Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Stadt St.Gallen
05.03.2022

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Bild: pd
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Maschgere».

Maschgere beziehungsweise go maschgere bedeutet maskierte, kostümierte Personen an der Fastnacht beziehungsweise kostümiert an die Fastnacht gehen

Jetzt ist sie wieder vorbei, die Fastnacht. Und ja, ich schreibe Fastnacht mit «t». Wohlwissend, dass das übrige St.Gallen Fastnacht ohne «t» schreibt. Eigentlich bin ich keine Fastnächtlerin. Ich hasse es, inmitten von biergeschwängertem Würstliduft, eng an eng mit schunkelnden Menschen zu sitzen und auf Kommando lustig zu sein, geschweige denn, Lieder zu singen wie «Frau Meier, Frau Meier...».

Nein, dafür bin ich nicht zu haben. Weder vor noch nach Corona. Ich liebe aber alte Traditionen, das traditionelle maschgere, spitzzüngige Schnitzelbänke und die schrägen Guggentöne. Wil, das mir fastnächtlich am nächsten liegt und wo man Fastnacht eben traditionell – vermutlich aufgrund der urkatholischen Vergangenheit – mit einem «t» schreibt, adelte mich einst gar als Stadtoberhaupt. Während zweier Jahre übernahm ich als Narrenprinzessin gemeinsam mit meinem Prinzen die Insignien und damit das Zepter über die Äbtestadt während der närrischen Zeit. Wil - eine Stadt die in der Ostschweiz als regelrechte Fastnachshochburg galt. Wenn am Gümpelimittwoch die Tüüfel punkt 19.00 Uhr aus dem altehrwürdigen Hoftor strömten und allen ihre Suublootere (aufgeblasene Schweinedärme, mit einer Schnur an einem Stecken) an den Latz knallten, die früher noch zahlreichen Guggenmusigen ihre Gassenhauer auf den mit Publikum vollbesetzten Hofplatz schmetterten und der Herold der FGW (Fastnachtsgesellschaft Wil) das Sündenregister der Wilerinnen und Wiler in der «Bulle» giftig-träf seinem Publikum wie einen Spiegel vorhielt, ja dann war Fastnacht und die Gassen der Altstadt voller Maschgere, also maskierte, kostümierte Fastnachstsbötz.

Zu den Begriffen Maschgere (Maskierte, kostümierte Fastnächtler), Maschgereball (Maskenball), go maschgere (kostümiert unterwegs sein) gibt es denn auch etymologisch nicht viel zu sagen – sie sind im eigentlichen Sinn selbsterklärend, werden aber heute nur noch von der ältesten Generation genutzt.

Während Corona traf ich im Dorfladen einmal einen älteren Herrn, der sich beklagte, man würde die Leute mit den Maschgere (Mund- Nasenschutz) gar nicht mehr kennen… Anstelle von Maschgere könnte man auch den Begriff Fastnachtsbotz verwenden. In einem alten bayrischen Wörterbuch habe ich erfahren, dass der Butz oder Butzel ein Scherzwort für Kinder oder für Menschen und Tiere «von kleiner Gestalt» sei. Auf jeden Fall verfügt unser Kanton noch über einige Fastnachtsanlässe, wenn diese auch nicht mehr so zahlreich sind wie vor 30 Jahren.

Kürzlich telefonierte ich mit einer Freundin und wir kamen auf die Fastnacht zu sprechen. Sie meinte, vor lauter Corona sei sie zeitlich total aus dem Takt geraten. «Es isch doch morn Grüendonnschtig, oder?», fragte sie mich und gab sich die Antwort umgehend selber. «Jo klar, hüt isch jo Aschermittwoch.»

Ähhmm… Ich musste kurz überlegen.

«Also morgen ist meines Wissens Schmutziger Donnerstag und nicht Gründonnerstag und Aschermittwoch ist erst nächste Woche.»
«Wann ist dann Gründonnerstag?»
«Vor dem Karfreitag!»
«Und am Schmutzigen Donnerstag essen sie die Schamauchen- und Bürgerwürste in Wil?»
«Nein heute, am Gümpelimittwoch. Du machst mich ganz konfus.»
«Aber am Montag da ist doch auch noch was.»
«Am Montag ist Rosenmontag.»
«Ah, da ist doch diese Tradition in Rossrüti...»
«Nein, das ist der Hirsmäntig nach Aschermittwoch! Und da isst man den traditionellen Stockfisch.»
«What the hell» ist der Hirsmäntig? Stockfisch haben wir immer am Aschermittwoch gegessen.»
«Aber nicht in Rossrüti!»
«Nein, in Gossau!»

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin