Diese Kosten haben die Initianten gesichert. Sie hoffen allerdings, dass sie mit der ersten Durchführung die Aufmerksamkeit generieren und so Unterstützung von Kunden, Partnern oder auch Hilfsfonds bekommen können. Dann liesse sich das Trainingsprogramm bei Bedarf hochskalieren.

Nun werden Kunden und Partner darüber informiert, dass diese Initiative läuft, und gefragt, ob sie das Programm unterstützen können. Dafür gibt es drei Ansätze: Die Firmen können Zeit ihrer Angestellten zur Verfügung stellen, sie können Job-Angebote für Flüchtlinge machen, und sie können sich finanziell engagieren. «Die ersten Reaktionen von Kunden und Partnern sind positiv», berichtet Nina Braschler, «die konkreten Resultate werden wir sehen, wenn die erste Durchführung des Kurses abgeschlossen ist.»

Für alle Flüchtlinge

Beim Start richtet sich das Programm an die ukrainischen Dentsu-Kollegen, «aber wir wollen das Angebot nicht auf Dentsu-Mitarbeiter oder auf von Dentsu-Angestellten beherbergte Flüchtlinge beschränken», hält Roberto Galdo fest. Profitieren sollen bald auch andere Flüchtlinge aus aller Welt. Dentsu engagierte sich schon vor dem Krieg in der Ukraine mit einer Refugee Alliance, aus der Überzeugung heraus, dass dasUnternehmen eine ethische Verpflichtung habe, Flüchtlinge zu unterstützen.

Getreu dem Leitsatz der Gruppe, eine «Force for good» sein zu wollen. Neben dem Training als Investition in die beruflichen Fähigkeiten unterstützt die Dentsu-Familie die Flüchtlinge auch bei grundlegenden Problemen: Eine Unterkunft finden, ein Bankkonto eröffnen. Dafür wird eine Art Götti-System aufgebaut, alle Flüchtlinge sollen Ansprechpartner bekommen, die sich um sie kümmern. In Polen, wo geflüchtete Frauen mit Kindern angekommen sind, hat Dentsu für die Frauen aus dem Unternehmen einen «Hub4You» gegründet, der auch einen Kindergarten umfasst.

«So können wir die Zukunft von 500 Familien verbessern.»

Mit Herzblut

Das ganze Programm wurde in den letzten Wochen aus dem Boden gestampft, «das konnten wir nicht von langer Hand planen», wie Nina Braschler sagt. «Wir wissen nicht, wie es laufen wird, und wir wissen nicht, was am Schluss rauskommt.» Sie seien es aber gewohnt, ein Projekt in dessen Verlauf nach dem Grundsatz «learning by doing» anzupassen.

Eigentlich wünschen sich die Initianten, dass der Krieg in der Ukraine rasch vorbei ist und sich das Programm erübrigt. Bis dahin aber würde das Angebot mit viel Herzblut umgesetzt. «Es wurde auf freiwilliger Basis in kurzer Zeit auf die Beine gestellt, von Leuten, die alle einen Hundert-ProzentJob haben und das nun zusätzlich tun», betont Nina Braschler. Diese Aufgabe, den Ukrainern zu helfen, wird den DentsuLeuten erhalten bleiben, wie Roberto Galdo sagt: «Das wirkliche Problem im Krieg ist nicht die Unterstützung, die wir ihnen jetzt geben können. Wir müssen ihnen auch in den kommenden Jahren helfen, ihr Land wieder aufzubauen.»

Ob die Unternehmen der Dentsu-Gruppe mittelfristig über dieses Programm qualifizierte Fachleute rekrutieren können, hält Galdo für nebensächlich. Das Unternehmen profitiere in erster Linie von etwas anderem: «Wir senden nicht zuletzt unseren eigenen Leuten die Botschaft, dass Dentsu tatsächlich eine ‹Force for good› ist. Wir fühlen uns als Unternehmen nicht nur dazu verpflichtet zu helfen, sondern wir haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung Gutes beizutragen – durch unsere Arbeit und durch die Menschen, die bei uns arbeiten.»

Dieser Text ist aus der LEADER Ausgabe Mai 2022. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch und rheintal24.ch.

Philipp Landmark