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02.03.2022
01.06.2022 10:11 Uhr

«Autsch, die Welt tut weh»

Junge Menschen fühlen sich aufgrund der Weltlage entmutigt – oder ist es nur ein Luxusproblem?
Junge Menschen fühlen sich aufgrund der Weltlage entmutigt – oder ist es nur ein Luxusproblem? Bild: pinterest
Viele Menschen und besonders Millennials verspüren derzeit einen grossen Weltschmerz. Unsere Autorin teilt in der Kolumne «Gedanken einer Generation» ihre Gefühle zu aktuellen Geschehnissen.

Disclaimer: Die nächsten Zeilen sollen in keinster Weise in Relation zum schweren Leid stehen, den derzeit Millionen von Menschen erfahren müssen. Es sind lediglich die Gefühle und Einordnungen eines verdammt privilegierten Lebens, das sich in einer Zeit der Krisen versucht zurechtzufinden. Und ich glaube, so geht es zurzeit vielen. Deshalb ein Seelenstrip.

  • von Miryam Koc

Hätte man mir an Silvester 2020 erzählt, dass die nächsten zwei Jahre von Schlagzeilen über Pandemien, Wirtschaftskrisen und Kriegen geprägt sein werden, hätte ich wohl laut gelacht und mich darüber geärgert, nicht den teureren Wein gekauft, nicht noch mehr getanzt und meine Liebsten nicht noch fester umarmt zu haben.

Was passiert ist, muss ich hier nicht nochmal Revue passieren lassen. Wir alle haben den Film gesehen, wir alle hatten eine Rolle darin. Es war ein scheiss Film, der länger als alle Bollywood-Streifen zusammen ging. Und dann, als endlich der Abspann kam, folgte der Trailer zum nächsten Thriller: Krieg.

Mein Herz fühlt sich in den letzten Tagen schwer an. Es kommt mir absurd vor, dass ich zur Arbeit gehen darf, mich mit Freunden und Familien treffen kann und meinen Sommerurlaub plane während andere Menschen sich verabschieden müssen – von ihren Familien, ihrem Zuhause. Es stört mich, dass ich weiss, dass solche schrecklichen Dinge nicht erst seit gestern passieren, sondern an verschiedenen Orten der Welt Alltag sind und man kaum etwas darüber liest, nicht spendet oder sein Facebook-Profilbild in die Flagge des jeweiligen Landes ändert.

Aber wenn das Schrecken näher rückt, dann kriegen wir Angst, weil wir selbstsüchtige und ignorante Wesen sind und uns nichts mehr tangiert, als die Vorstellung, dass unser eigenes Leben in Gefahr sein könnte.

Manchmal erdrückt mich das Gefühl, einfach nur Glück gehabt zu haben. Glück, dass meine Eltern für mich ihr Land verlassen haben, um mir Perspektiven zu bieten. Glück, dass ich an einem Ort lebe, in dem nicht gebombt wird. Aber wie fragil ist Glück? Wie schnell wird aus Glück Unglück? Wie schnell wird aus Sicherheit Unsicherheit? Wie schnell können einem Privilegien genommen werden? Schnell.

Laut einer Studie leiden viele Menschen der jüngeren Generationen unter sogenanntem «Weltschmerz». Denn es gibt derzeit viele Gründe, die einen in die Verzweiflung treiben können: Krieg, Pandemie, Klimakrise und ungewisse Zukunft zum Beispiel. Das führt dazu, dass man sich hilflos, gelähmt, wütend, traurig und überfordert fühlt. Und das ist auch okay.

Aber es ist genauso okay, wenn man sich über schöne Dinge erfreut, die Nachrichten mal ausschaltet, Pläne für die eigene Zukunft schmiedet und hoffnungsvoll ist. Denn die harte Realität ist, dass unser Weltschmerz die Welt nicht heilen wird. Aber er könnte dazu führen, dass unsere Psyche durch die vielen negativen Gedanken erkrankt. Und was bringt uns eine schöne Welt, wenn wir das Schöne nicht sehen können?

Über mich
Ich bin Miryam, meine Freunde nennen mich mal Mimi, mal Miri. Seit ich 17 bin, schreibe ich für verschiedene Zeitungen und Portale. Meine Zwanziger hätte ich mir eher so als «Roaring Twenties» statt Apokalypsenstimmung gewünscht. Schreiben ist mein Ventil und hilft mir dabei, Dinge einzuordnen und zu verarbeiten. Weil ich weiss, dass man weniger Herzschmerz hat, wenn die beste Freundin ebenfalls eine Trennung durchmacht, teile ich hier Gedanken unserer Generation. So können wir zusammen Vanilleglace löffeln, bisschen weinen, aufregen und lachen.

Hast du Fragen, Kritik und Anregungen? Dann schreib mir an miryam.koc@stgallen24.ch oder auf Instagram.

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